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Dschihadisten hassen Homosexuelle

Länder: Welt

Tags: Homosexualität, Islamismus

Im Irak und in Syrien geht die Terrormiliz IS brutal gegen Homosexuelle vor: in den vergangenen Monaten haben die Dschihadisten immer wieder Aufnahmen veröffentlicht, auf denen zu sehen sein soll, wie homosexuelle Männer getötet werden, indem sie von Gebäuden gestoßen oder gesteinigt werden. Der IS behauptet, mit den Morden Gottes Willen zu vollstrecken.

Das Foto eines Mannes mit grauen Haaren und verbundenen Augen. Er sitzt auf einem Plastikstuhl am Rand eines Hochhausdaches. Ein weiteres Foto: Der Mann am Boden, Steine liegen um ihn herum, ein Bein steht in einem unnatürlichen Winkel ab, Menschen umringen ihn. Dazu ein Begleittext, der erklärt, dass Homosexualität Sünde sei, der Westen seit der sexuellen Revolution vor fünfzig Jahren immer mehr degeneriere, und der Islamische Staat mit aller Härte gegen diese Perversion vorgehen müsse. In solchen Internet-Propagandaschriften feiert die Terrormiliz IS ihre barbarischen Morde. In den vergangenen Monaten tauchten immer wieder erschreckende Bilder von Tötungen von Homosexuellen im Internet auf. Ob die Aufnahmen echt sind, ist schwer nachzuprüfen. Einige der Morde wurden aber von der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte bestätigt.

 

Hier finden Sie eine Übersicht der Morde, die von der Terrormiliz Islamischer Staat an Homosexuellen begangen worden: 

 

Im IS-Gebiet werden Schwule die ganze Zeit gejagt und getötet.

Subhi Nahas, Flüchtling aus Syrien

Homosexualität als Sünde

Der UN Sicherheitsrat hat sich am 24. August erstmals mit der Gewalt der Dschihadisten gegen Homosexuelle beschäftigt. Flüchtlinge, die im Irak und in Syrien wegen ihrer sexuellen Orientierung bedroht wurden, berichteten von den Gräueltaten: "Im IS-Gebiet werden Schwule die ganze Zeit gejagt und getötet", erklärte Subhi Nahas, der aus seiner Heimatstadt Idlib in Syrien fliehen konnte. Auch das Assad-Regime und das irakische Militär drangsaliere Schwule und Lesben, doch die Dschihadisten gingen noch professioneller vor: Sie lokalisierten die Homosexuellen gezielt und jagten jeden einzelnen. 

Demnach setzen die Schergen der Terrormiliz rigoros das durch, was sie für gottgefällig halten. Und darin sind sie sich mit den führenden fundamentalistischen Rechtsgelehrten der islamischen Welt einig: Homosexualität sei Sünde. Während gemäßigte Muslime Schwule und Lesben akzeptieren, hetzen Autoritäten wie Yousuf Al-Qaradhawi oder der führende Muslimbruder Tareq Al-Suweidan gegen Homosexuelle auf dem katarischen Fernsehsender Al Jazeera, dem Hamas-Sender Al-Aqsa und anderen arabischsprachigen Medien. Sie argumentieren mit der Geschichte von Lot, die in der Bibel und dem Koran vorkommt. Lot wurde demnach zu den Bewohnern Sodoms geschickt, um sie von ihrem sündigen Verhalten abzubringen. Diese wollten aber nicht hören und schickten ihn fort. Gott zerstörte daraufhin die Stadt und tötete die Bewohner. In der Koransure 7 heißt es: "Wollt ihr denn etwas Abscheuliches begehen, wie es noch keiner von den Menschen in aller Welt vor euch begangen hat? Ihr gebt euch in eurer Sinnenlust wahrhaftig mit Männern ab, statt mit Frauen. Nein, ihr seid ein Volk, das nicht maßhält." Bei islamistischen Rechtsgelehrten ist unstrittig, dass Homosexualität Sünde ist, nur in der Frage der Härte der Strafe sind sie sich uneins. In manchen muslimisch geprägten Ländern wird gleichgeschlechtliche Liebe nicht strafrechtlich verfolgt, in anderen mit Haft bestraft. In einigen Staaten steht sogar die Todesstrafe auf Homosexualität, unter anderem in Saudi-Arabien, in den Vereinigten Arabischen Emiraten und im Iran. Allein in letzterem sollen seit Ende der 1970er Jahre einige hundert Schwule hingerichtet worden sein, andere Zahlen sprechen sogar von mehreren tausend.

 

"Die Gewalt des IS ist eine Reaktion auf den Liberalismus in Europa"

Die Terroristen des Islamischen Staates folgen den extremsten Ansichten und gehen in der Brutalität der Hinrichtung noch weiter: Vermeintlich Homosexuelle werden von Gebäuden gestürzt, und falls sie überleben, anschließend gesteinigt. Andere werden geköpft oder zu Tode geprügelt. "Die Dschihadisten des Islamischen Staates legen den Koran ebenso wie die Salafisten wörtlich aus", erklärt der franko-libanesische Islam- und Politikwissenschaftler Antoine Sfeir. "Daher sehen sie homosexuelle Handlungen als unnatürlich an und bestrafen diese. Ein weiterer Grund für ihre Morde, und vor allem für deren akribische Dokumentierung und Veröffentlichung, ist aber die Tatsache, dass sie damit auf westliche Normen und Werte reagieren. Ihre Gewalt ist eine Reaktion auf den Liberalismus in Europa."

 

Im Verlaufe der Geschichte des Islams war Homosexualität immer wieder verbreitet und akzeptiert. Selbst der Herrscher der islamischen Welt im ausgehenden 8. Jahrhundert, Kalif Harun Rashid, lebte homosexuelle Neigungen aus.

Antoine Sfeir, Islamwissenschaftler

Uneindeutige Stellen im Koran

Die Gewaltherrschaft der Terrormiliz IS und den islamischen Fundamentalismus im Allgemeinen dürfe man nicht als eine Rückkehr zu mittelalterlichen Vorstellungen verstehen. "Im Verlaufe der Geschichte des Islams war Homosexualität immer wieder verbreitet und akzeptiert. Selbst der Herrscher der islamischen Welt im ausgehenden 8. Jahrhundert, Kalif Harun Rashid, lebte homosexuelle Neigungen aus." Darüber hinaus bekannten sich auch arabische Literaten und Islamgelehrte im Mittelalter ganz offen zu ihrer Homosexualität. Der Jurist Ibn al-Dschauzi behauptete im 12. Jahrhundert sogar: "Derjenige, der behauptet, dass er keine Begierde empfindet, wenn er einen schönen Jungen betrachtet, ist ein Lügner." Islamwissenschaftler verweisen außerdem darauf, dass die Stellen im Koran, die gleichgeschlechtliche Liebe verbieten, nicht eindeutig seien. Das sehen auch viele Muslime so. In Deutschland etwa ist der liberal-islamische Bund für homosexuelle Gläubige offen. 

Fundamentalistische, islamistische Lesarten des Korans sind eine moderne, pervertierte Form dessen, was jahrhundertelang den Islam ausmachte und auch heute noch ausmacht: Pluralismus und Toleranz – auch gegenüber unterschiedlichen sexuellen Orientierungen.    

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016