|

"Die Börse von Tokio – ein Spielkasino"

Länder: Kanada

Tags: Areva, Uramin, Börse

Alain Deneault ist Philosoph und veröffentlichte zusammen mit William Sacher das Buch "Paradies unter Tag: Wie Kanada zur Drehscheibe der Bergbauindustrie wurde" (französisch, Verlag Rue de l’échiquier, 2012).

Mehr zum Thema:

Unsere Webdokumentation: Areva & Uramin: Eine Zeitbombe des französischen Atomindustrie

Wie also wurde Toronto zum weltweit wichtigsten Börsenplatz der Bergbauindustrie?

Alain Deneault: Das hat historische Gründe. Im 19. Jahrhundert war die Bergbau-Börse von Toronto eine der liberalsten überhaupt - liberal in dem Sinn, dass es keine Regeln wie etwa Informationspflicht gab: ein günstiger Nährboden für die Spekulation. Der Bergbausektor verbindet die finanzielle Spekulation untrennbar mit der geologischen. Der Wert eines Unternehmens hängt am Wert der geologischen Reserven. Und über sehr lange Zeit wurde nicht getrennt zwischen  "Reserven" – das sind im Jargon die Rohstoffmengen, die laut Abbauplan gefördert werden sollen - und "Ressourcen" – das ist die Gesamtheit des in der Mine vorhandenen Rohstoffs. Inzwischen muss diese Unterscheidung gemacht werden, aber was heute als "Reserve" erklärt ist, kann morgen zur "Ressource" erklärt werden, und umgekehrt - je nach Kursentwicklung. Es war und bleibt an dieser Börse einfach, mit einem Stück Papier zu handeln, dessen reale Basis schwer überprüfbar ist. Die Börse von Toronto hat schon immer und regelmäßig für Skandale gesorgt.

 

Wenn die Börsenaufsicht der Provinz Ontario jemanden ertappt, dann wird das vertraulich geregelt, ohne dass die Öffentlichkeit etwas davon erfährt."

Alain Deneault

Nutzen diese lasche Regulierung auch Unternehmen, die ihren Sitz nicht in Kanada haben?

Alain Deneault: Genau das ist der zweite entscheidende Faktor: Kanada hat die Börse in Toronto im Zuge der Globalisierung den Bergbau-Unternehmen in aller Welt geöffnet. Das Ergebnis: Neun von zehn Transaktionen mit Bergbau-Aktien werden in Toronto abgewickelt. Die Unternehmen, die an dieser Börse gehandelt werden, haben ihren Sitz überwiegend im Ausland. Sie sind deshalb hier, weil der gesetzliche Rahmen hier für sie vorteilhaft ist. Wenn die Börsenaufsicht der Provinz Ontario zum Beispiel jemanden ertappt, dann wird das vertraulich geregelt, ohne dass die Öffentlichkeit etwas davon erfährt. In diesem Punkt sind die kanadischen Gesetze nicht weniger lasch als die der Offshore-Paradiese. Und in Punkto Steuern sind sie sogar noch lascher: Kanada hat auf Bundesebene steuerliche Anreize für Bergbau-Unternehmen eingeführt. Dazu gehören die Flow-Through-Aktien, die dem Aktionär Steuererleichterungen verschaffen, wenn die Bilanz defizitär ausfällt. Manche Aktionäre schaffen es sogar, mehr als ihr Einkommen abzuschreiben, indem sie mehrere solche Steuervorteile kombinieren.

 

Finanzberater sagen, Toronto ist der Wilde Westen."

Alain Deneault

Diese Gesetzgebung wurde und wird trotz zahlreicher Skandale nicht verschärft? Warum nicht? Weil letztlich alle dabei gewinnen?

Alain Deneault: Finanzberater sagen, Toronto ist der Wilde Westen. Die allermeisten Jungfirmen im Bergbau schaffen es nie bis zu einer tatsächlichen Förderung, sondern sind reine Instrumente der  Spekulation. Die meisten Jungfirmen im Bereich der Rohstofferschließung geben mehr für Marketing aus als für die tatsächliche geologische Erschließung. Interessant ist auch, dass in Kanada sehr viele Politiker ihre Karriere bei Bergbau-Unternehmen beenden.

 

In Frankreich ist das damals in Toronto gehandelte Unternehmen Uramin heute eine Skandalfirma, gegen die ermittelt wird. Was sagt man dazu in Kanada?

Alain Deneault: Das interessiert dort keinen.

 

Der Uramin-Gründer Stephen Dattels ist ein Kanadier. Wie ist sein Ruf als Geschäftsmann dort?

Alain Deneault: Er ist dort unbekannt. Der Uramin-Skandal ist einer unter vielen. In Toronto würde man dazu nur sagen: "Sie haben gepokert, Sie haben verloren." So reden die Verantwortlichen der Börse, und das zeigt, was diese Börse ist: ein Spielkasino.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016