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Ein Bauch zur Miete - Leihmutterschaft in Europa

Länder: Europäische Union

Tags: Leihmutterschaft, künstliche befruchtung

Leihmutterschaft ist in der EU höchst umstritten, es gibt keine einheitliche Rechtsgrundlage. Manche Mitgliedsstaaten erlauben sie, manche verbieten sie, manche lassen sie anscheinend links liegen – dabei ist das wachsende Phänomen kaum noch zu ignorieren. Denn wo ein Kinderwunsch ist, ist auch ein Weg.

Im Gegensatz zu Deutschland und Frankreich ist die Leihmutterschaft nicht in allen europäischen Ländern verboten. Ausdrücklich im Gesetz erlaubt ist sie beispielsweise in Großbritannien, Griechenland und Portugal. Per Gesetz hat jedes dieser Länder Einschränkungen und Grenzen genauestens definiert. In Portugal zum Beispiel dürfen nur Frauen, die aus medizinischen Gründen kein Kind austragen können, auf eine Leihmutter zurückgreifen - für homosexuelle Paare also keine Option.
In Griechenland wiederum bleiben für Ausländerinnen die Türen der Reproduktionskliniken verschlossen, sowohl die soziale Mutter als auch die austragende Frau muss ihren ständigen Wohnsitz in Griechenland haben. Ob diese Richtlinien wirklich immer durchgesetzt werden, ist fraglich: Griechische Kinderwunschzentren werben auf ihrer Homepage in fünf verschiedenen Sprachen für eine Leihmutterschaft, eine deutschsprachige Koordinatorin steht für Fragen zur Verfügung.

 

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Infografik: Frida Dumont

 

 
Leihmutterschaft aus Altruismus – ein Etikettenschwindel?

Die Missbrauchsanfälligkeit solcher Gesetze ist hoch“, bestätigt Dr. Chris Thomale, Jurist an der Heidelberger Universität und Autor des Buches Mietmutterschaft – eine international-privatrechtliche Kritik. Als scheinheilig entlarvt er vor allem das Gebot, auf das sich alle EU-Mitgliedsstaaten einigen können: nur altruistische Leihmutterschaft soll erlaubt sein. Das heißt, dass zwischen den Auftraggebern und der Leihmutter kein Geld fließen darf, im Gegensatz etwa zu Indien oder den USA. Doch dass Frauen aus reiner Nächstenliebe neun Monate lang ein Kind für ein fremdes Paar austragen, hält Thomale für utopisch.
Für ihn ist das Prinzip der altruistischen Leihmutterschaft ein Etikettenschwindel. „Die Frau wird für ihre Ausgaben in Zusammenhang mit der Schwangerschaft bezahlt. Und diese Aufwandsentschädigungen sind ähnlich hoch wie die Bezahlung in anderen Ländern. Die Leihmutterschaft in der EU ist inoffiziell genauso kommerziell wie anderswo“.

 

Rechtliche Grauzonen

Problematisch ist die Lage auch in den Ländern, die Leihmutterschaft rechtlich überhaupt nicht thematisieren – was in der Mehrzahl der EU-Mitgliedsstaaten der Fall ist. Da Leihmutterschaft per Gesetz nicht verboten ist, wird sie durchgeführt und geduldet. So auch in Belgien, wo einige Kliniken mit Leihmüttern zusammenarbeiten, jede nach ihren eigenen Maßstäben. Schätzungen zufolge sind dort in den vergangenen zwanzig Jahren fünfzig Kinder durch Leihmütter auf die Welt gekommen.
Die schwammige Gesetzeslage führt in den betreffenden Ländern zu einer schwarzen Leihmutterschaftspraxis, ohne einheitliche Standards“, erklärt Thomale. Manche Mitgliedsstaaten, zum Beispiel die skandinavischen Länder, haben Leihmutterschaft ansatzweise geregelt: sie verbieten zwar die kommerzielle, unterwerfen die altruistische jedoch keinerlei Regeln.

 

Und nach der Schwangerschaft?

Höchst unterschiedlich verfahren die Mitgliedsstaaten auch mit den Kindern, die von einer Leihmutter im Ausland geboren werden. In Italien beispielsweise lehnten die Behörden bisher die Anerkennung dieser Kinder ab, um die rechtliche Ordnung aufrechtzuerhalten. In Deutschland hingegen wird das Kind einer ausländischen Leihmutter eher anerkannt – es kann schließlich nichts für die Gesetzesbrüche seiner Wunscheltern. „Der Schutz des Kindeswohls ist hier wichtiger als das Gesetz – aber das unterminiert natürlich die Effektivität des Verbots“, sagt Thomale. Auch der europäische Gerichtshof bleibt vage: ein Staat soll Leihmutterschaft auf seinem Territorium verbieten dürfen, allerdings dürfen die Kinder von diesem Verbot keinen Schaden nehmen. Dass eine einheitliche europäische Gesetzgebung in Sachen Leihmutterschaft das Licht der Welt erblickt, ist unwahrscheinlich.

Zuletzt geändert am 29. Januar 2018