|

Einem jungen Sahraui droht lebenslange Haft

Länder: Spanien

Tags: Westsahara, Marokko, Hassanna Aalia

Hassanna Aalia ist 26 Jahre alt, ein Student mit Träumen und Zielen wie jeder andere. Oder fast. Denn Hassanna Aalia kann seine Träume vielleicht niemals leben. Er ist Sahraui. Sein Volk kommt aus der Westsahara. Nachdem sich Spanien Mitte der 70er Jahre als Kolonialmacht aus der Westsahara zurückzog, riss sich Marokko den Landstrich unter den Nagel. Seitdem leben viele Sahrauis im Exil oder in Flüchtlingscamps. Um gegen die marokkanische Besatzung und für die Unabhängigkeit der Sahraui zu demonstrieren, nahm Hassanna Aalia im Oktober 2010 an einem Protestcamp in der Westsahara teil. 

Als die marokkanischen Behörden das Protestcamp auflösen, kommt es zu gewaltsamen Zusammenstössen zwischen den Demonstranten und den Einsatzkräften. Laut der marokkanischen Behörden kamen 11 Polizisten bei dem Einsatz ums Leben. Die Polisario, eine politische und militärische Bewegung, die die Interessen der Sahrauis vertritt, bestreitet diese Darstellung der Behörden. 

Im Januar 2011 wird Hassanna Aalia von der marokkanischen Polizei festgenommen und verhört. Er weigert sich jedoch ein Geständnis zu unterschreiben. Laut seinen Aussagen wurde er deshalb gezwungen, seinen Fingerabdruck unter das Schriftstück zu setzen. Bei dem darauffolgenden Prozess vor einem Zivilgericht galt das Geständnis jedoch als ungültig, da seine Anwälte die Frage aufwarfen, wieso ein studierter Sahraui ein Schriftstück nicht unterschreiben könne. Hassanna wurde daraufhin zu vier Monaten auf Bewährung verurteilt. Im Oktober 2011 erlangt er ein Stipendium für ein Studium in Spanien. Er verlässt also Marokko. In seiner Abwesenheit wird der junge Mann von einem marokkanischen Militärgericht zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Am 19. Januar 2015 weisen die spanischen Behörden seinen Asylantrag zurück. 

Christian Gropper hat Hassanna Aalia bei den Dreharbeiten zu dem Dokumentarfilm „Das vergessene Volk der Westsahara“ kennengelernt, der am 28. April auf ARTE ausgestrahlt wird. Er ist regelmäßig in Kontakt mit dem jungen Sahraui und versucht ihn bei seinem Kampf gegen die drohende Auslieferung an Marokko zu unterstützen. Im Interview erklärt er uns den derzeitigen Stand im Fall Hassanna Aalia. 

 

Auf den ersten Blick würde man ihn ganz bestimmt nicht als Rebellen einschätzen, der an erster Front für die Interessen seines Volkes kämpft.

 

Herr Gropper, Sie haben Hassanna Aalia während der Dreharbeiten zu Ihrem Dokumentarfilm „Das vergessene Volk der Westsahara“ kennengelernt. Wie würden Sie den jungen Mann beschreiben?

Hassanna ist ein eher zurückhaltender und schüchterner junger Mann. Auf den ersten Blick würde man ihn ganz bestimmt nicht als Rebellen einschätzen, der an erster Front für die Interessen seines Volkes kämpft. Er ist eine sehr nachdenkliche und angenehme Person. Das spiegelt sich sicherlich auch in dem friedlichen Protestcamp wieder, an dem er mitgewirkt hat und für dessen Beteiligung er nun verurteilt wurde.

 

Weshalb verweigert die spanische Regierung Hassana Aalia die Unterstützung?

Da kann ich nur Vermutungen anstellen. Sicherlich will Spanien es sich nicht mit Marokko verscherzen. Die beiden Länder pflegen gute wirtschaftliche und politische Beziehungen. Und was den Konflikt mit den Sahrauis angeht, so scheint  es da ein stilles Übereinkommen zwischen Spanien und Marokko zu geben: Spanien mischt sich in den Konflikt nicht ein. In vorherigen Fällen hat Spanien auch immer im Sinne Marokkos entschieden.

Der Fall Hassanna Aalia ist in Spanien inzwischen zu einem richtigen Politikum geworden. Mehr als 200 NGOs und Institutionen stehen hinter ihm und viele Medien berichten über seine bevorstehende Abschiebung.

