Deutsche und französische Hebammen vor Kollaps

Länder: Frankreich, Deutschland

Tags: Hebammen

Einige deutsche Hebammen sprechen schon von "moderner Hexenverfolgung" und fürchten ein wahres Hebammensterben. Sie arbeiten für einen Hungerlohn, und Anerkennung bekommen sie gesellschaftlich auch nicht. Ein großes Problem ist auch die Berufshaftpflichtversicherung für freiberufliche Hebammen. Die wird seit Jahren immer teurer. Im Juli steigt sie um 20 Prozent, von 4242 Euro auf 5090 Euro. Viele Hebammen steigen deswegen aus der Geburtshilfe aus. Auch die französischen Hebammen sind wütend. Ihre Qualifikationen werden nicht anerkannt, und sie fühlen sich übersehen. Seit Mitte Oktober streiken sie und wollen solange aushalten, bis sich wirklich etwas ändert. Die deutschen Hebammen sind nicht im Streik. Dennoch fordern sie lautstark eine höhere Vergütung, mehr Anerkennung und eine langfristige Lösung für das Versicherungsproblem. Die Reportage von Rebecca Donauer und Antje Stahlschmidt.

Für freiberufliche Hebammen in Deutschland wird die Arbeit immer schwerer. Als Beleghebamme arbeiten sie entweder auf eigene Rechnung im Krankenhaus oder in eigenen Praxen oder Geburtshäusern. 8 Euro 50 verdienen sie durchschnittlich pro Stunde. Von ihrem Gehalt müssen sie ab 1. Juli über 5000 Euro jährlich für die Haftpflicht zahlen. Seit Jahren steigen die Beiträge, 2015 wird eine erneute Verteuerung von abermals 20 % erwartet. Das Problem: Nur ein Versicherungskonsortium bietet den Hebammen eine Absicherung. Immer mehr Eltern klagen, wenn ihr Kind nicht gesund zur Welt kommt. Nicht immer ist auch nachweisbar, dass die Geburt selbst dabei eine Rolle gespielt hat. Die Versicherung klagt über eine große Unsicherheit und immer höhere Entschädigungszahlungen: Die Pflege und Versorgung der Kinder, steuerliche Ausfälle und Rente werden darin eingerechnet. Durchschnittlich belaufen sich die Schadenssummen auf etwa 100.000 Euro.

 

ARTE JOURNAL WEEK-END
Deutsche und französische Hebammen vor Kollaps Deutsche und französische Hebammen vor Kollaps Deutsche und französische Hebammen vor Kollaps

 

Freiberufliche Hebammen geben Geburtshilfe auf

Manche Hebammen können wegen der Versicherungsbeiträge von ihrem Beruf inzwischen nicht mehr leben und hängen ihn an den Nagel. Mit einer Petition protestieren sie für eine bessere Vergütung. Im Koalitionsvertrag von Union und SPD ist die "Sicherung des Hebammenberufs und eine flächendeckende Versorgung" festgeschrieben. Für den deutschen Hebammenverband könnte ein staatlich finanzierter Haftungsfonds eine Lösung sein. Dieser würde die Kosten über einer bestimmten Haftungsgrenze übernehmen. Doch viele Hebammen brauchen jetzt sofort Unterstützung "Die politischen Mühlen mahlen einfach zu langsam", sagt Ute Krippner aus Bad Mergentheim. Sie betreut 90 Geburten im Jahr und ist Tag und Nacht in Rufbereitschaft. Die Erhöhung der Beiträge für die Haftpflichtversicherung macht ihr Bauchschmerzen. Von den Frauen, die sie durch die Schwangerschaft begleitet, erhält sie viel Wertschätzung. Leider füllt das aber auch nicht den Kühlschrank.

 

Schwierige Zeiten für Geburtshäuser

Langfristig führt das Problem mit den hohen Versicherungsbeiträgen dazu, dass auch Geburtshäuser nicht mehr gewinnträchtig sind, und Frauen nur noch in großen Kliniken gebären können. Dabei hat laut Sozialgesetzbuch jede Frau das Recht, sich ihren Geburtsort auszusuchen. Im Geburtshaus Mayenrain in Freiburg werden Frauen vom Anfang der Schwangerschaft, während der Geburt und auch im Wochenbett ideal begleitet. „Hier im Geburtshaus ist eines unserer wichtigsten Anliegen, dass die Frau sich wirklich frei bewegen kann. Das gibt die Möglichkeit, auch mit den Wehenschmerzen umzugehen. So individuell es die einzelne Frau braucht.“ sagt Mela Pinter, eine der Gesellschafterinnen. Auch viele Französinnen kommen zur ihr, die Grenze ist nicht weit. 93 Geburten haben die Hebammen vergangenes Jahr begleitet. Die Nachfrage ist groß, und das Überleben der Firma dieses Jahr ist gesichert - auch wenn 20% mehr für die Haftpflicht, 20% mehr Geld ist, das erwirtschaftet werden muss, sagt Mela Pinter. Aber sie will nicht nur meckern, weil sie ihren Beruf liebt. Und trotzdem muss sie festellen: "Die Zukunft ist nicht rosig."

 

Rebecca Donauer für ARTE Journal

 

Hebammen in Frankreich und Deutschland: Ein Vergleich