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Die Bilder des Anschlags von Berlin: Deutschlands Medien üben sich in Vorsicht

Länder: Deutschland

Tags: Medien, attentat, Berlin

Nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt haben die deutschen Medien sehr wenige Bilder von der Attacke gezeigt. Ganz anders war das vor zwei Jahren in Frankreich. Dort stand die Presse für ihre Berichterstattung über der Attentate scharf in der Kritik. Haben die deutschen Journalisten aus der französischen Kontroverse gelernt?

Als ein Lkw kurz vor 20 Uhr über den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz rast, weiß der Reporter der Berliner Morgenpost nicht, ob es sich um einen Unfall oder einen Terroranschlag handelt. Nach der Tat berichtet er mittels Facebook live vom Ort des Geschehens. Schnell bricht in den sozialen Medien ein "Shitstorm", eine Welle der Empörung, los. Kritisiert wird, dass der Journalist lieber filme, als Hilfe zu leisten und auch, dass die Verletzten nicht verpixelt abgebildet werden. Die Redaktion entscheidet sich später, das Video durch eine überarbeitet Fassung zu ersetzen. "Ethisch widerwärtig", schallt es dennoch weiter aus dem Netz.

Dabei fiel die Berichterstattung der deutschen Medien im Allgemeinen sehr zurückhaltend aus. Das Erste legte erst eine Bauchbinde über seine Unterhaltungsshow, unterbrach es dann um 21.12 Uhr für die Tagesthemen "Extra" sein Programm. Das ZDF entschied sich gar, sein Fernsehprogramm beizubehalten. "Gotthard" lief wie geplant bis 21.45 Uhr, bis das Heute-Journal übernahm.

Die Sondersendung der Tagesthemen vom 19. Dezember. 

 

Eine wenig skandalheischende Berichterstattung

Man hat bei den Qualitätsmedien gemerkt, dass sie dem Thema gerecht werden wollten."

Medienforscher Thomas Hanitzsch

Vorsichtig ist man mit dem, was da berichtet wird. Die Reporter vor Ort zeichnen Information um Information ein Bild des Geschehenen, versuchen, den Horror des Abends zu erklären, während sich im Studio Experten und Korrespondentenberichte abwechseln. Wurde Deutschland von einem Terroranschlag heimgesucht? Zu dieser Aussage lassen sich weder die Moderatoren, noch die Reporter und ihre Interviewpartner verleiten.

Vorsichtig ist man auch mit dem, was man zeigt. Nur einmal läuft im Ersten ein kurzer Auszug aus dem Video der Morgenpost: Zerstörte Weihnachtsmarktbuden, umherirrende Menschen, der ramponierte Lkw. Nahaufnahmen von Verletzten und voyeuristische Videos aus den sozialen Netzwerken: Fehlanzeige. "Man hat bei den Qualitätsmedien gemerkt, dass sie dem Thema gerecht werden wollten", erklärt Thomas Hanitzsch vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Uni München. So wiesen die Fernsehsender im Laufe des Abends immer wieder darauf hin, dass man ja nicht so genau wisse, ob es sich um einen terroristischen Anschlag handle. "Ich kann nicht erkennen, dass die Berichterstattung in irgendeiner Form skandalheischend war"

 

Die französischen Medien in der Kritik

Ganz anders fiel die Analyse der Berichterstattung der französischen Medien noch vor zwei Jahren aus. Sie standen nach den Attentaten wiederholt für ihre Berichterstattung in der Kritik. Die Empörung war groß, als im Januar 2015 Dschihadisten in die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo eindrangen und Journalisten der Produktionsfirma Premières Lignes die Schießerei mit ihren Handys vom Dach aus filmten. Zu schockierend und respektlos waren die Bilder der Hinrichtung eines Polizisten, die unverpixelt über die französischen Fernsehbildschirme flackerten. Der französische "Hohe Rat für audiovisuelle Medien" (CSA) sprach einige Wochen nach den Attentaten 36 Verwarnungen an Medienhäuser aus.

Solche Bilder zu zeigen, würde gegen die gängigen Konventionen des deutschen Journalismus sprechen."

Medienforscher Thomas Hanitzsch

Auch die Berichterstattung des Senders France 2 nach dem Attentat von Nizza am 14. Juli 2016 sorgte für Aufsehen. Ein völlig aufgelöster Familienvater erklärte neben der Leiche seiner Frau stehend: "Das ist mein Ende, ich habe meinen Sohn verloren. Ich habe beide auf einen Schlag verloren. Sie kamen zu einem Fest. Genau das ist es, ein Fest." Wieder rief der CSA zur Zurückhaltung im Namen der Menschenwürde und des Mitgefühls auf. Während France 2 sich schließlich in einer Pressemitteilung entschuldigte, entbrannte in Frankreich eine Debatte über die Pressefreiheit und die Definition von schockierenden Bildern. Das wäre in Deutschland undenkbar, so Medienforscher Thomas Hanitzsch. "Solche Bilder zu zeigen, würde gegen die gängigen Konventionen des deutschen Journalismus sprechen. Gerade bei den Öffentlich-Rechtlichen werden Bilder von Toten und Verletzten fast nie gezeigt. Bei Boulevard-Medien kommt das hier und da mal vor. Die kassieren dafür aber auch erwartungsgemäß Prügel."

Die deutschen Medien haben aus der französischen Kontroverse gelernt und aus den vergangenen Terroranschlägen, besser auf eine angemessene Berichterstattung vorbereitet zu sein, sagt Michael Wulf, Chefredakteur von RTL. Der Sender hat mittlerweile eine eigene Einheit, die Videos aus den sozialen Netzwerken auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft und ein Terror-Experten-Team, das speziell zum Thema Terrorismus ausgebildet wurde. Andere Medienhäuser haben ähnliche Initiativen ins Leben gerufen. Und angesichts der aktuellen Debatte über die Glaubwürdigkeit der Medien "ist die Presse wahrscheinlich doppelt vorsichtig", so Thomas Hanitzsch.

Zuletzt geändert am 21. Dezember 2017