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Dritter Tag

Länder: Tchad

Tags: Littérature, Réfugiés

Uwe Timm ist ein engagierter Schriftsteller mit einem politischen Anliegen: Deshalb war er sofort bereit, für ARTE Reportage in das Flüchtlingslager Breidjing im Tschad zu fahren, um über die Menschen dort und ihre Schicksale zu berichten. Dritter Teil seines Reisetagebuchs.

Zwei Nächte in Abéché, einer kleinen, sogar in Atlanten zu findenden Stadt, in der die Büros der UNO angesiedelt sind. An vielen Gebäuden stehen Schilder mit den Abkürzungen, die dem Reisenden immer noch nicht viel sagen, und für ihn, da oft zweifach auf Französisch und Englisch buchstabiert, doppelt versiegelt sind, PAM für Programm Alimentaire Mondial, WDP für World Food Programm. Unterstützt wird der UNHCR durch Nichtregierungsorganisationen wie CRT (Wasser und Sanitärtechnik), CORD (Grundschulen), RET (weiterführende Schulen). Die internationale Hilfe muss sich organisieren und die Organisationen brauchen ihre Siglen. 

Eine meiner Erwartungen bestätigt sich weder hier noch später, das Personal der UNO und der anderen Hilfsorganisationen kommt nicht aus Europa, keine Schweden, Holländer, Deutsche, Italiener, sondern meist aus dem Tschad, nur einige wenige kommen aus anderen afrikanischen Staaten.

Wohnen in einem Gästehaus. Einkauf von Lebensmitteln. Auch Obst und Gemüse. Trinkwasser. Dort, wohin die Fahrt geht, gibt es all das nicht  zu kaufen. Warten auf den zugesagten militärischen Begleitschutz, der notwendig ist, da vor kurzem zwei Laster mit Hilfsgütern von Banden überfallen und ausgeraubt  worden sind. Der Begleitschutz kommt, vier Männer in Tarnuniformen. Zwei stehen, die Kalaschnikow über dem Rücken hängend, auf der Ladefläche des Geländewagens und blicken nach vorn, sie werden dort auf der Fahrt fast sechs Stunden stehen. Der Sandweg ist tief ausgefahren und von quer verlaufenden ausgewaschenen tiefen Rinnen gefurcht. In einem breiten trockenen Flussbett liegt ein neuer Lastwagen der UNO wie ein gekentertes Schiff und ist schon halb mit Sand bedeckt. Fast alle geländegängigen Fahrzeuge der UN-Organisationen sehen wie Neuwagen aus und ich frage mich, was mit den gebrauchten geschieht. Die Fahrt geht in die Nacht, ein Schaukeln, Stoßen, Rucken. Ich versuche mit den Händen auf dem Sitz ein wenig diese Stöße abzumildern, um meine  Bandscheiben zu entlasten. Der Gedanke, hier einen Hexenschuss zu bekommen, ist, allein bei der Vorstellung eines Rücktransports,  grässlich.

Die Nacht, ein tiefes, langanhaltendes Dunkel, bis in der Ferne eine Lichtinsel auftaucht: die Verwaltungsgebäude des Flüchtlingslagers. Die von einer hohen, zusätzlich mit Stacheldrahtrollen besetzen Mauer umgebene Station sieht wie ein ländliches Gefängnis aus. Tatsächlich ist es der Schutz vor der Außenwelt. In einem abgesonderten kleinen, vom Hauptgelände getrennten Camp bekomme ich eine runde Hütte mit Stroh gedecktem Dach zugewiesen. Mein Schlaf  wird von  einem beständigen Rascheln, Kratzen und Fiepen über mir begleitet. Eine kleine Welt ist das dort oben im Stroh. Bewohnt von Mäusen und Eidechsen, deren eine, eine besonders große, sich nachts hin und wieder auf das Fliegengitter des kleinen Fensters setzt. Für einen Momente verdeckt sie dann den Blick auf den Himmel.   Ungewohnt nahe sind die Sterne hier und nah kommt man auch der Stille. Der Licht- und Lärmmüll der reichen Welt. Ich liege unter dem Moskitonetz auf einem harten Bett mit dem Blick zum Fenster. Ein stilles Versinken in die Wärme, die ich gefürchtet hatte, die aber, da sie eine trockene ist, nachts den Körper so angenehm umfängt. 

