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Ein Architekt zwischen Licht und Schatten

Länder: Frankreich

Tags: Le Corbusier, Architektur, Städteplanung, Faschismus

Le Corbusier, ein Vater der modernen Architektur, war durchaus umstritten und hat ein paradoxes Erbe hinterlassen. Wer war er wirklich? Ein genialer Architekt, ein Vater des modernen Wohnens, ein Künstler und Humanist? Oder ein autoritärer Städteplaner, der mit faschistischen Kreisen und dem Vichy-Regime auf das engste verbunden war? Das Pariser Centre Pompidou ehrt ihn zu seinem 50. Todestag mit der Ausstellung "Le Corbusier - Mesures de l'homme".

Le Corbusier : un architecte entre ombre et lumière

Zum 50. Todestag des streitbaren Architekten hat der Autor Xavier de Jarcy beim Albin Michel Verlag das Buch "Le Corbusier - Un fascisme français" herausgegeben, das die Verbindung zwischen Corbusiers Ästhetik und den Ideen des Faschismus beleuchtet. Stellvertretend dafür richten wir den Fokus auf drei Bilder, die stellvertretend für dieses Phänomen stehen:

 

Corbusier 1

 

Abdrücke des Modulor © F.L.C. / ADAGP, Paris, 2015

Der Modulor, die Silhouette eines 1,83 Meter großen Mannes – hier in Beton eingelassen – wurde von Le Corbusier verwendet, um in der Architektur harmonische Proportionen zu schaffen. 
Für zahlreiche Architekten wird diese Figur zum normgebenden Proportionssystem. Die Ausstellung im Pariser Centre Pompidou zeigt die zentrale Bedeutung des Modulor in Bezug auf Le Corbusiers Konzept einer Architektur, die sich am Maß des Menschen orientiert. Der menschliche Körper bestimmt den angemessenen architektonischen Rhythmus, die richtige architektonische Proportion. Nach Auffassung des Essayisten Xavier de Jarcy ist der Modulor "ein Mann mit erhobenem Arm, kleinem Kopf und großem Bizeps…ein Faschist, der auf römische Art grüßt…ein Rastermensch für Raster-Städteplanung." (zitiert aus: Le Corbusier, un fascisme français (Verlag Albin Michel)
 

 

Corbusier 2

 

Le Corbusier und Pierre Jeanneret. Drei Ansichten von Paris, im Mittelalter, 1925, und nach der Umsetzung des Plan Voisin, 1925. © F.L.C. / ADAGP, Paris, 2015

1925 stellt Le Corbusier einen utopischen städtebaulichen Entwurf für Paris vor, den Plan Voisin. Er sieht die Zerstörung eines großen Teils des historischen Stadtzentrums und den Bau von Hochhäusern vor. Sie sollen an die Harmonie und den Rhythmus antiker Säulen erinnern. Le Corbusier will die unsauberen und überbevölkerten Städte weiträumiger gestalten, schlägt aber auch vor, in den großen  Wohngebäuden Ministerien und Luxushotels unterzubringen. Diese radikale städtebauliche Umgestaltung kommentiert der Architekt wie folgt: "Städteplanung ist brutal, denn das Leben ist brutal, das Leben ist gnadenlos." (zitiert aus: Le Corbusier, Urbanisme, Verlag Flammarion). Für die Anhänger von Le Corbusier handelt es sich nur um einen "theoretischen" Plan, ein konzeptuelle Studie – was seine Kritiker jedoch vehement bestreiten.

 

Corbusier 3

 

Le Corbusier, Wohneinheit, Marseille, Außenansicht 1945 © F.L.C. / ADAGP, Paris, 2015

Die ab 1947 erbaute Wohneinheit von Marseille (bekannt unter dem Namen "Cité radieuse") gehört zu den wenigen öffentlichen Bauten, die Le Corbusier Zeit seines Lebens verwirklichen konnte (insgesamt existieren in Frankreich vier Wohnkomplexe, einer in Berlin – das Corbusierhaus – sowie die Planstadt Chandigarh in Indien). Ansonsten hinterließ der Architekt ein umfangreiches theoretisches Werk. Um schnell und kostengünstig bauen zu können, verwendete Le Corbusier Beton. Der Bau von Marseille ruht auf Pfeilern; anstelle des Erdgeschosses entsteht so ein freier Raum, der als Durchgang dienen kann. Die Fassade hat hier keine Stützfunktion; große Glasfenster sorgen für Helligkeit. Die "Cité radieuse" ist wie ein Passagierschiff konzipiert, eine Stadt in der Stadt, die alle wichtigen kollektiven Einrichtungen umfasst, wie etwa Sportsäle, eine Kinderkrippe, ein Solarium. Die geistigen Erben von Le Corbusier betrachten dieses Konzept als städtebauliche Revolution, seine Kritiker dagegen ein Modell für die Hochhaussiedlungen oder "Schlafstädte", die in Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Boden schossen. 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016