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Die FIFA im Spannungsfeld der Geopolitik

Länder: Welt

Tags: FIFA, Fußball-WM, WM2018

Zum ersten Mal in der Geschichte der FIFA fiel die Entscheidung über das Gastgeberland der WM 2026 in öffentlicher Wahl. Der neue Wahlmodus ist transparenter als der frühere - bisher traf das FIFA-Exekutivkomitee die Entscheidung im Alleingang. Wie allgemein erwartet, setzte sich die gemeinsame Kandidatur von USA, Mexiko und Kanada (United 2026) gegen die Bewerbung Marokkos durch. Doch auch bei einer öffentlichen Wahl ist diese Entscheidung nicht unabhängig von der internationalen geopolitischen Lage. 

Wer stimmte für wen?
Trump macht Druck

Die FIFA hatte sich gewünscht, dass die nationalen Fußballverbände vor der Wahl keine Kommentare zu ihren Wahlabsichten abgeben. Das hielt den US-Präsidenten jedoch nicht davon ab, den Verbündeten der USA via Twitter Konsequenzen anzudrohen, falls sie für Marokko stimmen sollten.

"Die USA haben mit Kanada und Mexiko eine SOLIDE Bewerbung für die WM 2026 vorgelegt. Es wäre eine Schande, wenn Länder, die wir immer unterstützt haben, sich gegen die amerikanische Kandidatur stellen würden. Warum sollten wir diese Länder weiter unterstützen, wenn sie uns nicht auch unterstützen (inklusive im Rahmen der UNO)?"

 

Trumps Drohung galt vor allem den Verbündeten in Afrika und im Nahen Osten, die von den USA finanzielle Hilfe oder militärischen Schutz erhalten, aber versucht sein konnten, Marokko den Vorzug zu geben - die einen aus geografischer Solidarität (die WM 2010 in Südafrika war die bisher einzige auf dem afrikanischen Kontinent), die anderen im Namen ihrer arabisch-muslimischen Identität. In Saudi-Arabien kam die Botschaft eindeutig an: Das Königreich bezog offen für die nordamerikanische Kandidatur Stellung und betrieb massives Lobbying bei seinen Nachbarn in der Golfregion und den muslimischen Ländern in Asien. Ergebnis: Außer Oman und Katar stimmten alle arabischen Golfstaaten sowie Afghanistan, Malaysia, Indonesien und Pakistan für das amerikanische Trio. In Marokko wurde das als Verrat empfunden. Glaubt man marokkanischen Medien, hat etwa der dortige Kulturminister seinen Besuch in Riad nicht wie offiziell angegeben aus Termingründen abgesagt, sondern aus Ärger über die Entscheidung.

Der Druck der USA ist allerdings nicht die einzige Erklärung für die Frage, warum die Golfmonarchien gegen Marokko gestimmt haben. Rabat hat sich in den letzten fünf Jahren ökonomisch an Katar angenähert, indem etwa Investitionserleichterungen für beide Seiten geschaffen wurden. Das verärgert Riad. Denn Saudi-Arabien hat vor einem Jahr die diplomatischen Beziehungen zu Katar abgebrochen und seine Grenze zu dem Emirat geschlossen, das es der Terrorismus-Unterstützung beschuldigt. Anfang Juni drohte Riad sogar mit einer Militärintervention, sollte sich der Nachbar tatsächlich wie geplant mit russischen S-400-Raketen ausrüsten. In Sachen Fußball outete sich Katar als bedingungsloser Unterstützer der marokkanischen Kandidatur. Und das soll so bleiben: Das Emirat erklärte bereits, es begrüße und unterstütze die Entscheidung des marokkanischen Königs Mohammed VI, für die WM 2030 erneut zu kandidieren.

Zankapfel Westsahara

In Afrika zeigte die Drohung der USA weniger Wirkung. Nigerias Präsident Muhammadu Buhari war Trumps Druck kürzlich beim Besuch im Weißen Haus direkt ausgesetzt, sein Land stimmte trotzdem für Marokko. Immerhin elf afrikanische Staaten bevorzugten jedoch das nordamerikanische Trio. Im Fall von Botswana, Mosambik, Simbabwe und Lesotho erklärt sich das durch den Konflikt um die Westsahara. Die genannten Länder traten immer für das Recht auf Selbstbestimmung der umstrittenen Region ein. Auch Südafrika und Namibia verweigerten Marokko ihre Stimme, weil sie Rabats Haltung in der Westsahara-Frage als kolonialistisch betrachten. Marokko beansprucht die ehemalige spanische Kolonie für sich, gegen die Unabhängigkeitsbewegung Frente Polisario, die dort 1976 die Demokratische Arabische Republik Sahara ausgerufen hat. Seit dem Waffenstillstandsabkommen 1991 verwaltet Marokko 80 Prozent des Gebiets, die Frente Polisario kontrolliert die restlichen 20 Prozent, die östlich einer von Marokko in den 80er-Jahren errichteten Verteidigungsmauer liegen.
Bemerkenswert ist, dass Algerien die marokkanische Kandidatur unterstützte, obwohl die beiden Länder in der Westsahara-Frage Gegner sind. Anfang Mai hatte Marokko die UNO angerufen, nachdem Polisario-Einheiten wiederholt in die vereinbarte Pufferzone vorgedrungen waren. Rabat hatte dabei mit einem militärischen Eingriff gedroht und auch erklärt, Algerien trage „in diesem seit über 40 Jahren dauernden regionalen Konflikt eine klare Verantwortung. […] Algerien finanziert und bewaffnet die Polisario, unterstützt sie diplomatisch und bietet ihren Kämpfern Zuflucht.“ Das hinderte Algerien jedoch nicht daran, für eine Fußball-WM in Marokko zu stimmen.

Ein weiterer historischer Verbündeter der Polisario, nämlich Kuba, hat sich der Stimme enthalten. Damit lehnt Havanna die marokkanische Kandidatur ab, ohne jedoch die USA zu unterstützen, zu denen es seit der Wahl Trumps wesentlich schlechtere Beziehungen unterhält.

Erstaunlicher ist die Stimmenthaltung Spaniens. Manche verstehen sie als einen Versuch, es allen recht zu machen: Madrid habe keine Stellung bezogen, weil es dem Nachbarland Marokko ebenso verbunden sei wie den USA und seiner ehemaligen Kolonie Mexiko. Doch die wahre Erklärung ist nicht geopolitischer Natur. Luis Rubiales, der Vorsitzende des spanischen Fußballverbands, hatte dringendere Sorgen. Er musste einen neuen Nationaltrainer finden, nachdem er Julen Lopetegui vor die Tür gesetzt hatte, weil dieser zwei Tage vor dem ersten WM-Match der Spanier bei Real Madrid unterschrieben hatte, ohne den Verband vorher zu informieren. Rubiales erklärte, er habe schlicht und einfach nicht die Zeit gehabt, an der Abstimmung teilzunehmen oder auch nur seine Stimme zu delegieren. Er unterstrich jedoch die Unterstützung Spaniens für die marokkanische Kandidatur 2030.

Kurios ist der Fall Guinea, offizieller Botschafter der marokkanischen Kandidatur: Seine Stimme wurde für United 2026 registriert. Guinea macht dafür das elektronische Wahlsystem der FIFA verantwortlich. Offensichtlich erklärt auch die Geopolitik nicht alles.

Zuletzt geändert am 16. Juni 2018