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Die neue Generation im Nahostkonflikt

Länder: Israel

Tags: Nahost-Konflikt, Palästina

Seit knapp zwei Wochen häufen sich die Gewalttaten in Nahost. Beinahe täglich kommt es im Westjordanland, dem Gaza-Streifen und Ost-Jerusalem zu Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften. Mindestens 24 Palästinenser kamen dabei ums Leben, auf israelischer Seite spricht man von mindestens vier Toten. Die neue Gewaltwelle erinnert an die Palästinenseraufstände von 1987-1993 und von 2000-2005. Doch die junge Generation hat ihre eigene Handschrift.

 

"Die Jugend geht auf die Straße, weil sie es satt hat, ihr Leben lang unterdrückt von den Siedlern und den Soldaten zu leben", mit diesen Worten erklärt ein Bewohner des Flüchtlingslagers Jalazoune in der Nähe von Ramallah den wachsenden Hass der jungen Palästinenser.

Sie haben den arabischen Frühling über die sozialen Netzwerke verfolgt. Vielen von ihnen sind noch keine 18 Jahre alt und wurden mindestens einmal festgenommen. Ihre Freunde oder Geschwister sitzen im Gefängnis oder wurden von der israelischen Armee getötet. Kontrollen durch das israelische Militär gehören zu ihrem Alltag.

Diese junge Generation der Palästinenser setzt in den letzten Wochen mit Angriffen den Kampf ihrer Eltern und Großeltern gegen die israelische Besatzung fort. Angesichts der wachsenden Gewalt fällt immer öfter der Begriff "dritte Intifada". Wer ist diese neue Generation, die womöglich einen dritten Palästinenseraufstand anführt? 

 

Die "Intifada der Messer"

Es ist zu einem Symbol der jüngsten Angriffe auf israelische Sicherheitskräfte geworden: das Messer. Während man von dem ersten Palästinenseraufstand zwischen 1987 und 1993 als "Krieg der Steine" spricht und die Zweite Intifada (2000-2005) als "Aufstand der Selbstmordattentate" bezeichnet wird, ist nun immer häufiger von einer "Intifada der Messer" die Rede. Alleine seit dem 3. Oktober haben mindestens 17 Palästinenser Israelis mit Messern angegriffen. Der Führer der Hamas in Gaza, Ismail Haniyya begrüßte vor wenigen Tagen in seiner Predigt die "Helden der Messer".  Hintergrund dieser Art der Angriffe ist, dass die Aufständischen leicht  zu Messern Zugriff haben und sie ohne Schwierigkeiten benutzen können. Ihre Attacken werden oft spontan, ohne große Vorbereitung verübt. Einige der Angreifer benutzten auch Schraubenzieher als Waffen.

 

Wir kommen, um unsere Solidarität mit den Frauen zu zeigen, die auf der Esplande des Mosquées in Jerusalem angegriffen werden. Wir kommen, um Palästina zu verteidigen. Wir sind hier, weil wir den Männern helfen wollen. Wir beteiligen uns mit ihnen an dieser Bewegung um zu zeigen, dass das eine gemeinsame Arbeit ist.

Palästinensische Studentin

Die Erste Intifada als Vorbild

Bei den Ausschreitungen der letzten Tage handelt es sich nicht um einen organisierten Aufstand, hinter dem politische Parteien stehen, sondern viel mehr um Einzeltaten. Während im Jahr 2000 palästinensische Organisationen die Zweite Intifada ausriefen und die Menschen zu Terrorakten ermutigten, gehen die Angriffe dieses Mal, wie auch beim ersten Palästinenseraufstand, vom Volk aus. Selbst wenn die Palästinensische Befreiungsorganisation PLO sich schnell hinter die Erste Intifada stellte, war es vor allem das Volk, das für Anerkennung auf der internationalen Weltbühne kämpfte.

Wie bei der Ersten Intifada greifen die Aufständischen auch in den letzten Wochen überwiegend zu einfachen Waffen. Anders als bei der Zweiten Intifada bleiben Autobomben und Selbstmordanschläge bisher die Ausnahme. Genauso wenig gab es einen direkten Auslöser, wie im Jahr 2000 Ariel Sharons Besuch der Al-Aksa-Moschee.

 
Intifada 2.0

Die junge Generation organisiert ihre Angriffe mit Hilfe der sozialen Netzwerke. Mit ihren Smartphones halten sie sich über Aktionen der israelischen Sicherheitskräfte auf dem Laufenden. Unter dem Hashtag #thirdintifada stellen die Jugendlichen Videos ihrer Aktionen ins Netz und rufen zur Revolte auf. Ein Beispiel: Kurz nachdem der 21-jährige Diaa Talahmeh von einem Explosionskörper getötet wurde, den er auf einen israelischen Kontrollposten werfen wollte, verwendete der 19-jährige Mohammad Halabi ein Foto seines leblosen Gesichts als Profilbild auf Facebook und schrieb: "Die dritte Intifada hat begonnen", wenige Tage später tötete er in Jerusalem zwei Israelis mit einem Messer, bevor er selbst erschossen wurde.  

 

 

43%

Die Arbeitslosenquote in Gaza ist die höchste weltweit.

 

Ein Aufstand der Frauen und Männer

Es ist eine sehr junge Generation, die sich an den Gewalttaten der letzten Wochen beteiligt. Viele sind unter 18 Jahre alt, manchen wurden sogar nach der Zweiten Intifada geboren. Das ist nicht unbedingt neu. Jassir Afarat sprach bereits während der Ersten Intifada von den "Generälen der Steine", von Kindern, die Steine auf israelische Soldaten warfen. Denn viele Palästinenser lernen bereits von klein auf, dass man dem Gegner nur mit Steinen in der Hand begegnet.

 

 

Neu ist allerdings, dass sich unter den Aufständischen auch viele Frauen befinden. Dutzende von ihnen wurden in den letzten Tagen durch Geschosse der israelischen Armee verletzt. Genau wie die Jungen vermummen sie ihr Gesicht mit Kefijes und werfen Steine auf ihre Gegner. "Wir kommen, um Palästina zu verteidigen. Wir sind hier, weil wir den Männern helfen wollen. Wir beteiligen uns mit ihnen an dieser Bewegung um zu zeigen, dass wir eine gemeinsame Mission verfolgen", sagte eine Studentin an der Universität von Nablus dem französischen Sender RFI.

 
Taten der Verzweiflung

Fest steht, wenn die junge Generation heute erneut zur Gewalt greift, dann aus Verzweiflung.  Sie haben die Hoffnung auf eine Lösung des Nahost-Konflikts durch die politische Führung oder die Weltgemeinschaft aufgegeben. Die Verhandlungen mit Israel stehen still, ein unabhängiger Staat Palästina ist in weite Ferne gerückt. Die jungen Palästinenser sind frustriert durch die alltäglichen Erniedrigungen durch die israelische Besatzung, durch den fortschreitenden Siedlungsbau im Westjordanland und vor allem durch die Perspektivlosigkeit in ihrem Alltag. Abhängig von Israel haben die Palästinenser keine Möglichkeit, eine eigenständige Wirtschaft zu entwickeln. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Weltbank zeigt, dass die Armut in den palästinensischen Gebieten im dritten Jahr in Folge zunimmt, die Arbeitslosigkeit liegt bei 25 Prozent - in Gaza ist sie mit 43 Prozent sogar die höchste weltweit. 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016