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Die türkische Demenz-WG

Länder: Deutschland

Tags: Gesundheit, Demenz, Altersheim

Die erste Generation der sogenannten „Gastarbeiter" wird pflegebedürftig. Doch Heime sind tabu - im türkischen Kulturkreis wird zuhause gepflegt, im Kreise der Familie. Das wird aber für immer mehr Familien zum Problem, zu viel Zeit verschlingt oft der Job und lange alleine zuhause lassen will man die Alten auch nicht. Besonders schwierig wird es, wenn eine Demenzerkrankung dazukommt. Eine Lösung können da Wohngemeinschaften sein, in denen die türkische Kultur gelebt wird, doch davon gibt es nur rund ein Dutzend in der Republik. Eine der ersten Demenz-WGs für türkischstämmige Pflegebedürftige haben Tom Theodor und Marco Berger in Berlin besucht.

Allemagne : des maisons de retraite pour immigrés turcs

 

Türkische Demenz-WG VA

 

Fakten zum Thema

1960 bis 1980: 3,8 Mio. Zuwanderer aus Arbeitsmigration, "Gastarbeiter" aus der Türkei, Italien, Griechenland, Spanien, Portugal plus Familiennachzug, Familienzusammenführung (Quelle: Statistisches Bundesamt 2011)

Seit 1950: 4,1 Mio. Aussiedler, Spätaussiedler (vor allem aus dem Osteuropa, UdSSR, später Russland) Quelle: Migrationsbericht 2011

Anteil über 65-jähriger Menschen mit Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung: 9,5 % (Quelle: Migrationsbericht 2011)

Krankenquote bei Deutschen und Nichtdeutschen über 64 Jahre alt nahezu gleich (Mikrozensus 2009)
Zu Demenzerkrankungen speziell: Häufigkeit Demenz bei älteren Migranten in etwa gleich zu der Gesamtbevölkerung. 
 

 

Interview mit Dr. Hürrem Tezcan-Güntekin von der Universität Bielefeld

Gibt es Unterschiede beim Gesundheitszustand oder dem Risiko zu erkranken zwischen Migranten und Einheimischen?

Frau Dr. Hürrem Tezcan-Güntekin

Oft wird Herkunft und Migrationsstatus nicht statistisch erfasst oder uneinheitlich definiert und wenn doch, sind Aussagen aufgrund der niedrigen Fallzahlen vor allem bezüglich der Pflege nicht möglich. Einige Grundaussagen lassen sich aber dennoch treffen. So werden Menschen mit Migrationshintergrund im Durchschnitt 10 Jahre früher pflegebedürftig als Deutsche. Auch bei der Anzahl von Menschen mit Pflegestufe III liegt der Anzahl von Migranten höher (15%) als derer ohne Migrationshintergrund (9%). Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der „Healthy-Migrant-Effect“. Als Arbeitsmigranten z.B. aus der Türkei kamen nur diejenigen in Frage, die bei Gesundheitstests gut abschnitten. Sie waren also zum Zeitpunkt der Migration „fitter“ als der Durchschnitt der Bevölkerung des Landes, in das sie gingen. Der Gesundheitszustand glich sich dann nach einer Weile an, bis er dann in Bezug auf bestimmte Erkrankungen im Schnitt schlechter wurde, als der der Gesamtbevölkerung. Das lag zum einen an den schlechten Arbeitsbedingungen aber auch den niedrigen Lebensstandards und der psychischen Belastung in der Fremde, fern der Heimat zu sein.

 

Warum werden so viele Migranten zu Hause von Familienangehörigen gepflegt?

98% der türkeistämmigen Pflegebedürftigen wird zuhause in der Familie gepflegt, weil Pflege als Familiensache verstanden wird. Die Pflege übernehmen traditionell zumeist Frauen und Töchter. Sie fühlen sich oft in der Pflicht zu pflegen, können das aber, da sie meist auch berufstätig sind, immer schwerer bewältigen. Ambulante und stationäre Leistungen der Pflegeversicherung oder Krankenkassen werden sehr wenig in Anspruch genommen, da man über die Angebote nicht ausreichend informiert ist, die Angebote aber auch unpassend zur eigenen Kultur empfunden werden. Scham, die eine Demenzerkrankung in der Familie auslösen kann oder Angst vor deutschen Institutionen kann ebenfalls verhindern, Leistungen in Anspruch zu nehmen. Am Ende steht oft eine tiefe Hilflosigkeit der Angehörigen, die mit der Pflege gerade von Demenzkranken überfordert ist.

 

Was müsste sich am Gesundheitssystem ändern, damit diese Menschen erreicht werden, damit ihnen besser geholfen werden kann?

Bei der Bevölkerung mit Migrationshintergrund handelt es sich um eine heterogene Gruppe, entsprechend sind unterschiedliche Angebote notwendig, um die verschiedenen Bedürfnisse beantworten zu können. Zentral und bislang nahezu gar nicht vorhanden ist aufsuchende Pflegeberatung und -schulung. Im häuslichen Umfeld, in der Pflegesituation können mögliche Hilfestellungen am besten besprochen und umgesetzt werden. Aktuellen Studien zufolge stehen Migranten ambulanten Angeboten nicht mehr so stark ablehnend gegenüber wie bislang vermutet. Eine besondere Rolle spielen dabei die Hausärzte und Neurologen. Sie werden als Autoritätsperson wahrgenommen aber vermitteln ihre Patienten zu wenig vom medizinischen in den pflegerischen Bereich. Da wäre mehr möglich. Auch die Pflegeeinrichtungen müssten sich einem breiteren Kulturkreis öffnen. Ein diversity-management sollte erfolgen und das Personal mehr und besser in Richtung Kultursensibilität geschult werden. Neben einer reflektiven, offenen und interessierten Haltung des Pflegepersonals sind oft auch ein paar Wörter oder kurze Sätze in der Muttersprache der Pflegebedürftigen hilfreich, um Hemmschwellen und Hindernisse abzubauen. Kulturspezifische Einrichtungen, wie die Demenz-WG für türkeistämmige Migranten oder kultursensible Tagespflege könnten praktikable und langfristige Alternativen sein, aber auch Misstrauen abbauen und eventuell künftig auch eine bessere Inanspruchnahme stationärer Pflegeangebote ermöglichen.

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016