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Einige EU-Länder umwerben Firmen

Länder: Europäische Union

Tags: Unternehmen, Steuerparadies

Die Nähe zu Frankreich, das vorteilhafte Steuersystem ... Ashford, die erste Stadt auf der englischen Seite des Ärmelkanal-Tunnels, lockt immer mehr französische Firmen an. Doch nicht nur Großbritannien, auch andere Staaten der Europäischen Union umwerben ausländische Konzerne mit geringem Bürokratieaufwand und günstigen Steuerregelungen. Manchmal werden die Grenzen der EU-Rechtsvorschriften dabei arg beansprucht.

 

Niederlande: ein Eldorado für Unternehmen

In den Niederlanden mit ihren 17 Millionen Einwohnern herrschen paradiesische Zustände für die Wirtschaft: Dort haben sich rund tausend französische Tochtergesellschaften niedergelassen! 2011 hat die Industrie- und Handelskammer von Paris Ile-de-France in ihrem Bericht nachgewiesen, dass die ins Land fließenden Gelder das Vierfache seines Bruttoinlandsprodukts betragen, d. h. 2 564 Milliarden Euro.

Für diesen Erfolg gibt es mehrere Erklärungen. Zum einen lässt sich eine Unternehmensniederlassung auf niederländischem Boden sehr leicht bewerkstelligen: Die notarielle Eintragung reicht, man muss dabei nur knapp zwei Dutzend Dokumente vorlegen. Zum anderen ist das niederländische Steuersystem sehr vorteilhaft für Holdinggesellschaften. Das so genannte „Mutter-Tochter-System“ erspart die Zahlung von Steuern auf Dividenden und Veräußerungsgewinne der Unternehmen. Ein anderes Beispiel für eine hanebüchene steuerliche Ungleichheit: Die Niederlande kommen, wie die französische Finanzzeitung Les Echos berichtet, in den Genuss eines Körperschaftssteuersatzes von 25,5 %; in Frankreich dagegen werden satte 64,7 % abgezogen. Der niederländischen Zeitung De Volkskrant zufolge lassen multinationale Konzerne ungefähr 12 000 Milliarden Euro über die Niederlande laufen. Letzter Grund: die „Tax Rulings“ („Vorbescheide“), d. h. die verbindlichen Absprachen zwischen einer Steuerbehörde und einem Unternehmen. Sie garantieren dem Unternehmen, dass es fünf Jahre lang keinerlei Steuererhöhung zu erwarten hat.

 

Irland: Das Steuerparadies steht vor dem Aus

In Irland dagegen wendet sich das Blatt. „Bald ändern sich die Regeln“, betonte der irische Finanzminister Michael Nooman in seiner Haushaltsrede vom 14. Oktober. Bei dieser Gelegenheit gab das Land offiziell bekannt, dass es sein Steuerschlupfloch namens „Double Irish“ („Doppelter Ire“) schließen werde. Mit diesem Trick konnten die Firmen dank einer Sonderregelung dem Fiskus ihrer europäischen Niederlassungsländer entgehen. Viele multinationale Konzerne haben von diesem Steueroptimierungsmodell profitiert, zum Beispiel in der Technologie- und in der Pharma-Branche (Google, Amazon.com, Apple, Abbott Laboratories u.a.). Die Financial Times schreibt, im Vorfeld habe die EU-Kommission von Irland verlangt, diese Sonderregelung aufzuheben, und andernfalls Ermittlungen angedroht. Brüssel zufolge habe die US-amerikanische Firma Apple lediglich 2 % Steuern auf ihre Gewinne in Europa zahlen müssen, was nicht hinnehmbar sei.

Die „Wende“ tritt zum 1. Januar 2015 in Kraft.

Céline Peschard

 

 

Zuletzt geändert am 17. Januar 2017