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"Die Masken sind gefallen"

Länder: Russland

Tags: Putin, Nachrichtenpropaganda, Propaganda, Pro-Russland

In Russland betreiben Staatsmedien massive Meinungsmache gegen den Westen. Ganz vorne dabei ist Putins Chefpropagandist Dmitri Kiseljow (Foto) mit seiner wöchtenlichen Sendung im Kanal „Rossia 1“.  Der deutsche Journalist, Dokumentarfilmer und Russlandkenner Stephan Kühnrich legt mit einer ernüchternden Dokumentation die Propaganda Putins und die massive Unterdrückung unabhängiger Medien durch den Kreml dar. ARTE hat ihn zu seinem Film interviewt.

ARTE Magazin: Hat sich der Druck der russischen Regierung auf die Medien in letzter Zeit verstärkt?

Stephan Kühnrich: Moskau hat die Oppositionsmedien etappenweise beseitigt. Zunächst hat der Kreml Toleranz vorgetäuscht und ein Medium pro Gattung zugelassen: den Rundfunksender Echo Moskwy, den Fernsehsender Doschd und die Zeitung Nowaja Gaseta [bei der die 2006 ermordete Anna Politkowskaja arbeitete, Anm. d. Red.]. Seit zwei Jahren sind die Masken gefallen. Anstatt diese Medien politisch zu bekämpfen, versucht der Kreml sie wirtschaftlich zu zerstören. Doschd wurde von den meisten Netzwerken ausgeschlossen. Die Versandkosten von Nowaja Gaseta sind in die Höhe geschossen, und Echo Moskwy wurde gezwungenermaßen einem Medienkonzern einverleibt, der wiederum zu Gazprom gehört [eines der größten russischen Unternehmen, unter ausgeprägter staatlicher Kontrolle]. Zudem haben die westlichen Sanktionen gegen Russland Putin die Bahn geöffnet. Ein politischer Funktionär erklärte vor einigen Wochen, dass vor diesen Maßnahmen nur 50 % der Bevölkerung Putin unterstützten. Inzwischen sind es nahezu 80 %.

In einem Interview mit dem Schriftsteller Andrej Malgin, sagte ich, dass die aktuelle russische Politik mich an die Breschnew-Ära erinnere. Er erwiderte, dass es damals ein politisches Büro gegeben habe, wo demokratische Entscheidungen getroffen wurden. In der Hälfte der Fälle konnte Breschnew seine Ansichten nicht durchsetzen. Diese Art von Abstimmungen gebe es nicht mehr in Russland. Putin entscheide über alles. Andrej Malgin zufolge sei er eher mit Stalin gleichzusetzen.

Die Opposition ist schwach, und wer es wagt, sich dazu zu bekennen, muss mit brutaler Unterdrückung rechnen.

 

Gibt es noch Widerstandszellen in Russland?

Stephan Kühnrich: Die Opposition ist schwach, und wer es wagt, sich dazu zu bekennen, muss mit brutaler Unterdrückung rechnen. Kürzlich wurde der Regimegegner Boris Nemzow erschossen. Daraufhin gingen Tausende auf die Straße. Aber im Grunde haben die Menschen Angst. Diejenigen, die Widerstand leisten, laufen Gefahr, ihre Stelle und ihre Wohnung zu verlieren. Putin hat sogar vermeintliche Oppositionsparteien gegründet, die er selbst finanziert. Ich hatte gehofft, dass die internationale Meinung sich dank des Booms der sozialen Netzwerke Gehör verschaffen würde, aber das ist nicht der Fall. Im Gegenteil, die Bevölkerung übernimmt die zahlreichen Slogans des Kremls. Die Leute rufen auf der Straße: "Die Krim gehört uns!", dabei waren sie noch nie dort.

Wie sind Ihre Recherchen abgelaufen?

Stephan Kühnrich: Jeder, der aus dem Westen kommt, wird automatisch als Feind angesehen. Ich hatte versucht, einen Termin mit Putins Sprecher zu vereinbaren, der mich jedoch keiner Antwort gewürdigt hat. Der Zugang zum kremlnahen Sender NTW wurde mir verweigert. Ich konnte mich nur mit den Leuten unterhalten, zu denen ich persönlichen Kontakt hatte. Ich wollte auch auf einem Hügel filmen, der einen schönen Blick auf Moskau bietet. Das war bisher kein Problem. Doch diesmal wurden wir von Mitgliedern des Geheimdienstes umringt. Ich habe lange mit ihnen geredet. Währenddessen lief die Kamera. Ein alter Trick von mir, den ich oft einsetze! Ich bin zwei, drei Mal pro Jahr in Russland und stelle fest, dass die Lage der Journalisten immer schwieriger wird. Inzwischen ist es sogar verboten, die Prachtstraße zu filmen, auf der Putin zum Kreml fährt. Das ist so, als würde man Kamerateams den Zugang zu den Champs-Élysées versperren, unter dem Vorwand, dass Hollande dort langfahren könnte.

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016