Ein Volk ohne Land (1/6), von Laurent Gaudé

Länder: Irak

Tags: Flüchtlinge, Literatur, Kurdistan

Erstes Kapitel der Reisebeschreibung nach Kawergorsk, im Herzen des kurdischen Nord-Irak.

Als wir Erbil verlassen, verschwinden hinter uns die Kräne der Baustellen und die riesigen Werbeschilder, auf denen man Bauwerke wie in den Arabischen Emiraten und Luxushotels verspricht, um Investoren und Verkehrsstaus anzulocken. Zwanzig Minuten später rollen wir über eine breite, zweispurige Straße und verlassen dann die Achse Erbil-Mosul in Richtung Kawergosk. Eine trockene Landschaft. Wir denken daran, dass der französische Archäologe Paul-Emile Botta im 19. Jahrhundert nur wenige Kilometer nördlich von hier die geflügelten Stiere von Khorsabad entdeckte, die heute in der mesopotamischen Abteilung des Louvre stehen... und dass in dieser verwüsteten Gegend die Schlacht von Gaugamela tobte, eine der größten der Weltgeschichte, in der ein noch junger Alexander der Große die Armee des Dareios niederrang. Auf der gewundenen Straße fahren wir über die Kämme der kleinen Hügel, bremsen dann ab. Der erste Checkpoint holt uns zurück in die Gegenwart. Seit dem Attentat in Arbil am 29. September 2013 fürchten die kurdischen Behörden, die al-Nusra-Front (eine zur Al-Qaida gehörende Terrorgruppe) nutze den Flüchtlingsstrom, um unbemerkt ins Land zu kommen und den Konflikt nach Kurdistan zu tragen. Bis jetzt ist die Enklave im Norden des Landes bei weitem die friedlichste Gegend der neuen Republik Irak. Während Bagdad, Kirkuk und Mosul verwüstet sind und in dem Krieg zwischen Sunniten und Schiiten zerrieben werden, der angesichts der bevorstehenden Wahlen im Frühjahr 2014 heftiger tobt denn je, glaubt Kurdistan als autonome irakische Region an sein Glück, ans Wirtschaftswachstum und an seinen Traum von der  Unabhängigkeit. Von Europa aus ist die Komplexität der Lage in diesem Teil der Welt nur schwer zu erfassen: Der Syrienkonflikt und die zwei Millionen Flüchtlinge (zehn Prozent der syrischen Bevölkerung) komplizieren eine ohnehin schon heikle politische Situation, in der die irakischen Kurden unter Präsident Massoud Barzani zusehends auf die Unabhängigkeit vom Irak drängen.

"In einer kleinen Senke liegt ein Meer aus weißen Zelten, so weit das Auge reicht; ordentlich aufgereiht"

 

Wir fahren weiter. Die Straße wird schmaler. Dann, hinter der letzten Kurve, auf einer Hügelkuppe, sehen wir das Lager. In einer kleinen Senke liegt ein Meer aus weißen Zelten, so weit das Auge reicht; ordentlich aufgereiht nach einem simplen Muster und mit Stacheldraht umzäunt. Wir sind im irakischen Kurdistan, doch jetzt betreten wir einen anderen Raum, eine andere Welt: das Flüchtlingslager von Kawergosk. 

Wie wird aus einem Gelände ein Flüchtlingslager? Warum entschied man, die kurdischen Flüchtlinge aus Syrien ausgerechnet hier anzusiedeln, in Kawergosk? Was war hier vorher? 

Unser Blick fällt sofort auf drei, vier Steingebäude mitten im Lager. Es sind Bauernhöfe. Und darin, mitten unter den Flüchtlingen, leben Familien. Im August mussten sie zusehen, wie hier in wenigen Tagen 10 000 Menschen eintrafen. Jetzt ist ihr Land von Stacheldraht eingezäunt. Die Verhandlungen mit den Behörden über eine Enteignung mit Ausgleich laufen, doch solange sie nicht abgeschlossen sind, leben diese Menschen weiter zwischen den Zelten. Und so beobachtet man hier haarsträubende Szenen: Während der Eingang zu dem umzäunten Lager gut bewacht ist, öffnet ein zwölfjähriges Mädchen völlig unbeachtet eine Tür im Zaun und führt rund hundert Schafe hinein. Es scheint, als gingen die Schafe hier freier ein und aus als die Menschen... Zunächst deuteten wir diese Absurditäten als Zeichen der Eile, mit der die Behörden auf die Ankunft der Flüchtlinge reagieren mussten. Doch wir lagen falsch. Die Geschichte ist noch ironischer: Die Menschen, die vorher auf dem Gelände wohnten, sind selber Flüchtlinge. Vor zwanzig Jahren wurden sie von Saddam Husseins Regime aus ihrer Heimat vertrieben, weil sie Kurden waren. Im Laufe der Zeit sind sie hier sesshaft geworden. Und jetzt, zwanzig Jahre später, wiederholt sich die Geschichte auf dem gleichen Stückchen Land. Die Kurden, die gestern vor Saddam Hussein flohen und der Vergasung im Norden entgingen, sehen heute die Kurden kommen, die von Baschar al-Assads Bomben fliehen. Als wäre dieses Fleckchen Erde zwischen den zwei Hügeln nur dafür gedacht, die Vertriebenen der Geschichte aufzunehmen.   

"Nach den vielen Prüfungen, die das kurdische Volk in seiner Geschichte bestehen musste, empfangen die irakischen Kurden heute die Kurden aus Syrien."

 

Nach den vielen Prüfungen, die das kurdische Volk in seiner Geschichte bestehen musste, empfangen die irakischen Kurden heute die Kurden aus Syrien. Die einen kämpfen für die Unabhängigkeit, die anderen fliehen aus einem zerrissenen Land. All das trägt Kawergosk in sich, und die Erde ist sicher ganz versalzen von all den Tränen, die heute und vor zwanzig Jahren hier vergossen wurden. Wenn man durch die Gänge des Lagers geht, sieht man auf vielen Zeltdächern die kurdische Flagge mit der einundzwanzigstrahligen Sonne. Ein Großkurdistan wird es wohl so bald nicht geben, doch der Traum von einem föderalen Staat aus einem irakischen, syrischen, türkischen und iranischen Kurdistan setzt sich allmählich durch. Um das alles geht es heute auf diesem Stück Land, das die Vergessenen der Geschichte eines Tages endlich „ihr Land“ nennen möchten.