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Die Bürgerwehr von Michoacan

Länder: Mexiko

Tags: Michoacan, Milizen, Kartell, Tempelritter, Drogen

Im mexikanischen Bundesstaat Michoacan kommt es fast jede Woche zu Auseinandersetzungen zwischen dem Drogenkartell der sogenannten "Tempelritter" und bewaffneten Bürgerwehren. Das 750 Einwohner zählende Dorf Cherato, das mitten im Gebirge liegt, griff als eines der ersten zu den Waffen. Und die meisten Dorfbewohner sind fest entschlossen, diesen Kampf auf Leben und Tod zu Ende zu führen.  Fred Toussaint, Laurence Cuvillier und Mathieu Comin waren für ARTE Info vor Ort.

Les milices armées du Michoacán

 

Die mexikanische Provinz Michoacan ist bekannt für ihre Zitronen und Avocados. Auf ihren fruchtbaren Böden kann man fast alles anbauen. Aber heute hat sich diese Gegend aus einem anderen Grund einen Ruf erworben: wegen ihrer bewaffneten Bürgerwehren. Sie kämpfen gegen ein extrem gewalttätiges Drogenkartell, die sogenannten "Tempelritter". Diese Drogenmafia, die von der Polizei und korrupten Politikern unterstützt wird, verbreitet in zahlreichen abgelegenen Gebirgsdörfern der Provinz Angst und Schrecken.    

 

Mexique: Carte Michoacan

 

Um eine dieser Milizen zu treffen, fahren wir in das Dorf Cherato gefahren. Die Gemeinde mit ihren 750 Einwohnern ist über Gebirgsstraßen erreichbar, die sich eher für Pferde als für Leihwagen eignen. Noch vor Morgengrauen verlassen wir Mexiko-Stadt und erreichen Cherato gegen 14 Uhr. Das Dorf wird von Kommandant Tata und seinen Männern bewacht.  

 

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Zunächst misstraut der Miliz-Chef den französischen Journalisten, die mit ihnen über ihre Probleme mit dem Tempelritter-Kartell reden wollen. Am Checkpoint kontrollieren fünf mit Maschinengewehren bewaffnete Männer jedes einzelne Fahrzeug, das hier vorbeikommt. Schließlich berichten sie uns von ihrer letzten Beute – einem Distillierhelm (Alambic) zur Herstellung von Crystal, der billigsten und mörderischsten Droge Mexikos. 

 

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Mit einer Mischung aus Stolz und Gelassenheit erzählt uns Kommandant Tata, dass ihnen dieser Distillierhelm dank Informationen eines Milizionärs in die Hände gefallen war. Als sie dieses Gerät entdeckten, war es gerade in Betrieb, und vor Ort konnte die Miliz auch Chemikalien zur Drogenherstellung sicherstellen. Die Drogenhersteller wurden vermutlich ein paar Minuten vor ihrem Eintreffen gewarnt.

 

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Le commandante Tata

Nächster Treffpunkt: die Schule von Cherato. Es ist 14 Uhr, die Schüler sind gerade im Unterricht. Wir treffen mehrere Chefs der Bürgerwehr, die ihren Beruf geopfert haben, um ihre Angehörigen zu verteidigen. Zu ihnen gehört Virgilio Agustin Cerano. Der Anwalt war in der großen Nachbarstadt Los Reyes tätig, gab dann aber seine Kanzlei auf und ließ sich im Dorf nieder, um seinen Sohn zu beschützen.  Per Walkie-Talkie hält er Kontakt zu den anderen Mitgliedern der Miliz, aber auch zu dem Schulleiter, den ich frage, warum es hier im Dorf nicht nur eine Grundschule gibt, sondern auch eine weiterführende Schule. Seine Antwort ist ganz einfach: "Die Schulen der großen Städte werden von den Kinder der Drogenhändler besucht, und deshalb haben wir hier in Cherato eine weiterführende Schule gegründet, um unsere Kinder hierherzuholen. Ihr Leben war in Gefahr." 

 

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Javier Morales Serafin, directeur de l'école secondaire de Cherato

Im Verlauf der Diskussionen begreifen wir, dass alle Bewohner zur Verteidigung ihres Dorfs beitragen. Manche - wie etwa Selia Madrigal, eine Mutter von zwei Kindern - haben sogar den "amerikanischen Traum" hinter sich gelassen, um in ihr Land zurückzukehren  - ein echtes Opfer für die Familien, die im Bundesstaat Michoacan kaum eine berufliche Zukunft haben – und schon gar nicht in Cherato, wo die Leute fast ausschließlich vom Avocado-und Zitronenanbau leben und die Kirche aus dem 15. Jahrhundert, die gerade renoviert wird, die einzige Sehenswürdigkeit darstellt.   

 

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Aber erst am Ende des Tages, nach zahlreichen Gesprächen mit den Dorfbewohnern, verstehen wir, wie lebenswichtig die Bürgerwehr von Cherato eigentlich ist. Wie bei einer Gruppentherapie sind die Berichte dieser Männer und Frauen über die Gräueltaten, die auf das Konto der "Tempelrittern" gehen sollen, ein gutes Mittel, um ihre Albträume loszuwerden: Entführungen, Folter, Hinrichtungen – jeder hier hat die Verbrechen des Drogenkartells aus nächster Nähe miterleben müssen, und auch heute noch herrscht in Cherato Angst. Manche wollen nur vor der Kamera Zeugnis ablegen, wenn sie anonym bleiben können.     

 

La milice de Cherato

Wir verlassen Ezequiel und treffen uns noch einmal mit Kommandant Tata, am Kontrollposten Nummer 4, am nördlichen Dorfausgang.  

Bevor es Nacht wird, erteilt er den Männern der Fuerza Rural seine letzten Anweisungen. Er erklärt uns, dass der eiserne Wille seiner Truppe nicht ausreicht und sie dringend Munition benötigt. Im Privatgespräch räumt er ein, dass die Bürgerwehr von der Regierung Waffen erhält, um ihre Aufgabe erfüllen zu können, "aber nur ein einziges Magazin". Weitere Kugeln müssen sie sich auf dem Schwarzmarkt  besorgen, bei den Händlern, die auch die Drogenkartelle beliefern. Eine absurde Situation, die zeigt, wie sehr der Bundesstaat Michoacan von der Drogenmafia beherrscht wird. Und wie andere Dörfer kämpft auch Cherato ums Überleben, während sich die mexikanische Regierung unterlassener Hilfeleistung schuldig macht.  

 

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Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016