Ein Jahr Papst Franziskus

Länder: Vatikanstadt

Tags: Papst, Pontifikat, Franziskus, Vatikan

Ein Jahr nach der Abdankung Papst Benedikts XVI und der Wahl Jorge Mario Bergoglios zum neuen Oberhaupt der katholischen Kirche ist es Zeit, eine vorläufige Bilanz zu ziehen. Was hat Franzikus in den ersten 365 Tagen erreicht?

"Brüder und Schwestern – guten Abend." Mit diesen Worten, und in schlichter weißer Soutane statt des üblichen Papstornats, begrüßte Franziskus auf der Benediktionsloggia des Petersdoms die Gläubigen. Sie hatten an diesem 13. März 2013 stundenlang ausgeharrt, um ihren neuen Papst zu erleben. Es scheine, dass die Kardinäle ihn "vom anderen Ende der Welt geholt" hätten, scherzte der Mann, den die Kardinäle im Namen von 1,2 Milliarden Katholiken gerade zu ihrem höchsten Repräsentanten gewählt hatten. Nicht nur die Worte, die er an die Menschen auf dem Petersplatz richtete, sollten eine Signalwirkung haben. Der Argentinier Jorge Mario Bergoglio ist der erste Nichteuropäer auf dem Stuhle Petris und der erste Jesuit. Zudem wählte Bergoglio einen Papstnamen, der emblematischer nicht hätte sein können.

Dienstag, 18. März

21:15

Aufbruch im Vatikan

Ein Jahr Papst Franziskus

 

Armer Franz als Namenspatron

Erstmals in der Geschichte der katholischen Kirche wurde Franz von Assisi, der wortgewaltige Prediger einer armen und den Menschen dienenden Kirche, zum Namenspatron eines Papstes. Doch wer war dieser bis dato nahezu unbekannte Namensnehmer aus Buenos Aires - vom anderen Ende der Welt? Erst nach der Wahl zum Pontifex wurden auch internationale Medien auf ihn aufmerksam. Viele Berichte erzählten von einem Bischof, der mit der U-Bahn zur Arbeit fuhr und bescheiden lebte, der sich während der argentinischen Wirtschaftskrise 2001 für Notleidende engagierte, den Wirtschaftsliberalismus und die Korruption geißelte sowie die fortschreitende Verarmung und staatliche Gewalt gegen Oppositionelle verurteilte.

 

Kirchenpolitisch ein Konservativer

Auf der anderen Seite wurde das Bild eines konservativen Kirchenmannes gezeichnet. Ein Kirchenfürst, der die gleichgeschlechtliche Ehe vehement bekämpft, den Marxismus und die Befreiungstheologie Zeit seines bisherigen Lebens verdammt sowie eine größere Rolle von Laien und Frauen in der Kirche, die Empfängnisverhütung und die Priesterehe stets abgelehnt hat. Zudem sah sich Bergoglio wegen seiner Rolle während der Militärdiktatur in den 1970er Jahren mehrmals Vorwürfen ausgesetzt. Ehemalige Jesuiten, die als Armenpriester in den  Slums von Buenos Aires gearbeitet hatten, habe Bergoglio an die Junta verraten. Einige entlastende Stimmen zu seinen Gunsten konnten die Kontroverse nicht beenden. Erst 2012 räumte Bergoglio in seiner Funktion als Sprecher der Bischöfe Argentiniens „Fehler“ während der Militärdiktatur ein. Explizit nicht seine Fehler, sondern die des gesamten argentinischen Klerus.

 

Franziskus, der Hoffnungsträger

Dennoch gelang Franziskus ein Start ohne große Misstöne. Fußwaschungen von Kranken und Behinderten, die Wahl des Gästehauses des Vatikans als Domizil statt des Papstpalastes, der Verzicht auf seinen Dienst-Mercedes mit Chauffeur und der tägliche Fußweg zu seinen Amtsräumen – diese Gesten der Bescheidenheit hinterließen bei Katholiken und auch Nichtgläubigen fast einen nachhaltigeren Eindruck als seine Worte, mit denen er die Richtschnur seines Pontifikats gleich zu Beginn festlegte: Der Papst „muss das Volk behüten, beschützen, gerade die Armen, die Fremden, die Obdachlosen, die Nackten und die Kranken. Nur wer mit Liebe dient, kann behüten und beschützen.“ Ein Credo also, das Amt mit dem Anliegen nach sozialer Gerechtigkeit auszufüllen, hebt sich deutlich von der Doktrin seines Vorgängers Benedikt XVI ab. Vielen Katholiken gilt er daher als Hoffnungsträger.

