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Der Windrush-Skandal: Wie Briten zu illegalen Einwanderern wurden

Länder: Großbritannien

Tags: Windrush, Einwanderung

Vor 70 Jahren legte die "Empire Windrush" an der Küste Englands in Tilbury an und brachte 492 Einwanderer aus dem Commonwealth an Land. Sie folgten einer Einladung des Königreiches, das in der Nachkriegszeit Arbeitskräfte suchte. Bis 1973 kamen Tausende aus der Karibik auf die britische Insel, fanden Arbeit, zahlten Steuern, sahen sich als Briten. Heute badet die Windrush-Generation die Folgen einer migrationsfeindlichen Politik aus, die für einige den Verlust von Arbeit, Wohnung und Anrecht auf Sozialhilfe bedeutet. Nachdem der Skandal im April 2018 bekannt wurde, versprach die damalige Innenministerin Amber Rudd zwar Entschädigungen für die Betroffenen und trat schließlich zurück. Doch die schwerwiegenden Folgen sind dadurch nicht behoben.

Im Jahr 2014 erfährt Trevor Johnson, Vater zweier Töchter, dass er als illegal ansässig gilt. Nachdem er bereits 43 Jahre in Großbritannien gelebt hat, verliert er seine Arbeit und seine Sozialgelder. Er wird von Tafeln abhängig und muss manchmal betteln gehen, um seine Heizkosten zu bezahlen. Ihm wird mit einer Zwangsausweisung in das Land gedroht, das er 1971 als Kind verlassen hatte: Jamaika.

Sein Bruder Desmond und er waren damals im Alter von 11 und 10 Jahren ihren Eltern nachgezogen, die Arbeit im Vereinigten Königreich gefunden hatten. Seitdem betrachteten sie Großbritannien als ihr eigenes Land und bauten dort ihre Existenzen auf.

 

 
Eine Generation, die für den Wiederaufbau nach Großbritannien kam

Angehörige der "Windrush-Generation" wie Trevor und Desmond wurden in den britischen Antillen geboren, die damals Teil der englischen Kolonien waren. Zwischen 1948 und 1973 kamen circa 550.000 von ihnen auf Einladung Londons ins Vereinigte Königreich, um das Land nach dem Krieg wieder aufzubauen. Als Gegenleistung wurde ihnen gestattet, sich dort niederzulassen. Der Begriff Windrush-Generation ist von dem gleichnamigen Schiff abgeleitet, das sie nach Europa brachte, das "Empire Windrush".

1971 wird das britische Gesetz zu ihrem Vorteil geändert: Die Bürger des Commonwealth, die bereits im Vereinigten Königreich leben, erhalten eine Bestätigung ihres permanenten Aufenthaltsrechts. Sie müssen keine behördlichen Schritte unternehmen, damals gibt es in dem Land noch keine Personalausweise. Das Innenministerium registriert sie auch nicht. Nur diejenigen, die auf Reisen gehen wollen, beantragen einen Pass. Die anderen kümmern sich nicht um die Frage: Sie fühlen sich ganz selbstverständlich britisch.

 

Opfer einer migrationsfeindlichen Innenpolitik

2012 jedoch verschärft die damalige Innenministerin Theresa May die gegen illegale Einwanderung gerichtete Politik. Um eine Wohnung mieten, eine Arbeit finden, erfolgreich Sozialhilfe beantragen zu können, muss man beweisen, dass man tatsächlich britischer Staatsbürger ist.

Das Problem: Die Kinder des Windrush, die nicht verreist sind oder die britische Staatsbürgerschaft nicht beantragt haben, besitzen weder Personalausweis noch Reisepass, um zu beweisen, dass sie das Vereinigte Königreich legal betreten haben und das Recht haben, dort zu bleiben. Häufig sind sie damals mit dem Reisepass ihrer Eltern eingereist. Dazu kommt, dass das Innenministerium 2010 einen Teil der Registerkarten zerstört hat, auf denen ihr Ankunftsdatum stand. Die meisten Betroffenen haben Nachweise erbracht, dass sie seit Jahrzehnten in die Krankenkasse einzahlen. Das reicht nicht aus, denn diese Unterlagen sind an sich kein Beweis dafür, dass sie zwischen 1948 und 1973 legal eingereist sind. Das Innenministerium kann zu Überprüfungszwecken bis zu vier verschiedene Nachweise pro Aufenthaltsjahr im Vereinigten Königreich verlangen. Doch es trifft vor allem diejenigen, die bereits seit vierzig bis fünfzig Jahren in Großbritannien leben.

Die Menschen, die nach 1973, nach Inkrafttreten des Immigration Acts von 1971, angekommen sind, sind von dieser Situation nicht betroffen, da sie vor ihrer Ansiedlung in Großbritannien strengeren Überprüfungen unterzogen worden sind.

