"Eine Geburt ist nicht versicherbar"

Länder: Deutschland

Tags: Hebammen

Sabine Dörpinghaus ist Hebamme, Pflegewissenschaftlerin und Professorin für Hebammenkunde an der Katholischen Hochschule Köln. Im Interview mit Rebecca Donauer beleuchtet sie die aktuelle Situation der Hebammen aus einer philosophischen, ethischen und anthropologischen Sicht.

Geburt ist kein Vorgang, der sich normieren lässt, so wie wir ihn in der Industrie oder einer Schreinerei finden würden.

 

Rebecca Donauer für ARTE Journal: Was sind die größten Sorgen der Hebammen heute?

Sabine Dörpinghaus: Dass von ihnen nicht weniger erwartet wird, als dass sie über Leben und Tod herrschen. Dabei ist Geburt ein lebendiger Vorgang und mit der Lebendigkeit geht einher, dass auch Unbestimmtheiten auftauchen. Geburt ist kein Vorgang, der sich normieren lässt, so wie wir ihn in der Industrie oder einer Schreinerei finden würden. Damit meine ich, dass Hebammen sorgenvoll zur Kenntnis nehmen, dass sich heutzutage keiner mehr die Mühe macht die geburtshilflichen Debatten in ihrer Tiefenstruktur zu begreifen und Grundsatzfragen des Menschseins in den Fokus nimmt. Die Diskussion um die Berufshaftpflichtversicherung und das Alleingelassenwerden der Hebammen ist dabei nur ein trauriges Symptom. Grundsätzlich fällt doch auf, dass der Zugang zur Geburt zunehmend über Regularien wie der Rechtsprechung, Ökonomie mit ihrem Effizienzkult oder anderen fragwürdigen Konzepten, wie dem Qualitätsmanagement gesucht und gesehen werden. In der Folge kommt es zu einer kategorischen Ablehnung von etwas, was nicht sein darf (Krankheit, dramatische Verläufe im Sinne von Unbestimmtheiten) und damit zu einem exzessiven Machbarkeitsdenken und Zugriff auf dieses Geschehen. Da Hebammen unter der Geburt jedoch mit dem Lebendigen betraut sind, erleben und wissen sie, dass Unbestimmtheiten unter der Geburt nicht auszuschalten sind."

 

Leben und das Lebendige an sich ist nicht versicherbar.

 

Kann man eine Geburt überhaupt versichern?

Sabine Dörpinghaus: Nein, denn Leben und das Lebendige an sich ist nicht versicherbar. Auch wenn dies gesellschaftlich sicherlich schwierig zu vermitteln ist – eine philosophisch-anthropologische Reflexion lässt keinen anderen Schluss zu. Ich plädiere für eine Geburtskultur, in der akzeptiert werden kann, dass die geburtshilfliche Situation – genau genommen unser ganzes Leben – durch einen hohen Grad an Nicht-Standardisierbarkeit und einer letztlich irreduziblen Unsicherheit gekennzeichnet ist – denn nur so kann und darf das Lebendige hervortreten und wird erlebbar.

 

Geht es bei der Diskussion um die Haftpflichtversicherung allein ums Geld oder steckt da noch etwas anderes hinter?

Sabine Dörpinghaus: Es geht aus meiner Sicht derzeit um gesellschaftlich nicht diskutierte Fehlströmungen. Da wir in einer Zeit leben, in der die Konzepte Maschine und Leben vermischt werden, kommt es in Folge dazu, dass Allheilmittel und flotte Rezepte auch auf den geburtshilflichen Kontext übereilt übertragen und nicht kritisch reflektiert werden. Insbesondere sitzen wir der Fehlmeinung auf, dass Sicherheitsversprechungen (siehe die mittlerweile breite Angebotspalette der pränataldiagnostischen Möglichkeiten) eine wundervolle Kraft sind, uns vor risikoreichen Unbestimmtheiten zu bewahren. Dabei sind wir in der Geburtshilfe aufgefordert, über die fließenden Grenzen zwischen aktivem Gestalten und der Annahme des Gegebenen nachzudenken.

 

Wieso glauben viele, dass Hebammen nicht mehr gebraucht werden?

