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"Ein politischer 11. September", "ein ungezügelter Egozentriker": Die europäische Presse reagiert auf die Wahl Donald Trumps

Länder: Vereinigte Staaten Von Amerika

Tags: Presseschau, US-Präsidentschaftwahl, Donald Trump

Die meisten Journalisten, Umfrageinstitute und Analysten sagten einen Sieg Clintons voraus… Dass der Milliardär Donald Trump gewinnt, hat deswegen mehr als nur überrascht. Der 8. November 2016 markiert ein einschneidendes Datum. Für Europa hat das Ergebnis eine ganz eigene Bedeutung, besonders im Jahr vor den wichtigen Wahlen in Frankreich und Deutschland. Denn dort und in vielen anderen Ländern Europas fühlen sich Rechtspopulisten und –extreme nun im Aufwind. Ein Blick in die europäische Presse.

Ein sich isolierender und fremdenfeindlicher Präsident

Die französische Zeitung Libération schreibt: „Die erste Weltmacht ist nun in den Händen der extremen Rechten.“ Und sie wendet sich an die Franzosen: „Diese Wahl ist eine weitere Warnung an all jene, die noch immer denken, Marine Le Pen könne 2017 nicht Frankreichs Präsidentin werden. Und es ist ein weiterer Beweis dafür, dass für die Lügner und Marktschreier keine Stufe zu hoch ist. Erst recht, wenn Ihnen die Spitze der sogenannten Republikaner aus Opportunismus und Kalkül die identitären und rassistischen Thesen durchgehen lässt, sie sogar bestärkt.“

 

Libération Trump
 

Auf der Seite Mediapart erklärt der Redakteur François Bonnet, die Wahl Trumps sei wie ein „politischer 11. September“. Ein Vergleich, den Bonnet nicht zufällig wählt: Für den Journalisten ist der Aufstieg zur Macht die Folge der Politik des Ex-Präsidenten George W. Bush nach den Anschlägen 2001. Besagter Aufstieg passe zu den „neo-konservativen, expressionistischen“  Versuchen, die Welt nach ihren Vorstellungen zu formen. Es sei „eine Politik des sich isolierenden Kriegers, fremdenfeindlich, rassistisch, verschlossen und aggressiv.“ Es zeige, wie erschöpft das politische System der USA doch sei.

Trumps Sieg, vor allem Clintons Niederlage

Wie konnte Hillary Clinton diese Wahl nur verlieren? Das ist die Frage, die sich der britische Guardian stellt. Die Ungleichheiten und die anhaltend niedrigen Löhne trotz großer Anstrengungen Barack Obamas zur Ankurbelung der Wirtschaft, das fehlende Vertrauen in die Demokratin wegen ihrer Auftritte bei der Investmentbank Goldman Sachs sowie die Ermittlungen des FBI wegen der E-Mail-Affäre, ihre leere politische Botschaft, obwohl das wichtigste Argument ihrer Kampagne ihre Kompetenz für das Amt war. Das alles, so der Guardian, seien die Gründe für Clintons Niederlage gewesen.

 

Guardian Trump

 

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung kommt zu dem Schluss, die Amerikaner hätten sich mit Trump für einen Präsidenten entschieden, der durch seine „ungezügelte Egozentrik“ auffiel. Ein Mann für den die Welt ein großes Geschäft sei in dem die stärkeren Männer über die schwächeren Männer siegen. Eine eigene Fernsehshow, eine lebende Karikatur und ein Gegner des sogenannten Establishments, all das vereine Trump in seiner Person. Doch, so schreibt das Blatt, sei das nicht die Erklärung für seinen Sieg: „Vielleicht ist die Antwort, dass die Amerikaner an diesem Dienstag nicht für Donald Trump, sondern gegen Hillary Clinton gestimmt haben, weil es kaum eine andere Figur gibt, die so sehr ein Symbol für das Establishment ist wie sie.“

Besorgniserregende Ideen für Wirtschafts- und Außenpolitik

„Der Sieg Trumps ist für die gesamte Welt ein Sprung ins Ungewisse“, titelt Le Monde. Die französische Tageszeitung schreibt, die Ankündigungen des Milliardärs in Bezug auf die Außenpolitik würden einem Haufen an Außenministerien in der Welt Gänsehaut bereiten: Der „Plan“ der Zerstörung der IS-Terrormiliz, die Aufkündigung des Atomabkommens mit dem Iran, seine Position zur Nato, die Trump als „obsolet und zu teuer“ beschrieb… Und um das Ganze abzurunden, heißt der andere Gewinner des Wahlabends Wladimir Putin. Ein enger Verbündeter des neuen Präsidenten.

 

Charlie Hebdo Trump

Für das Schweizer Blatt Le Temps ist Donald Trump nichts weniger als „eine Plage für die Weltwirtschaft“. Die Steuersenkungen, die er versprach, könnten zwar einen kurzfristigen positiven Effekt bescheren. Es sei aber nur ein Trostpflaster, einer Reihe absolut besorgniserregender Vorschläge gegenübergestellt: „Der neue amerikanische Präsident hat bereits seine ganze Abneigung für den internationalen Handel betont und möchte sämtliche Schranken dagegen runterziehen und Handelsvereinbarungen mit anderen Ländern aufkündigen. Wenn sich die größte Volkswirtschaft der Welt versperrt, kann es nur schlecht für sie selbst und deren Arbeitsplätze sein.“

Eine Warnung für Europa?

Die österreichische Seite Profil sieht eine Parallele in Bezug auf die nicht zutreffenden Prognosen der Meinungsforschungsinstitute: „So wie sich seinerzeit in Österreich viele Wähler gegenüber Meinungsforschern nicht zur FPÖ [die rechtspopulististische Partei Österreichs] bekannten, sie dann aber in der Wahlzelle sehr wohl wählten, haben auch viele Amerikaner sich nicht zu Trump bekannt, ihm aber sehr wohl ihre Stimme gegeben.“ Der Vergleich hört hier nicht auf: Wie die österreichischen Populisten sei der Milliardär auf einer Welle der polarisierenden Themen wie der Immigration geritten. Dadurch schüre der Kandidat Ängste vor ökonomischem Abstieg. Außerdem sprach er offen seine Verachtung für die Gruppen der „political correctness“ aus, deren Vertreter die LGBT-Community, Frauen und ethnische Minderheiten sind.

Dem Politologen Sebastian Santander zufolge wird „Trump die Populisten in Europa inspirieren“. „Donald Trump hat eine Reihe an Riegeln gesprengt. Er hat homophobe Äußerungen vom Stapel gelassen, Reden gegen Migranten gehalten und behinderte Menschen beleidigt“, sagte Santander der Seite La libre Belgique. Dies könnte den populistischen europäischen Parteien, die sich in ihrer Rhetorik bis heute relativ zurückhielten, Flügel verleihen.