"Die Flüchtlingslager schwinden langsam"

Länder: Frankreich

Tags: Migrinter, Flüchtlinge

Interview mit Kamel Doraï, Forscher am Migrinter Laboratory.

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 Seit wann gibt es die ersten Flüchtlingslager? 

Die ersten Flüchtlingslager wurden zeitgleich zu den großen Bevölkerungsbewegungen der jüngeren Geschichte gebaut, als in den 1920er Jahren das Osmanische Reich zusammenbrach. Zehntausende Armenier mussten die neu ausgerufene Türkei verlassen. Die Mandatsmächte, besonders Frankreich, errichteten daher Flüchtlingslager in Syrien und im Libanon.

 
Wer übernahm nach der Gründung der armenischen Flüchtlingslager die Leitung?

Die USA übernahmen die Leitung zur Verwaltung der armenischen Bevölkerungsgruppen in der Region. Mit der Zeit veränderte sich allgemein der Flüchtlingsstatus. Während des zweiten Weltkriegs steuerte der Völkerbund die Bevölkerungsbewegungen innerhalb Europas, wie die der spanischen Republikaner oder der heimatlos gewordenen Juden. 1951 gründete die Generalversammlung der Vereinten Nationen das Flüchtlingskommissariat und verabschiedete die Genfer Flüchtlingskonvention. Das Flüchtlingskommissariat baute später die Flüchtlingslager aus, um mit den großen Migrationen fertig zu werden.

Welcher Bevölkerungsgruppe nutzte der durch das internationale Recht definierte Flüchtlingsstatus als erstes?

Zunächst den Palästinensern, die nach Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen. Etwa 730.000 bis 750.000 Palästinenser mussten die Region verlassen, als die zu israelischem Staatsgebiet erklärt worden war. Für sie wurde eine Zweigstelle der Vereinten Nationen gegründet und mit der Verwaltung der Flüchtlingslager in allen Ländern des Mittleren Ostens betraut: Libanon, Syrien, Jordanien, aber auch in den Palästinensergebieten des Westjordanlands und des Gazastreifens.

Wie  entwickelt sich die derzeitige Bevölkerungszahl in den Lagern?

Sie schwankt in Abhängigkeit der jeweiligen Krisen. Es ist schwierig, genau zu sagen, wie viele Menschen derzeit weltweit in Flüchtlingslagern leben. Für die letzten 20 Jahre schwankt ihre Zahl zwischen 10 und 25 Millionen Flüchtlingen oder Vertriebenen. Aber die Flüchtlingslager schwinden langsam. Wie man im aktuellen Syrien-Konflikt beobachten kann, ist das "Errichten von Lagern" eine Lösung, auf die immer weniger zurückgegriffen wird. Im Gegensatz dazu bilden sich in den Städten der Aufnahmeländer im Mittleren Osten, Asien oder Afrika immer häufiger "spontane" Camps. 

Ein Lager wird gebaut, es existiert und wird manchmal wieder geschlossen: Ist dieses Schema unveränderlich?

Wenn ein Konflikt zu Ende geht, sind die internationale Gemeinschaft, aber auch die Gastländer natürlich bestrebt, die Lager zu schließen, damit die Menschen wieder in ihre Heimat zurückgehen können. Allerdings beobachtet man immer wieder, dass ein Teil der Menschen nicht zurückkehren will, weil sie manchmal schon lange im Exil gelebt haben. Der UNHCR weiß nicht, was mit den Menschen geschehen soll, die nicht zurückkehren wollen, aber Schwierigkeiten haben, sich in ihr Gastland zu integrieren. Das geschah kürzlich in Tunesien: Als der libysche Konflikt zu Ende ging, waren manche Flüchtlinge afrikanischer Herkunft, die aus Libyen geflohen waren, im Süden Tunesiens gestrandet, und es gab keine Lösung für sie. Zurück in ihre Heimat wollten sie nicht, nach Libyen zurück konnten sie nicht, aber sie hatten große Schwierigkeiten, sich in Tunesien eine Existenz aufzubauen.

Offenbar funktioniert das in Nepal eher gut?

Effectivement et il y a des endroits où ça marche assez bien, quand les pays d’accueil collaborent et quand le nombre de personnes à réinstaller n’est pas très important. Dans le conflit syrien aujourd’hui ou historiquement dans le conflit palestinien, ce sont des centaines de milliers de personnes qui ont été déplacées. Et la "sélection" pour savoir qui l’on accepte ou qui l’on n’accepte pas est très problématique.

 

Die Biografie von Kamel Doraï (Migrinter)

 Mission Nepal "Refugees" im Oktober 2013.