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Ein Hoffnungsschimmer für jüdisch-orthodoxe Homosexuelle?

Länder: Israel

Tags: Homosexualität, Gay Pride, Religion, Judentum

2011 erhielt Tel Aviv den Titel als homosexuellenfreundlichste Staat der Welt. Auch heute noch ziehen die gleichgeschlechtlichen Paare regenbogenfahnenschwenkend durch die Straßen der Stadt, wenn sich die Gay Pride jährt. Nur wenige Kilometer entfernt, in Jerusalem – der Wiege der Religion – ist die Situation eine ganz andere. Doch nun gibt es Hoffnung. 

Nicht nur dort, auch in anderen israelischen Städten können Homosexuelle ihre sexuelle Ausrichtung nicht frei ausleben. Das betrifft vor allem die jüdisch-orthodoxe Gemeinde, denn ihr ist es laut "Halacha" – dem gesetzlichen System des Judentums – nicht erlaubt, sexuelle Beziehungen mit gleichgeschlechtlichen Partnern einzugehen. Für viele jüdisch-orthodoxe Homosexuelle wurde dies zum Problem. Sie mussten sich entscheiden zwischen ihrem Glauben und ihrer Sexualität. Der jüdisch-orthodoxen Gemeinde liefen die Mitglieder weg. Dagegen will die Organisation Beit Hillel ankämpfen.  

Wir müssen mehr Milde walten lassen und mehr für die soziale Eingliederung tun, damit Homosexuelle in unseren Gemeinden akzeptiert werden.

Beit Hillel

Beit Hillel: Das ist eine Gruppe israelischer und amerikanischer, orthodoxer Rabbiner, die am Sonntag einen Text veröffentlicht hat, der die jüdisch-orthodoxen Gemeinden dazu aufruft, toleranter mit ihren homosexuellen Mitgliedern umzugehen – ganz gleich ob Mann oder Frau. Hinter dem Text stecken Monate voller Arbeit. 

Auslöser war die aktuelle, gesellschaftliche Entwicklung, auf die die Rabbiner von Beit Hillel reagieren wollten. "Homosexuelle entscheiden immer öfter in ihren religiösen Gemeinden zu bleiben, die sie früher noch wegen ihrer sexuellen Ausrichtung verlassen hätten. Früher war man entweder religiös und orthodox oder homosexuell, heute kann beides gleichzeitig der Fall sein."  An diese Entwicklung muss sich die jüdisch-orthodoxe Gemeinde anpassen, wenn sie nicht weiter Mitglieder verlieren will: "Wir müssen mehr Milde walten lassen und mehr für die soziale Eingliederung tun, damit Homosexuelle in unseren Gemeinden akzeptiert werden."

 
Ein erster Schritt in Richtung Akzeptanz

Was so einfach klingt, ist es in Realität nicht. Denn laut "Halacha" - der rechtlichen Auslegung der Tora – sind sexuelle Beziehungen zwischen gleichgeschlechtlichen Personen verboten. Daran erinnert auch das von Beit Hillel vorgelegte Schriftstück. Nichtsdestotrotz ist es ein erster Schritt in Richtung Akzeptanz homosexueller Juden, die gerne nach den religiösen, orthodoxen Regeln leben möchten. Der Text wurde inzwischen auf einer Konferenz mit dem einschlägigen Namen "Halacha und das Halten der Mitglieder – das Verhältnis der religiösen Gemeinde zu Homosexuellen" offiziell vorgestellt. Anlass war ein Kongress in der israelischen Stadt Ra’anana, 20 Kilometer von Tel Aviv entfernt.

 
Homosexualität: Ein brisantes Thema in Israel

Die Debatte um den Platz der schwulen und lesbischen Juden in Israel und im Judentum, vor allem im orthodoxen Judentum, ist nicht neu. Sie wurde erst im Juli 2015 neu entfacht, als die 16-jährige Shira Banki auf der Jerusalemer Gay Pride von einem ultra-orthodoxen Extremisten getötet wurde. Ihr Mörder, Yishai Shlissel war gerade erst aus der Haft entlassen worden, nachdem er zehn Jahre lang im Gefängnis gesessen hatte - wegen eines Angriffs auf der Gay Pride in Jerusalem 2005, bei dem drei Menschen verletzt wurden. Für die Eltern von Shira Banki ist die Initiative von Beit Hillel ein wichtiger Schritt. Sie waren auf der Konferenz in Ra’anana anwesend, als die Organisation ihren Text vorgelegt hat.

Wir sind stolz, dass unserer Situation in schriftlicher Form Beachtung geschenkt wird, nämlich in diesem historischen Dokument und wir hoffen, dass es eine Diskussion zwischen gleichberechtigten Menschen eröffnet.

Havruta

Der Inhalt des Textes basiere streng auf dem religiösen, jüdischen Gesetz. Er ziele darauf ab, auf der "Halacha" basierende Direktiven vorzugeben, die erläutern sollen, wie Personen mit homosexueller Ausrichtung in den religiösen Gemeinden gehalten werden können, so Shlomo Hecht, Leiter von Beit Hillel. Das geht, indem man einen genaueren Blick in die Tora wirft. Die hebräische Bibel verbietet zwar sexuelle Beziehungen zwischen Gleichgeschlechtlichen, aber nicht die homosexuelle Orientierung. "Menschen, die also eine homosexuelle Ausrichtung haben, egal ob Männer oder Frauen, werden allein auf Grundlage der Halacha oder der Moral nicht ausgeschlossen. Sie sind dazu verpflichtet, den Geboten der Tora zu folgen und können jegliche Funktion in der Gemeinschaft einnehmen, genau wie jedes andere Gemeindemitglied auch."

 

"Eine wichtige Etappe", ohne revolutionär zu sein

Nun bleibt nur die Frage offen, welche Tragweite der Beit Hillel-Text überhaupt hat. Inwieweit kann er Mentalitäten und Verhaltensweisen ändern? Bei Beit Hillel arbeiten rund 170 orthodoxe und zionistische Rabbiner, von denen einige große Bekanntheit genießen und Einfluss haben. Die Organisation stützt sich streng auf die Prinzipien der Halacha und kämpft für eine größere Einbindung, vor allem der Frauen, im orthodoxen Judentum.

Wie einige israelische Medien unterstreichen, ist die Stellungnahme von Beit Hillel zwar nicht revolutionär, aber ein Fortschritt. "Der Text von Beit Hillel handelt nicht vom Umgang mit Schwulen durch individuelle orthodoxe Gemeinden und er gibt auch keine innovativen Lösungen für orthodoxe Homosexuelle vor", wie die amerikanische Webseite Jewish Press schreibt.

Die Vereinigung Havruta, die aus homosexuellen und orthodoxen Juden besteht, ist hingegen enthusiastisch. Sie wertet die Stellungnahme Beit Hillels als "historisch" und sieht darin "eine wichtige Etappe im Kampf für Anerkennung, Akzeptanz und Integration ohne Verstecken. Wir sind stolz, dass unserer Situation in schriftlicher Form Beachtung geschenkt wird, nämlich in diesem historischen Dokument und wir hoffen, dass es eine Diskussion zwischen gleichberechtigten Menschen eröffnet."

Zuletzt geändert am 13. April 2017