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Drei Fragen um den erneuten Skandal um den französischen Pharmariesen Sanofi zu verstehen

Länder: Frankreich

Tags: Sanofi

Auf einen Sanofi-Skandal scheint schon der nächste zu folgen. In einer Fabrik in den Pyrenäen hat der Ausstoß potenziell krebserregender Substanzen den erlaubten Grenzwert um das bis zu 190.000-fache überschritten. Die Umweltorganisation "France Nature Environnement" kündigte an, Klage gegen den Industriekonzern einzureichen. 

Die Fakten sind besorgniserregend: Der Umweltorganisation “France Nature Environnement” zufolge lag in einer Fabrik des Pharmaunternehmens Sanofi in Mourenx nahe der Pyrenäen die Emission fünf flüchtiger organischer Verbindungen (Bromopropanol, Toluol, Isopropanol, Valeonitril und Propan) um das "7.000-fache" über den erlaubten Grenzwerten. 

Problematisch ist vor allem der Ausstoß von Bromkohlenwasserstoff Brompropan. Die chemische Verbindung des Valproat-Natriums, dem Hauptwirkstoff von Dépakine, einem Mittel gegen Epilepsie, wurde von der Weltgesundheitsorganisation als potenziell krebserregend eingestuft und steht unter dem Verdacht, die Fruchtbarkeit zu beeinträchtigen. Trotzdem wurden in der Fabrik von Mourenx die erlaubten Grenzwerte für den Ausstoß dieser chemischen Verbindung um das 190.000-fache überschritten. Das wurde in einem der Umweltorganisation "France Nature Environnement" vorliegenden Bericht des Regionalamtes für Umwelt des Departments Pyrénées-Atlantiques im April festgestellt. "Ein derartiges Überschreiten der Werte ist unseres Wissens nach absolut einzigartig in Frankreich", bestätigte auf telefonische Nachfrage Solène Demonet, die Koordinatorin des Netzwerks für "Risiken und Auswirkungen der Industrie" bei "France Nature Environnement".

 
Welche Risiken bestehen für die Gesundheit?

Gegenwärtig sind die Folgen schwer einzuschätzen. Sanofi gibt "ein lokales Problem der Grenzwertüberschreitung von Lösungsmitteldämpfen" zu. Das Unternehmen versichert jedoch, "die Bevölkerung sei keiner Überschreitung der gesetzlich festgelegten Höchstwerte ausgesetzt". Dabei beruft man sich auf eine von einer "unabhängigen Organisation" durchgeführte Studie zu gesundheitlichen Risiken. 

Schlussfolgerungen, die vom Regionalamt für Umwelt des Départments Pyrénées-Atlantiques widerlegt werden. Denn ihm zufolge, vernachlässigt die von Sanofi herangezogene Studie den potenziell krebserregenden Charakter von Bromkohlenwasserstoff Brompropan "unter Berücksichtigung der besonderen Sensibilität zum Beispiel Schwangerer Frauen"

Die französische Behörde für Umweltschutz (Agence nationale de sécurité sanitaire – Anses) wurde vom Staat damit beauftragt bis zum 12. Juli eine Einschätzung bezüglich des Ausstoßes von Valproat-Natrium vorzulegen. Doch diese kann keinesfalls in vollem Umfang die Risiken dieser Schadstoff-Emissionen bewerten. Um diese Frage zu beantworten, müsste eine wesentlich umfassendere Gesundheitsstudie durchgeführt werden.

 
Was tut der Staat?

Nach einer Kontrolle zur Einstufung der Produktionsanlagen nach Umweltschutzkriterien hatte die Regierung Sanofi im April 2018, unter Vorbehalt der administrativen Schließung, eine Frist von drei Monaten gesetzt, um sich an die gesetzlichen Vorschriften anzupassen.

Am Dienstag ordnete sie die Schließung der Anlage an, da, laut einer Mitteilung des Ministers für den ökologischen Übergang Nicolas Hulot und der Gesundheitsministerin Agnès Buzyn "die Bedingungen hinsichtlich der Emissionen und der Sicherheit der Angestellten und der Anwohner nicht erfüllt sind". "Unabhängige Laboratorien" sollen Proben entnehmen, um dies wieder zu gewährleisten.

 
Kann die Sanofi-Gruppe belangt werden?  

"France Nature Environnement" hat vor, am Mittwoch gegen die Pharma-Gruppe Klage einzureichen. "Ob gesundheitliche Risiken bestehen oder nicht, Sanofi hat jedenfalls die gesetzlichen Vorgaben nicht erfüllt. Wir bestrafen auch Autofahrer, die sich nicht an die Verkehrsregeln halten, egal ob sie Fußgänger überfahren oder nicht."

Doch wichtigstes Ziel dieser Klage ist es die Öffentlichkeit zu mobilisieren. Denn selbst wenn die NGO den Fall vor Gericht gewinnen sollte, wird die für die Pharma-Gruppe verhängte Strafe eine Geldbuße sein, die "für Sanofi kein wirtschaftliches Risiko zur Folge haben wird", so Solène Demonet. 

Um eindeutig alle Folgen dieser Grenzwertüberschreitung zu bewerten, ist eine öffentliche Untersuchung notwendig. Das fordert "France Nature Environnement". Solène Demonet weist darauf hin, dass im Moment etwa 300 Personen in und um die Produktionsanlage arbeiten. Sie schätzt, dass die extremen Überschreitungen der Grenzwerte 2012 begonnen haben könnten, als der Herstellungsprozess verändert wurde. Doch es könnte auch schon eher gewesen sein: Die Fabrik begann 1978 mit der Produktion von Dépakine. "Wieviele Personen waren seither diesen Emissionen ausgesetzt?"