Sabine Dörpinghaus: Ich führe dies darauf zurück, dass das physikalische Weltbild und das hiermit einhergehende Festkörpermodell immer wieder zu der falschen Annahme verleiten, dass alles gegenständlich und abbildbar ist. Das Leitbild des Festkörpers ist für die Entwicklung von Technik und Diagnostik hilfreich, eine ganze Reihe erlebnisrelevanter Phänomene fallen damit jedoch unter den erkenntnistheoretischen Tisch. In der Geburtsmedizin ist heutzutage das Ding, die Sache oder Substanz das verbreitete Leitbild der Ontologie. Die mechanistische Vorstellung verführte Mediziner und Radiologen beispielsweise im Jahr 2010 dazu, eine Geburt im MRT -Magnetresonanztomographen stattfinden zu lassen. Sehen wir einmal von der fragwürdigen Atmosphäre für die Gebärende ab, fällt ins Auge: Das Bild, Abbildbare verleitet gerade heutzutage zu dem Aberglauben, dass alles – eben auch eine Geburt – standardisiert darstellbar und steuerbar ist. Diese instrumentelle Einstellung funktioniert vermutlich noch gegenüber dem Körper (den man vielleicht in einem Fitnesscenter stählen kann) – unter der Geburt trägt dieser Ansatz dagegen nicht, denn hier ist die Gebärende auf die Selbsttätigkeit ihres Leibes angewiesen: Sie kann die Eröffnung ihres Muttermundes nicht steuern – vielmehr hängt dieser Prozess von komplexen Faktoren ab – beispielsweise, ob sie sich Fallenlassen und Gehenlassen kann. In unserer Zeit gibt es nur noch wenige (gesellschaftlich akzeptierte) Bereiche, wo wir dieser Selbsttätigkeit unseres Leibes Bedeutung beimessen, wie beispielsweise im Zusammenhang mit Sexualität, Entspannung, dem Empfinden von Geborgenheit oder dem Einschlafen.

 

In unserer Kultur geht die Tendenz zunehmend in die Richtung, zu meinen, dass Geburt ein Produkt ist.

 

Was hat das mit unserer Kultur zu tun?

Sabine Dörpinghaus: "In unserer Kultur geht die Tendenz zunehmend in die Richtung zu meinen, dass Geburt ein Produkt ist, welches hergestellt werden kann. In Geburtsvorbereitungskursen entdecken Frauen bzw. Paare dann meist verwundert, dass das Leben nicht nur steuerbare Elemente vorhält. Diese Entdeckung ist dann vor allem fremd und ungewohnt, weshalb es in Folge zunehmend zu der Auffassung kommt, dass man eher ein Team von Steuermann / Mechaniker und Juristen benötigt – aber eben keine geburtshilfliche Fachfrau für Leiblichkeit. Dabei lebt Hebammesein davon, ein Beziehungsberuf zu sein. Hier geht es um Vertrauen, Fallenlassenkönnen, Empathie usw., und diese Beziehungsarbeit lässt sich nicht herstellen. Damit Beziehung entsteht, muss man schlichtweg etwas verschenken: Zeit zum Verstehenwollen, zum Ausredenlassen. Demgegenüber funktioniert eine Maschine nach den Zielen, die der Hersteller vorgibt. Ich halte es mit dem Medizinethiker Giovanni Maio: der Ansatz, Leben als komplexe Maschine zu betrachten, entwertet alles Lebendige."

 

Wie sehen Sie die Zukunft des Hebammenberufs?

Sabine Dörpinghaus: "Ich halte diesen Beruf für unverzichtbar. Ich glaube aber auch, dass wir noch – geburtshilflich gesehen - ein tieferes Tal durchschreiten müssen. Menschen lernen sehr langsam und nur durch (schmerzhafte) Irritationen. Die Zukunft des Hebammenberufs hängt davon ab, ob wir es schaffen, das Wissen dieser weisen Frauen (beispielsweise zur Geburtsbegleitung oder Beckenendlage) über diese Trockenperiode hinweg zu erhalten. Mutig stimmt mich dabei der Akademisierungsprozess. Nicht weil studierte Hebammen die Klügeren wären – sondern weil die Praxis (weg von einer Einheitswissenschaft) durch einen mehrdimensionalen wissenschaftlichen Ansatz weiterentwickelt werden kann. Dabei wird gerade das Spannungsfeld zwischen evidenzbasierter Hebammenkunde und einer geistes- und sozialwissenschaftlichen Perspektive dem Hebammenhandeln über ein technisch-naturwissenschaftliches Verständnis hinweghelfen. Von der Ergänzung der berufspraktischen Kompetenzen durch bezugswissenschaftliche Expertise verspreche ich mir sehr viel."

 

Woran liegt es, dass Hebammen so eine schlechte Lobby haben?

Sabine Dörpinghaus: "Ich glaube nicht, dass Hebammen grundsätzlich eine schlechte Lobby haben – immerhin stehen sie an der Wiege zur Menschwerdung – nur eben in bestimmten Kreisen, in denen ein reduktionistischer Denkstil vorherrscht. Hebammen sind und bleiben anthropologische Schlüsselfiguren – auch wenn Jurisprudenz, Ökonomie, technologisch-rationales Planungsmanagement oder politische Gesetzgebung eine andere Vorstellung von dem Beruf haben."

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016