Die italienische Mafia prosperiert in der Slowakei

Länder: Slowakei

Tags: Mafia, Slowakei, Italien, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Korruption

Als der investigative Journalist Jan Kuciak und seine Verlobte erschossen wurden, arbeitete er für die Seite aktuality.sk an einem Artikel, in dem Verbindungen zwischen slowakischen Politikern und der italienischen Mafia aufdecken wollte. Die Recherche wurde zusammen mit dem Recherche- und Investigationszentrum Investigace.cz und dem Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP) durchgeführt.

Die italienische Mafia prosperiert in der Slowakei

Viele andere Mafiosi kamen, wie er, um Geschäfte zu machen, um Fördergelder vom Staat oder von der Europäischen Union zu kassieren oder um Beziehungen zu wichtigen politischen Persönlichkeiten zu knüpfen, unter anderem zu Mitgliedern der slowakischen Regierung. Allen drohen lange Gefängnisstrafen in ihrem Heimatland."

Jan Kuciak

Der Inhalt der Black Box

Vor vierzehn Jahren ließ sich der Italiener Carmine Cinnante in Michalovce, im Süden der Slowakei, nieder. Eines Morgens startete er seinen Fiat, um mit Ján nach Italien zu fahren, seinem arbeitslosen slowakischen Freund, dem er dort Arbeit versprochen hatte. In der Gemeinde Michalovce sind ein Viertel aller Menschen im arbeitsfähigen Alter arbeitslos.

Als er auf einer Landstraße ein Polizeiauto bemerkte, wendete er seinen weißen Punto mit italienischem Nummernschild auf der Stelle um. Der Streife fiel dieses verdächtige Verhalten auf, sie kontrollierte das Fahrzeug. Auf dem Rücksitz lag ein schwarzes Holzköfferchen, in dem sich eine tschechoslowakische Maschinenpistole, fünfzig Kugeln und ein Magazin befanden. Die Produktionsnummer, die sich auf der Waffe hätte befinden sollen, war entfernt worden. Die polizeiliche Ermittlung ergab, dass das Köfferchen zum Transport der Waffe hergestellt worden war. Carmine Cinnante wurde wegen illegalen Waffenbesitzes zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Der Staatsanwalt stellte den Italiener damals als  landwirtschaftlichen Selbstunternehmer dar.

 

Ein illegales Netzwerk

Einige Monate später wurde Carmine Cinnante wegen Waffenschmuggels zugunsten des Mafiabosses Guirin Iona verhaftet. Dieser regiert einen der mächtigsten Clans der italienischen Mafia: die Ndrangheta. Der Italiener ist Mitglied dieses Clans, doch die slowakischen Behörden hatten sich bis dahin nur für sein landwirtschaftliches Unternehmen interessiert. Dabei ist er nicht der einzige Italiener, der in der Slowakei Zuflucht gefunden hat. Viele andere Mafiosi kamen, wie er, um Geschäfte zu machen, um Fördergelder vom Staat oder von der Europäischen Union zu kassieren oder um Beziehungen zu wichtigen politischen Persönlichkeiten zu knüpfen, unter anderem zu Mitgliedern der slowakischen Regierung. Allen drohen lange Gefängnisstrafen in ihrem Heimatland.

 

Von der Mafia beschützt

In seiner landwirtschaftlichen Genossenschaft knüpft Carmine Cinnante Verbindungen zu Antonino Vadala, einem Italiener, der ebenfalls von der italienischen Justiz verfolgt wird. Im Februar 2003 verhandelte das Gericht von Reggio Calabria über neun Angeklagte in einem Verfahren, das dem Libri-Clan, einem der mächtigsten der Mafia, zur Last gelegt wird. Antonino Vadala ist einer der neun. Den italienischen Ermittlern zufolge soll er dem Mafiosi Domenic Ventura, der des brutalen Mordes an einem Bandenmitglied schuldig erkannt wurde, geholfen haben, sich zu verstecken. Polizisten hören Telefongespräche zwischen Vadala und Francesco Zindato, dem Clanchef, ab. Doch wird er mangels Beweise 2003 freigesprochen.

In einem anderen Fall beschreiben Ermittler, wie sich Vadala und zwei andere Männer nach Rom begeben haben, um einen Menschen, der dem Clan geschadet haben soll, körperlich zu "bestrafen". "Der Clanchef hat diejenigen Mitglieder mit dieser Arbeit beauftragt, denen er am meisten vertraut", sagte ein Zeuge während des Gerichtsverfahrens aus.

Vadala weigert sich, zu seinem Prozess zu erscheinen, und sucht im Osten der Slowakei Zuflucht. Kurz nach seiner Ankunft widmet er sich zuerst dem einträglichen Geschäft mit der ökologischen Landwirtschaft, dann dem Immobilienhandel und den erneuerbaren Energien. Er wird zu einer der bedeutendsten Gestalten der italienischen Gemeinde in der Slowakei.