 

Bank Gottes wird weltlich überprüft

Der mitunter medienscheu wirkende Intellektuelle auf dem römischen Bischofsstuhl sah sich zu Beginn seines Amtes mit einer Vielzahl unerfüllter Sehnsüchte der Gläubigen konfrontiert. Sein Vorgänger Benedikt hatte Franziskus eine Unmenge an Baustellen hinterlassen. Zu den größten Skandalen aus der Amtszeit des deutschen Papstes zählt die Vertuschung und Verdrängung des Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch katholische Geistliche – zehntausende Fälle weltweit. Zuletzt sorgten die im Zuge der „Vatileaks-Affäre“ enthüllten Machenschaften der Vatikanbank, des Istituto per le Opere di Religione (IOR), für einen schweren Imageschaden. Dabei geht es um jahrelang betriebene Geldwäsche und Korruption der Banker Christi. Franziskus schasste den IOR-Chef, ordnete Aufsicht und Kontrolle des Geldhauses neu und ließ erstmals in der Geschichte der Santa Ecclesia externe Buchprüfer Einsicht in die Akten nehmen - genauso wie die italienische Justiz per Rechtsmittelersuchen. Die IOR-Ermittlungen sind noch längst nicht abgeschlossen.

 

Reformeifer mit Verzögerung

Während Franziskus bei der Vatikanbank unverzüglich daran ging, alte Zöpfe abzuschneiden, wirkt er kirchenpolitisch weitaus zögerlicher. Immerhin hatte er noch zu seiner Zeit als Bischof von Buenos Aires wiederholt vor „theologischem Narzissmus“ und „kirchlicher Selbstbezogenheit“ gewarnt,  und damit direkt Kritik an der Amtsführung Benedikt XVI geübt. Ein Jahr nach seinem Amtsantritt konstatieren viele Katholiken, insbesondere in Deutschland, Franziskus habe den Gemeinden die Luft zum Atmen wieder gegeben. "Der Papst ermutigt zur offenen Diskussion über wichtige Fragen in der Kirche", erklärt Dirk Tänzler, der Vorsitzende des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend. Doch das Bild bleibt nicht ungetrübt: Die Affäre über die Verschwendung von Kirchenmitteln im Bistum Limburg, wo Bischof Tebartz van Elst den Bischofssitz für mindestens 31 Millionen Euro zu einer Luxusimmobilie hatte ausbauen lassen (während in eben dieser Diözese Kirchen- und Gemeindehäuser verfallen), hatte ein nie dagewesene Welle der Empörung und eine Rekordzahl an Kirchenaustritten ausgelöst.

 

Causa "Tebartz Van Elst" – symptomatisch?

Der neue Verfechter der Bescheidenheit in Rom stand unter Zugzwang, konnte sich am Ende aber zu einer zwischenzeitlichen Beurlaubung des umstrittenen Klerikers durchringen. Zu stark bleiben weiterhin die konservativen Beharrungskräfte im Vatikan, die von Benedikt XVI und dessen Vorgänger Johannes Paul II ins Amt gesetzt wurden. Den Aufstand der katholischen Laien sehen viele in höchsten Kirchenkreisen immer noch als eine Art Majestätsbeleidigung an. Einer von ihnen meldete sich kurz nach dem einjährigen Jubiläum zu Wort. Der Präfekt der Glaubenskongregation in Rom, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, sprach in Bezug auf die Causa Tebartz Van Elst von „Rufmord“ und „Menschenjagd“ – indirekt verglich er diese mit Hetzjagden während der Nazizeit. Die katholischen Laien, Adressaten dieser Worte, werden es mit Grausen vernommen haben. Beobachter stellen sich allerdings die Frage, ob der Umgang mit Fall des prunksüchtigen Limburger Bischofs symptomatisch sein wird für die Kirchenpolitik unter Franziskus. Der Papst hielt sich übrigens am ersten Jahrestag seines Pontifikats abgeschieden in den Albaner Bergen südöstlich von Rom auf – wie verlautbart wurde: in stillem Gebet und fastend. Bescheidener geht's wirklich nicht…

 

Boris Petzold für Arte Journal

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016