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"Er hat die Dinge in einen ganz unvergleichlichen Sound gebracht"

Länder: Deutschland

Tags: Günter Grass, Sigrid Löffler, Interview

Sigrid Löffler debattierte zwölf Jahre lang als ständige Teilnehmerin mit Marcel Reich-Ranicki im "Literarischen Quartett" über die neuesten Bücher. ARTE Journal hat sich mit ihr über Leben und  Werk von Günter Grass unterhalten. Für die österreichische Literaturkritikerin ist der Literaturnobelpreisträger DIE deutsche Stimme schlechthin zur deutschen Zeitgeschichte, auch wenn er mit seiner Art etwas aus der Mode gekommen ist.

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ARTE Journal: Welchen Stellenwert hat das Werk von Günter Grass im deutschsprachigen Raum?

Sigrid Löffler: Günter Grass hatte eine Doppelbegabung, einerseits war er Schriftsteller, Wortkünstler und andererseits Bildkünstler, das heißt Bildhauer, Maler und Grafiker. Dieser Aspekt ist ganz wichtig im Hinblick auf die Umschläge für seine Bücher. Günter Grass war ein politischer Intellektueller, der sich über ein halbes Jahrhundert hinweg, mit seinen Einsprüchen und mit seinem Gegendiskurs polemisch in die deutsche Zeitgeschichte eingemischt hat. Die Stimme von Günter Grass ist aus der deutschen Zeitgeschichte vor und nach der Wende nicht mehr wegzudenken.

 

Günter Grass war ein politischer Intellektueller, der sich über ein halbes Jahrhundert hinweg, mit seinen Einsprüchen und mit seinem Gegendiskurs polemisch in die deutsche Zeitgeschichte eingemischt hat.

 

Mit seiner Literatur hat Günter Grass Welterfolge gefeiert und sich einen Platz in der Weltliteratur gesichert. Was wird dort fehlen?

Sigrid Löffler: Ich denke, er ist DIE deutsche Stimme schlechthin zur deutschen Zeitgeschichte, und zwar vom Dritten Reich an. Das Dritte Reich hat er genauso reflektiert wie die Adenauer-Zeit und den Aufstieg der Sozialdemokratie unter Willy Brandt. Was ihm ebenso am Herzen lag, war das deutsch-polnische Verhältnis, welches in seinem Werk eine wichtige Stellung einnimmt. Ebenfalls hervorzuheben ist sein kritischer Einspruch zur Wende 89. Ihm zufolge war diese überhastet und ein materieller und moralischer Ausverkauf der DDR. Mit seinen Äußerungen war er damals eine sehr rare Gegenstimme, aber meiner Meinung nach eine besonders wichtige Stimme in der allgemeinen Euphorie der Wiedervereinigung. Manchmal hat er sich natürlich auch vergaloppiert. Seine Wortmeldungen ließ er in den letzten Jahren ohne vielleicht wirklich gründlich zu überlegen und die Sache zu durchdenken in die Zeitungen setzen. Dafür hat er sehr viel Kritik, harschen Widerspruch, Spott, Häme und Anfeindungen bekommen.


 

Die "Danziger Trilogie" sind Texte, die Zeugnischarakter haben und die bleiben werden. Sie haben auch eine europäische Bedeutung, nicht zuletzt auch wegen der großen Sprachgewalt von Günter Grass.

 

Günter Grass hat sich immer dafür eingesetzt, dass wir Deutschen nicht vergessen, was in unserer jüngsten Geschichte passiert ist. Wie ist es zu bewerten, dass jemand auch im Ausland so eindeutig dafür gerade steht?

Sigrid Löffler: Ich denke sein literarisch wichtigstes und bedeutendstes Werk ist die "Danziger Trilogie". Sie beginnt mit "Der Blechtrommel" und geht über "Katz und Maus" bis zu den "Hundejahren". In seiner Trilogie stellt er die deutsche Kleinbürgerwelt im Danzig der Vorkriegs- und der Kriegszeit dar. Das sind Texte, die Zeugnischarakter haben und die bleiben werden. Sie haben auch eine europäische Bedeutung, nicht zuletzt auch wegen der großen Sprachgewalt von Günter Grass. Er hat die Dinge selbst erlebt und sie auf ganz wunderbare Weise mit seiner Sprachverliebtheit in einen ganz unvergleichlichen Sound gebracht. Ich denke, dass vor allem seine Sprache bleibt, die etwas ganz Eigentümliches ist - diese passionierte barocke Sprachverliebtheit, dieser etwas altfränkische, gespreizte Erzählstil, den er an den Tag gelegt hat. Das hat niemand außer Günter Grass. 