 

Das Geschäft mit den erneuerbaren Energien

Das Gerücht verbreitet sich und 2009 erfahren die Slowaken von Banská Bystrica, im Süden des Landes, von Vadalas ehrgeizigem Vorhaben, zwei Fabriken für 70 Millionen Euro zu bauen. Doch aus dem Vorhaben wird nichts, weil der Bauherr auf erneuerbare Energien umrüstet. Das dachte jedenfalls Pavol Rusko, ein ehemaliger Wirtschaftsminister, der heute beschuldigt wird, einen Mord in Auftrag gegeben zu haben. Pavol erfährt von Vadala durch seine ehemalige Geschäftspartnerin Mária Trošková, die heute eng mit dem Premierminister Robert Fico zusammenarbeitet. "Sie hat für uns gearbeitet, bis sie einem italienischen Unternehmer begegnet ist, der sich mit Solarkraftwerken beschäftigte und beschlossen hat, mit ihm zusammen zu arbeiten." Im August 2011 gründeten Antonino Vadala und Mária Trošková die Firma GIA Management. Ein Jahr darauf verließ Mária  das Unternehmen, um Assistentin des sozialdemokratischen Abgeordneten Viliam Jasaň zu werden.

Nach einem Jahr der Zusammenarbeit verließ dann das ehemalige Topmodel den Abgeordneten, um Mitglied der Regierungsmannschaft von Robert Fico zu werden. Viliam Jasaň stößt ein Jahr später zu ihnen. Der Premierminister, der zu diesem Zeitpunkt seit zwei Jahren regiert, ernennt ihn zum Büroleiter und Sekretär des Staatssicherheitsrats. Diese Schlüsselstellung ermöglicht es Viliam Jasaň, Zugang zu erhalten zu allen Unterlagen des Rats, der für die Sicherheit des Landes zuständig ist und im Falle eines Krieges die Regierungsmacht übernehmen soll. Dennoch pflegt er weiterhin seine Verbindungen zu italienischen Mafia.

 

Die politische Maschine

Antonino Vadala unterstützt aktiv die Sozialdemokraten der Partei Smer, die er als "seine Partei" betrachtet. Diese hochrangigen Kontakte sind ihm nützlich. Obwohl er mehrmals von der slowakischen Justiz verfolgt wird, entzieht er sich ihrem Zugriff. Im Herbst 2013 erhalten die Angestellten eines Unternehmens der Stadt Trebišov ein seltsames Paket: Einen Beutel, der Streichhölzer, zehn Kugeln und einen Trauerblumenstrauß enthält. Er ist in ein Papier gewickelt, auf dem das Wort Jerad steht, eine orthographisch inkorrekte Variante des Namens ihres Chefs Gerhard.

Nach zwei Jahren Ermittlung wird ein Verwandter von Antonino, Sebastiano Vadala, vom Gericht Trebišov wegen räuberischer Erpressung belangt. Dem Staatsanwalt zufolge sei er der Urheber der Morddrohungen gegen den Chef des Unternehmens. Vadala bestreitet alles. Die Richter betrachten die Beweise als unzureichend. Der Italiener wird reingewaschen.

 

Steuerhinterziehung

Antonino Vadala ist auch an einer Steuerhinterziehungsaffäre beteiligt, bei der es um Wohnungen in der Hauptstadt Bratislava geht. Diese drei Wohnungen gehören der Gesellschaft Alto des Italieners Antonio Palombi. Doch die beiden Männer werden Geschäftspartner und überschreiben das Eigentum auf eine andere gemeinsame Firma. Durch diese Operation sollten sie 80.000 Euro Mehrwertsteuer zurückerlangen. Die Ermittlung ist noch im Gange und gegen Antonio Vadala läuft immer noch kein Gerichtsverfahren.

 

Eine große italienische Familie

Antonino Vadala und Carmine Cinnante handeln in der Slowakei nicht alleine. Zwei weitere italienische Familien haben sich im Land niedergelassen: die und die Catropove. Landwirtschaft stellt ihre Hauptaktivität dar, doch sie verwalten auch Dutzende von Unternehmen. Ihr Grundbesitz erstreckt sich über mehrere tausend Hektar Boden und spielt Dutzende Millionen Euro ein, die Fördergelder der Europäischen Union nicht eingerechnet.  2015 und 2016 sollen diese Unternehmen mehrere Hunderttausend Euros an europäischen Fördergeldern aus dem Fonds zur Entwicklung der landwirtschaftlichen KMU eingestrichen haben, und zwar für das Achtfache der tatsächlich bestellten Fläche.

Zwischen 2012 und 2017 soll die Familie auf diese Art auch 8,3 Millionen Euro an öffentlichen Geldern zur Entwicklung ihrer Biogaskraftwerke erhalten haben, indem sie überhöhte Schätzungen der erzeugten Energie einreichte.

 

Kokainschmuggel

Die Firmen der Gebrüder, die sich in den 1990er-Jahren in der Slowakei etabliert haben, haben massive Hilfsmittel von ihrem italienischen Herkunftsort Condofuri erhalten. Das Geld wurde in zwei Zwillingsgesellschaften gespritzt, und dient der Unterstützung italienischer Firmen im Falle von wirtschaftlichen Problemen. Auch wenn dann die slowakische Produktion eingestellt und auf italienischen Boden verlagert werden sollte.

2017 wurden mehrere Mitglieder der Familie Antonino Vadalas mit einem ein Haftbefehl in Verbindung gebracht, der gegen Mitglieder von Gangs erlassen wurde, die angeblich Hunderte Kilogramm Kokain für die Mafia in Europa einführen. Die Vadalas werden im Haftbefehl lediglich genannt. Die Einzelheiten der Rechtssache sind noch nicht bekannt.