Angst? Danach hat man mich immer wieder gefragt. Nein, keine. Angst hätte hier angesichts des Elends auch etwas Lächerliches. Nur einmal geht mir durch den Kopf, dass einer der Wächter mich durch das Fenster beim Schlaf beobachten könnte. Diese Wächter sind alte Männer, und sie sitzen am Eingang hinter dem Eisentor. Will man in den kleinen ummauerten  Campus hinein, muss man klopfen. Wartet man ein wenig vor dem Tor, hört man das leise Reden der Alten.  In dem Eisentor ist ein kleines, von einer Eisenplatte verdecktes Guckloch. Klopft man, wird das Guckloch aufgeriegelt, man wird, obwohl es sonst keine Weißen gibt, genau betrachtet, erst dann wird das Tor geöffnet.  Bei einem ernsthaften Überfall wären diese Männer, bewaffnet mit geschnitzten Knüppeln, sicherlich kein Schutz. Und auch das geht einem durch den Kopf, ein wenig kokett, ein wenig argwöhnisch, wie viel Lösegeld die Bundesrepublik bereit wäre zu zahlen, käme es denn zu einer Entführung.

Am nächsten Morgen findet förmlich die Einweisung durch die Offiziellen des Tschad, die für UNHCR das Lager und die Versorgung leiten, statt. Funktionäre, die Zahlen nennen, die von Herkunft reden, auch davon, dass vor Monaten die Lebensmittelzuteilung der PAM dramatisch gekürzt worden sei, ebenso die Zuteilung des Holzes, das für das Kochen notwendig ist. Durchaus sachlich, auch kenntnisreich wird das alles vorgetragen. Ein Capitaine ist für die militärische Sicherheit zuständig und schildert die prekäre Situation in diesem Grenzgebiet zum Sudan.  2003 war im Sudan der Bürgerkrieg zwischen schwarzafrikanischen und arabischen Völkern ausgebrochen, es war – und ist – ein Konflikt, der neben den ethnischen und religiösen auch wirtschaftliche Gründe hat. Es ging um den Besitz von Weide- und Ackerland. Die Folge waren ethnische Säuberungen, Mord und Vertreibung. Nach Schätzungen des UN-Flüchtlingshilfswerks wurden  300.000 oder 400.000 Menschen ermordet. Allein diese aberwitzige Differenz, 100.000 Menschen bei der Schätzung der Opferzahlen, verweist auf das Ausmaß und die räumliche Ferne dieser Katastrophe.

Von denen, die sich über die Grenze zum Tschad retten konnten, leben 49.000 Menschen im Lager von Bredjing.  Insgesamt sollen 397.000 Flüchtlinge der Masalit und der Fur in den Tschad geflüchtet sein. Sie wurden von diesem armen Land aufgenommen, und natürlich denkt man sogleich an die Diskussionen zu Hause, in Deutschland, wo sich Gemeinden streiten, ob sie 70 oder 80 Flüchtlinge aufnehmen sollen. Wo Anwohner demonstrieren, wenn in ihrer Nähe eine alte Schule zu einem Flüchtlingsheim umgewandelt werden soll. 

Der  Capitaine  berichtet von der unsicheren Lage in diesem Gebiet. Entlassene Soldaten haben Banden gebildet. Sie kommen aus den nahe gelegenen Bergen. Die Vermutung ist sicherlich nicht falsch, dass die Armee des Tschad  die Grenze zum Sudan nicht ausreichend sichern kann und wohl auch sudanesische Banden eindringen. Zwar ist das Lager in Breidjing geschützt, aber in dem offenen Land werden insbesondere Frauen, die nach Nahrung suchen oder Brennholz sammeln, immer wieder überfallen, vergewaltigt und verschleppt. 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016