Deutschland: Armut im Musterland

Länder: Deutschland

Tags: Wachstum

Wirtschaftswachstum, immer weniger Arbeitslose, triple A-Rating. Deutschland gilt als Musterland in der EU, das fast so etwas wie ein zweites Wirtschaftswunder aus eigener Kraft erlebt. Zur Freude der Finanzmärkte und manchmal zum Frust seiner Nachbarn. Was nach außen strahlt und glänzt sieht nach innen aber oft ganz anders aus.

Der aktuelle Armutsbericht des paritätischen Wohlfahrtsverbandes kommt zu einem alarmierenden Ergebnis: Noch nie waren so viele Menschen in Deutschland von Armut bedroht. Vor allen im Ruhrgebiet, dem ehemaligen Motor der deutschen Wirtschaft, hat sich die Lage in den Jahren 2005 – 2010 für viele Menschen verschlechtert.

Doch wie kann es sein, das die Wirtschaft wächst und es den Menschen schlechter geht? Die Antwort darauf wird vor allem im Ruhrgebiet deutlich. In Dortmund z.B. sank die Zahl der Arbeitslosen in den vergangenen Jahren von 17% auf 12%. Doch wer heute arbeitet, ist damit nicht mehr vor Armut sicher. Immer mehr Arbeitsplätze gelten heute als „prekär“. Das bedeutet: niedrige Löhne, Teilzeitjobs, befristet Verträge oder Zeitarbeit. Das Schlagwort der „working poor“ gilt inzwischen auch in Deutschland.

Arte-Reportage hat sich im Ruhrgebiet auf die Suche gemacht und zeigt wie im Wirtschaftswunderland die Lebenswirklichkeit zum Beispiel für Anja McCabe aussieht. Die 37-jährige wohnt in Duisburg, ist allein erziehende Mutter von zwei Kindern. Chelsea ist 4 Jahre alt, Sarah 12. Anja ist ausgebildete Floristin und arbeitet auf 400 Euro Minijob-Basis in einer Blumenhandlung. Ihr bleiben ungefähr 200 Euro zum Leben, das reicht häufig vorne und hinten nicht, deswegen geht sie seit Oktober 2011 einmal die Woche zur Tafel und erhält dort Lebensspenden geschenkt. Dass es je soweit kommt, sagt sie, hätte sie nicht gedacht. Noch heute ist ihr der wöchentliche Gang zu Tafel jedesmal mehr als peinlich.

Eine reportage von Lena Breuer, Oliver Koytek, Jennifer Jordan, Marcel Schmitz und Ludger Bußmann – ARTE GEIE / Real & Fiction – Allemagne 2012

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016