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"Die UNESCO sollte das Bewusstsein für das Natur- und Kulturerbe stärken"

Länder: Welt

Tags: UNESCO, Weltkulturerbe

Wozu dient das UNESCO-Weltkulturerbe? Warum reißen sich so viele Stätten darum eine Kandidatur abzugeben? Welchen einen Einfluss kann die Auszeichnung als Weltkulturerbe-Stätte haben? Diese Fragen haben wir Roni Amelan gestellt, dem Pressesprecher der UNESCO. Er erklärt, dass die Organisation in erster Linie darüber wacht, die Vielfalt des weltweiten, kulturellen Erbes zu wahren.

 

Roni Amelan

 

ARTE Journal: Wie kam das UNESCO-Welterbe zustande?  Wurde etwa befürchtet, dass es in Gefahr ist?

Roni Amelan: Tatsächlich begann alles mit dem sogenannten Assuan-Projekt, aus dem eine starke Bewegung hervorging. In den 60er Jahren drohte die Errichtung eines Staudamms am Nil zahlreiche, historische, ägyptischen Denkmäler im wahrsten Sinne des Wortes unter sich zu begraben. Aus dieser Notlage entstand eine internationale Solidaritätsbewegung, die sich für die Verlegung der ägyptischen Monumente einsetzte. Die Begeisterung für das Welterbe kam einige Jahre später auch dadurch auf, dass man sich zunehmend bewusst wurde, welche Handlungsmöglichkeiten ein geteiltes Know-How eröffnet. Dieser Bewegung ist schließlich auch die Verabschiedung des „Übereinkommens zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt“  im Jahre 1972 durch die UNESCO zu verdanken. Dieses Label sollte eine Referenz werden, die das Bewusstsein in der Bevölkerung für den Wert des Natur- und Kulturerbes stärken sollte. Die Liste der als Welterbe deklarierten Sehenswürdigkeiten dient in gewisser Weise als Aushängeschild für eine breitere Bewegung, die Staaten dazu animiert, sich mit ihrem Welterbe auseinanderzusetzen.

 

Zwei

Bewerbungen pro Land im Jahr

 

Heutzutage kämpfen die Sehenswürdigkeiten und Städte ja geradezu darum, als Welterbe deklariert zu werden. Nach welchen Kriterien treffen Sie Ihre Auswahl?

Roni Amelan: Man muss zunächst sagen, dass die Städte nicht unsere Ansprechpartner sind. Da die UNESCO eine zwischenstaatliche Organisation ist, verhandeln wir mit den Regierungen der Länder, die das Übereinkommen gebilligt haben. Das heißt, dass alle Bewerbungen vom Staat und nicht von Individuen, Gemeinden oder Organisationen eingereicht werden müssen. Trotzdem ist auf nationaler Ebene ein regelrechtes Lobbying von Einrichtungen und Gemeinden zu beobachten, die ihre Sehenswürdigkeiten anpreisen und einen enormen Druck auf die jeweiligen Länder ausüben, diese als Welterbe vorzuschlagen. Auch, weil jedes Land pro Jahr maximal zwei Sehenswürdigkeiten vorschlagen darf. Es sind also vielmehr die Länder, die unter Druck stehen, nicht wir.

 

Und wie treffen Sie Ihre Endauswahl?

In jeder Bewerbung muss der „außergewöhnliche universelle Wert“ der jeweiligen Sehenswürdigkeit belegt werden.

Roni Amelan 

Roni Amelan: In jedem Fall muss das eingereichte Dossier vollständig sein. Das ist gar nicht so leicht, weil in jeder Bewerbung der „außergewöhnliche universelle Wert“ der jeweiligen Sehenswürdigkeit belegt werden muss – so der Wortlaut der Konvention. Dieser außergewöhnliche universelle Wert wird durch zehn Kriterien definiert. Sobald ein Dossier für vollständig erklärt wurde, entsenden die Beratungsgremien des Welterbe-Komitees ihre Experten, um die Sehenswürdigkeit zu untersuchen. Dabei werden in erster Linie Vergleiche zwischen der jeweiligen Denkmäler und anderen gemacht, die bereits ins Welterbe aufgenommen wurden. Auf diese Weise versucht man, ähnliche Sehenswürdigkeiten nicht doppelt in die Liste aufzunehmen. Nachdem das Komitee die Meinung der Experten eingeholt hat, beschließt letzten Endes ein souveräner Ausschuss aus 21 Staaten, nicht die UNESCO, über die Aufnahme einer Sehenswürdigkeit in den Welterbe-Katalog.

 

Sind Sie sich über die touristischen und wirtschaftlichen Einfluss auf die ausgewählten Stätten bewusst?

Roni Amelan: Ja, absolut. Es gab bereits mehrere Studien zu diesem Thema. Der Einfluss auf den Tourismus unterscheidet sich von Region zu Region, aber es stimmt schon, dass die Aufnahme einer Stätte in das Weltkulturerbe auch die Besucherzahlen erhöht.  Die UNESCO-Auszeichnung hat eine Wirkung auf die Menschen.

 

Aber diesen Aspekt berücksichtigen sie bei der Klassifizierung nicht?

Roni Amelan: Das Ziel der Welterbe-Konvention ist es, natürliche Stätten zu schützen, die einen unschätzbaren Wert haben und so wichtig sind, dass man sie im Interesse der Menschheit, des Wissens und der Gesamtweltbevölkerung sowohl in der Gegenwart als auch in der Zukunft bewahren muss. Das Ziel ist nicht, den Tourismus zu fördern.

 

Sie kontrollieren im Nachhinein, ob die ausgezeichneten Welterbe-Stätten auch ihren Verpflichtungen nachkommen. Wie?

Die Hauptverpflichtung ist, den Wert der Stätte zu beschützen. Die Kriterien, die den Wert definieren, wurden bereits bei der Abgabe der UNESCO-Kandidatur festgelegt. 

Roni Amelan

Roni Amelan: Die Hauptverpflichtung ist, den Wert der Stätte zu beschützen. Die Kriterien, die den Wert definieren, wurden bereits bei der Abgabe der UNESCO-Kandidatur festgelegt. Es geht dann darum, deren Integrität zu wahren. Aber jede Stätte ist einzigartig, und hat dementsprechend auch ganz eigene Probleme und Bedürfnisse. Das sind lebendige Orte, die verschiedenen Formen des Drucks, verschiedenen Veränderungen ausgesetzt sind, deshalb muss sehr flexibel kontrolliert werden, wie die einzelnen Stätten erhalten werden.

 

Ist es oft vorgekommen, dass Stätten von der Liste gestrichen wurden?

Roni Amelan: Nein, das ist schon die Ausnahme. Die UNESCO möchte das auf keinen Fall, denn es geht ja darum, die Welterbe-Stätten zu erhalten. Wenn die UNESCO einer der Stätten ihren Status entzieht, zieht sie sich von dort zurück – was auch bedeutet, dass die Stätte nicht mehr wichtig ist. Bisher gab es nur zwei solcher Fälle.

 

Aus welchem Grund wurde das Statut „Immaterielles Weltkulturerbe“ geschaffen?

Roni Amelan: Das Weltkulturerbe betrifft Orte, Monumente, aber auch Naturparks, also konkrete Orte. Nun kann es aber sein, dass man etwa ein bestimmtes Können braucht, um ein bestimmtes Monument zu bauen – und kann für eine bestimmte Kultur sehr spezifisch sein. Neben den Monumenten wollen wir nun auch das kulturelle Wissen erhalten, kulturelle Traditionen.