 

Aber der Fall Hassanna Aalia ist in Spanien inzwischen zu einem richtigen Politikum geworden. Mehr als 200 NGOs und Institutionen stehen hinter ihm und viele Medien berichten über seine bevorstehende Abschiebung – darunter auch die großen wie die Zeitung El Païs. Und auch die Bevölkerung sieht das ganz anders als die Regierung. Viele junge Spanier versuchen Hassanna Aalia zu helfen und in den Sozialen Netzwerken verbreitet sich seine Geschichte wie ein Lauffeuer.

 

Was droht Aalia im Falle einer Auslieferung an Marokko?

Zunächst einmal muss man wissen, dass Hassanna Aalia zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. In Marokko heißt das auch wirklich lebenslang. Aus Berichten von Amnesty International oder Human Rights Watch wissen wir zudem, dass Sahrauische Gefangene oft noch schlechter behandelt werden als kriminelle Gefangene und dass Folter in marokkanischen Gefängnissen keine Seltenheit ist. Erst kürzlich gab es wieder eine Meldung von einem jungen Sahraui, der unter ungeklärten Umständen in einem marokkanischen Gefängnis gestorben ist. Hinzu kommt der ganze öffentliche Wirbel, den der Fall Aalia ausgelöst hat. Das sind sicherlich keine guten Voraussetzungen um eine Haftstrafe anzutreten.

 

Wie schätzen Sie die Chancen Aalias ein, doch noch Asylgewähr in Spanien zu erlangen?

Am 19. Februar wurde der Einspruch von Hassanna Aalia gegen seine Auslieferung an Marokko erneut von einem spanischen Gericht abgelehnt. Seine Anwälte wenden sich jetzt an die höchste gerichtliche Instanz in Spanien, um eventuell doch noch ein anderes Urteil zu erringen. Aber das ist nicht sehr wahrscheinlich. Die letzte Möglichkeit wird wohl dann der Weg vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg sein. Wichtig ist, seine Geschichte möglichst lange in der Öffentlichkeit zu halten. Doch die Frage die sich auch stellt, ist, ob Spanien am Fall Aalia ein Exempel statuieren möchte. Damit würde die Regierung vermeiden, dass danach der nächste Asylsuchende Sahraui nach Spanien kommt und Spanien innenpolitisch und auch außenpolitisch in Bezug auf Marokko Stellung in dem Konflikt beziehen muss.

Obwohl das letzte Gerichtsurteil Hassanna sehr niedergeschmettert hat, bleibt er positiv: immerhin wird der Konflikt in der Westsahara erneut in den Medien thematisiert.

 

 

Sie sind noch regelmäßig in Kontakt mit Hassana Aalia. Wie sieht er seiner Zukunft entgegen?

Ich habe erst gestern mit Hassanna geskypt und obwohl ihn das letzte Gerichtsurteil sehr niedergeschmettert hat, bleibt er positiv: immerhin wird der Konflikt in der Westsahara erneut in den Medien thematisiert. Und die große Unterstützung von vielen jungen Spaniern macht ihm Mut.

 

 

Die sahrauische Jugend lebt abgeschottet von der Welt, weiß aber sehr wohl um die Möglichkeiten, die diese bietet. Wie alle jungen Menschen haben sie Träume, die sie aber in der heutigen Situation nicht verwirklichen können. 

 

Sie haben bei Ihren Dreharbeiten auch viele andere junge Sahrauis getroffen. Wie würden Sie allgemein die Stimmung vor Ort beschreiben?

Man muss sich vorstellen, dass weit mehr als 100 000 Sahrauis in Flüchtlingslagern leben und noch einmal doppelt so viele in von Marokko besetzten Gebieten. Zwei Drittel der sahrauischen Bevölkerung sind Jugendliche oder junge Erwachsene. Die kennen nichts anderes und mit den Jahren schwindet auch die Hoffnung, dass sich an ihrer Situation je etwas ändert. Bisher hält die Polisario die Jugend ruhig und sorgt dafür dass alle eine gute Ausbildung bekommen. Die Sahrauis sind ein sehr tolerantes Volk und aktuell besteht wohl keine akute Kriegsgefahr. Aber das kann sich auch ändern: Diese Jugend lebt abgeschottet von der Welt, weiß aber sehr wohl um die Möglichkeiten, die diese bietet. Wie alle jungen Menschen haben sie Träume, die sie aber in der heutigen Situation nicht verwirklichen können. 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016