 

Günter Grass war ein altmodischer Aufklärer. Ich denke, dass er mit seiner Querköpfigkeit und in seinem polternden Duktus eine ganz wichtige Stimme im Gegendiskurs zu den jeweils herrschenden Meinungen war.

 

Günter Grass war sehr auch politisch sehr engagiert und hat sich klar positioniert. Wie wichtig war das und was kann man daraus lernen?

Sigrid Löffler: Günter Grass war ein altmodischer Aufklärer. Ich denke, dass er mit seiner Querköpfigkeit und in seinem polternden Duktus eine ganz wichtige Stimme im Gegendiskurs zu den jeweils herrschenden Meinungen war. Seine Meinungen sind dabei gar nicht so wichtig, sondern die Haltung. Diese Haltung hat sich gar nicht so sehr verändert, allerdings hat sich natürlich die Öffentlichkeit in Deutschland, vielleicht auch in Europa sehr geändert. Heute ist Günter Grass‘ Art von Instanzhaftigkeit als „Praeceptor Germaniae“, der er lange gewesen ist, nicht mehr gefragt. Die jüngere Generation findet das uncool, vielleicht ist heute eher eine ironische Haltung gefragt und nicht mehr diese Art von politisch, moralischer Rechtschaffenheit und diese Besessenheit, sich zu Wort zu melden. Das ist heute gar nicht mehr angesagt, klingt ein bisschen altmodisch und Grass ist dadurch natürlich ein wenig aus der Mode gekommen. Außerdem hat er sich angreifbar gemacht, als er in seiner Autobiografie beim „Häuten der Zwiebel“ sehr verspätet enthüllt hat, dass er als 17-Jähriger bei der Waffen-SS gewesen ist. Infolgedessen wurde ihm nicht vorgeworfen, dass er dabei gewesen ist, sondern, dass er seine Aktivität bei der Waffen-SS so lange Jahre verschwiegen hat. Das hat seine Glaubwürdigkeit ganz erheblich beschädigt.

 

Im April 2012 ist eine Welle der Kritik über Günter Grass hereingebrochen. Ich habe diese gestanzten Empörungsrituale, diesen richtigen Shit-Storm damals als sehr übertrieben empfunden.

 

Günter Grass übte offen Kritik an der Israel-Politik und stieß damit auf große Gegenkritik. Wie muss man so etwas bewerten? Hat Günter Grass seine Haltung nicht einfach nur ehrlich vorgetragen?

Sigrid Löffler: Ich denke, dass er diese Israel-Kritik vielleicht ein bisschen unüberlegt und nicht richtig durchdacht vorgebracht hat. Israel ist immer ein heikler Kritikpunkt, mit dem man sich eigentlich immer in die Nesseln setzt. Was auch immer ein Intellektueller dazu sagt, es wird von irgendeiner Seite missverstanden werden. Im April 2012 ist eine Welle der Kritik über Günter Grass hereingebrochen. Ich habe diese gestanzten Empörungsrituale, diesen richtigen Shit-Storm damals als sehr übertrieben empfunden. Das war ein Zeichen großer Unduldsamkeit in der Öffentlichkeit, eine Tyrannei der „political correctness“. Die Öffentlichkeit hat Günter Grass richtig verfemen wollen, das war übertrieben.

Er hat natürlich jedes Recht, auch irrige Meinungen über Israel zu äußern. Wenn es denn seiner tatsächlichen politischen Sorge entspricht - und das war der Fall. Ich möchte an den Satz von Jean-Paul Sartre erinnern, der sagte: „Der Intellektuelle ist jemand, der sich um Dinge kümmert, die ihn nichts angehen“. Und genau das war der Fall bei Günter Grass. Er war in diesem Sinne geradezu der Erzintellektuelle, der sich immer um die „res publica“ gekümmert hat, obwohl ihn niemand dazu legitimiert hat, und obwohl ihn die Dinge letztlich natürlich als Privatmann nichts angegangen sind. Aber er hat es getan und das ist, glaube ich, seine Größe.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016