 

Ein spektakuläres Scheitern der Behörden

Während Trevor befürchtet, ausgewiesen zu werden, erleidet sein Bruder Desmond das umgekehrte Schicksal: 2001 fährt er erstmals zurück nach Jamaika, um der Beerdigung seines Vaters beizuwohnen. Als er nach Großbritannien zurückwill, erhält er kein Visum und steckt in Jamaika fest. Seit 16 Jahren hat er seine Tochter, die in England geblieben ist, nicht mehr gesehen. "Ich war wie vom Donner gerührt. Ich frage mich, was ich tun sollte wenn mein Sohn oder meine Tochter morgen stürben", erklärt er gegenüber dem Guardian.

Die britische Tageszeitung hat den Skandal enthüllt, der die Regierung jenseits des Ärmelkanals erschüttert. Viele haben wie Trevor urplötzlich ihre Arbeit, ihre Wohnung, ihre Sozialhilfen verloren. Manchen wurde medizinische Behandlung verweigert, andere müssen nunmehr auf der Straße schlafen.

Ich fühlte mich als Britin. Als ich nach England kam, war Kanada Teil des Commonwealths.

Margaret O’Brien

Doch es sind nicht nur Einwanderer aus den ehemaligen britischen Kolonien in der Karibik, die sich durch Verschärfung des Aufenthaltsrechts plötzlich existentiell bedroht sehen: Am Dienstag den 24. April veröffentlichte die Guardian-Journalistin Amelia Gentleman die Geschichte einer 69-jährigen Frau, Margaret O’Brien. Sie ist keine Angehörige der Windrush-Generation: 1971 kam sie aus Kanada, um sich in England niederzulassen. Dort gründete sie eine Familie und arbeitete 25 Jahre lang, bis eine Verletzung sie nötigte, ihre Stelle aufzugeben. 2015 wird die Auszahlung ihrer Invalidenrente eingestellt: Wie Desmond, Trevor und die Anderen wird sie zur illegalen Einwanderin erklärt.

"Ich fühlte mich als Britin. Als ich nach England kam, war Kanada Teil des Commonwealths. Es war so einfach: Ich bin zum Jobcenter gegangen, habe eine Sozialversicherungsnummer erhalten und Arbeit gefunden", berichtet sie dem Guardian. Dennoch erhält sie eines Tages einen Ausweisungsbescheid nach Kanada. Das ist der Beginn eines wahren Hindernislaufs: Alle drei Monate muss sie sich zum Home Office begeben, der Abteilung des Innenministeriums, die für Fälle wie ihren zuständig ist. Sie bemüht sich erfolglos, ihre Situation zu erklären. Obwohl sie krank ist, muss sie zwei Stunden Hinfahrt in Kauf nehmen. Vor Ort sind die Wartebedingungen schwierig und anstrengend. Zum Glück findet ein Berater in einem Hilfsverein für Flüchtlinge in ihrem alten kanadischen Pass einen Stempel, den sie nie bemerkt hatte: der Beweis, dass sie legal hier ist.

 

Ungewisse Entschädigungen

Keiner weiß genau, wie viele Personen betroffen sind. Laut Innenministerium wurde bislang niemand ungerechtfertigter Weise aus dem Vereinigten Königreich ausgewiesen. Aber die Angestellten des Ministeriums prüfen derzeit noch alle Akten.

Ende April entschuldigten sich Premierministerin Theresa May und Innenministerin Amber Rudd öffentlich: „Die Windrush-Generation hat dazu beigetragen, unser Land so aufzubauen, wie wir es heute kennen“, erklärte die Premierministerin… fünf Monate nach der Enthüllung des Skandals. Am 23. April versprach Amber Rudd schließlich eine finanzielle Entschädigung und die automatische Einbürgerung für die gesamte Windrush-Generation.

Dennoch nahm der Druck auf die Regierung nicht ab: Mehrere Abgeordnete verlangten den Rücktritt der Innenministerin. Laut Unterlagen, die vom Guardian veröffentlicht wurden, sollte sie bereits seit mehreren Monaten gewusst haben, dass die Windrush-Generation unmittelbar unter ihrer Politik leiden würde. Dem Druck gab Amber Rudd am 29. April 2018 nach und trat zurück.

Für die Betroffenen ist auch weiterhin das Maß der finanziellen Entschädigungen unklar: Für welche Kosten wird die Regierung genau aufkommen? Fahrten, Verlust von Arbeitsplätzen, Bußgelder, Bearbeitungsgebühren, nicht ausgezahlte Hilfen? Wie beziffert man den Wert der verlorenen Jahre, in denen Menschen ungerechtfertigt festgehalten wurden, und den Wert von versäumten Familienfeiern?

Das wahre Ausmaß des Windrush-Skandals ist noch nicht bekannt. Und auch nicht, wie viel er am Ende kosten wird.

 

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