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"Dritter Brief" von Atiq Rahimi

Länder: Libanon

Tags: Flüchtlinge, Palästina, Beirut, Literatur

Ich öffne einen zweiten Brief, den du genau wie den ersten auf losen Blättern geschrieben hast. Das Wandernde, Ungebundene, das ich daran so liebe, passt nicht nur gut zu meinem vagabundierenden Geist, sondern auch zur unbeständigen Lage der Menschen, denen ich im Flüchtlingscamp Burj el-Barajneh begegne. Mir fällt dabei die Korrespondenz zwischen Nancy Huston und Leila Sebbar ein - die eine Kanadierin, die andere Algerierin, beide in Paris im Exil. Letztere schreibt wie du auf losen Blättern, die sie in Bars oder Hotels findet. Sie sagt: "Ich glaube, die Mobilität des Exils finde ich auch in diesen rast - und ruhelosen Blättern wieder, die ich wahllos an den Orten an mich nehme, an denen eine Stadt mich festhält."

Wie immer überraschst du mich mit deinem Brief, den du lange vor meinem verfasst hast, dem Brief, den ich gestern schrieb und den du noch gar nicht lesen konntest. Dein Brief geht erstaunlich genau auf ihn ein.

Ich verstehe deinen Schrei und deine Wut darüber, dass du das Land deiner Vorfahren nicht gemeinsam mit mir entdecken kannst, seine Wärme, seinen Wind, seinen Duft... all das, was du nicht kennst. Ich lasse dich davon träumen!

Auch machst du dir Gedanken über meine Nächte im Libanon ohne dich und ohne Schlaf. Wie könnte ich von dir träumen, wenn ich nicht schlafe? Ich leide wie alle Vertriebenen unter Schlaflosigkeit, das weißt du.

Und diesen Satz von Victor Hugo, den kennst du schon von mir: "Das Exil ist eine lange Schlaflosigkeit." Er, der neunzehn Jahre und neun Monate im Exil verbrachte, neunzehn Jahre und neun Monate schlafloser Nächte erlebte, er weiß, wovon er spricht.

Wie und wovon träumt eigentlich ein Mensch im Exil? "Von Wolken", sagt Baudelaire,

"Wolken, die vorüberziehen…

dort… dort...

die wunderbaren Wolken!"

Ein Mensch im Exil träumt vor allem von Freiheit, von Frieden, von Würde, von Sanftheit... Er liebt die Wolken, er liebt es, mit den Wolken fortzuziehen, selbst eine Wolke zu werden, die über die Erde und ihre willkürlichen Grenzen hinwegzieht. Er will ex-solo werden, aus dem Boden gerissen... oder exsilio, herausspringen aus... oder ein Ex-il, also ein Ex-er sein, um endlich schlafen zu können!

Ja, er träumt vom alptraumlosen Schlaf, wie Zaynab Bilal schreibt, eine junge Syrerin, die als Flüchtling im Camp Burj el-Barajneh, dem Turm der Türme, lebt... Sie sagt, sie fürchte den Schlaf. Im Schlaf werde sie heimgesucht von der Bombardierung ihres Hauses, vom Verlust ihrer Puppen, vom Raub ihrer Träume... Deshalb könne sie nur noch träumen, wenn sie wach sei: "Jeden Morgen", schreibt sie, "sitze ich eine Weile nur da, versunken in Gedanken an die Rückkehr in mein geliebtes Land, an das Haus, in dem wir lebten, meine Familie und ich... lauter Hirngespinste, die dieser ständige Alptraum sogleich ins Lächerliche zieht!"

Hier, im Turm der Türme, sind die Träume seit sechsundsechzig Jahren Schlaflosigkeit nur noch Erinnerungen an eine Hoffnung. An die Hoffnung, eine Nacht in einem wolkensanften Bett zu schlafen, ohne Dämonen und ohne Ungeziefer!

Wonach sehnt sich Zobaïda Elnatour, die ihr Leben, seit sie 28 ist, im Exil verbringt. Inzwischen ist sie vierundneunzig! Sie sagt, sie sei alt, so alt wie ihr Land, von dem sie nicht mehr träumt. Sie besingt es, sie beklagt es. Sie hat es besungen für ihre Kinder, ihre Enkel und Urenkel, die alle hier geboren sind, im Turm der Türme! Zobaïda träumt nicht mehr. Sie wartet. "Ich warte auf den Tod", sagte sie. Und sie fragt sich, ob man sie wohl in ihrem Dorf in Palästina mitsamt ihrem Kummer beerdigen kann. Denn den will sie nicht ihren Kindern hinterlassen.

Aber ihr Land, denkt sie verzweifelt, ist nicht mehr groß genug, um diesen Kummer mit Erde zu bedecken. Und auch das Land deiner Ahnen - das sich hingibt und sich verwehrt,  sich weder hingibt noch sich verwehrt -  vermag nichts mehr in der Erde zu vergraben.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016