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Der Untergang der Orientchristen

Länder: Monde

Tags: Orient, Christen, Religion

Für ARTE hat sich der Regisseur Didier Martiny bei den historischen christlichen Gemeinschaften des Irak, Syriens, der Türkei, Ägyptens und des Libanon umgesehen. Er zeichnet ein ebenso faszinierendes wie alarmierendes Bild ihrer Lage, die sich seit dem Aufkommen der Terrorgruppe Islamischer Staat zuspitzt. Gespräch.

 

Warum stecken die Orientchristen zwischen dem Westen und ihren eigenen Ländern gewissermaßen in der Klemme?

Didier Martiny : Weil sie keine strategische Bedeutung für Europa und die USA haben. Im Mittleren Osten, der von der Türkei bis Saudi-Arabien und von Ägypten bis in den Iran reicht, kommen auf 320 Millionen Muslime lediglich 11 Millionen Christen. Im Verhältnis zur sunnitischen Mehrheit, mit der sich der Westen seit mehreren Jahren verbündet, stellen sie also keine signifikante Größe dar. Seit rund zehn Jahrhunderten werden die Christen schlecht behandelt und müssen sich aufgrund ihres Minderheitenstatus den jeweils herrschenden Mächten anpassen.

 

Wie werden sie von den muslimischen Völkern beurteilt?

Soziologisch gesehen waren sie immer Gelehrte und Vermittler. Die Christen sind für den Pluralismus und die kulturelle Vielfalt des Orients wichtig.

Didier Martiny

Den Orientchristen droht vor allem die Gefahr, von den Muslimen als Fünftes Standbein des Westens betrachtet zu werden – wie bei der US-amerikanischen Intervention im Irak 2003, als George Bush erklärte: "Wir sind die neuen Kreuzzügler." Daraufhin wurden sofort Hunderte von ihnen umgebracht. In der Vergangenheit war es den Orientchristen zum Teil schon besser ergangen. So genossen sie im Osmanischen Reich einen Sonderstatus in Gestalt des "Schutzvertrages" (Dhimma): Als "Schutzbefohlene" (Dhimmi) wurden sie zwar als Bürger zweiter Klasse definiert und mussten eine Sondersteuer (Dschizya) zahlen, dafür wurde ihnen aber im Gegenzug der Schutz des Herrschers gewährt. Später fanden die Christen im Rahmen des "Millet-Systems" Anerkennung als eine Gemeinschaft, die von einem Patriarchen repräsentiert wurde, allerdings weiterhin den Muslimen untergeordnet. Die Orientchristen waren nicht sonderlich reich, gesellschaftlich jedoch relativ hochgestellt.

Außerdem sind sie äußerst islamkundig. Das Judentum begründete unsere Kultur, der Islam stellt die letzte geoffenbarte Religion, und von den Christen kann man vielleicht sagen, dass sie die anderen Religionen am gründlichsten studiert haben. Die Dominikaner, denen wir begegnet sind, kennen sich beispielsweise perfekt mit dem Koran aus. Sie haben ihn übersetzt, sie sprechen Arabisch und Aramäisch … Soziologisch gesehen waren sie immer Gelehrte und Vermittler. Die Christen sind für den Pluralismus und die kulturelle Vielfalt des Orients wichtig.

 

 

Betrachten Sie die gegenwärtige Lage der Orientchristen als den x-ten Zyklus einer leidvollen Geschichte, oder wird es in naher Zukunft tatsächlich keine Christen in der Region mehr geben?

Heute hat die christliche Bevölkerung den Nahen Osten fast vollständig verlassen.

Didier Martiny

Das Bild ist sehr düster. Man hat das Gefühl, es handle sich um ihren Untergang. In der Türkei gibt es praktisch keine Christen mehr: Dort sind sie auf eine Gruppe von etwa 100 000 Menschen zusammengeschrumpft. Im Irak wurden sie verfolgt  und sind nach Kurdistan geflohen, dort leben sie wie Flüchtlinge. In Syrien ist die Lage noch schlimmer, denn eine Million Christen haben das Land verlassen. Bleibt Ägypten, wo sie am zahlreichsten sind, sich aber aufgrund des regional erstarkenden Islamismus von der Außenwelt abschotten mussten. Dabei verloren sie die kämpferische Haltung, mit der sie sich für das von ihnen unter der Nasser-Regierung erträumte Aufblühen einer laizistischen Gesellschaft eingesetzt hatten. Aber Nassers Panarabismus-Projekt scheiterte und wurde durch andere Kräfte ersetzt. Heute hat die christliche Bevölkerung den Nahen Osten fast vollständig verlassen. Im Libanon stellen die Christen zwar nach wie vor die Mehrheit, aber das ist eine Ausnahme.

Faszinierend an dieser Region ist die unglaubliche Vielfalt der Glaubensgemeinschaften! Da gibt es Syriaker, Sabier, Mandäer und uralte Orden, die vom Heiligen Johannes dem Täufer abstammen – nicht zu vergessen die Jesiden, die allerdings keine Christen sind. Sollte eine dieser Minderheiten endgültig darauf verzichten zu bleiben, werden alle anderen ihrem Beispiel folgen, da die Lage für alle prekär ist. Was von dieser Vielfalt bleibt, wird zusammenstürzen wie ein Kartenhaus.

 

Wie kann die Kultur der Orientchristen diese Krise überdauern?

Damit kommen wir auf das ganze Pro und Kontra des Exils. Der Patriarch von Babylon mit Sitz in Bagdad, Louis Raphael I. Sako, beispielsweise, polemisiert heftig gegen die Auswanderung. Mit folgenden Worten wandte er sich sogar gegen örtliche Priester: „Da hilft nichts, ihr müsst bei euren Gläubigen bleiben!“ Für ihn geht es dabei auch um die Erhaltung des kulturellen Erbes im Irak. Demgegenüber meinen andere, zum Beispiel die Armenier, der Orient sei zwar die Wiege ihrer Religion, vor allem müsse aber letztere am Leben bleiben; sie könne überall in der Welt wieder Fuß fassen.

Jedenfalls stehen alle vor dem Problem, ob sie eines Tages zurückkehren können, nachdem sie den Nahen Osten verlassen haben. Das wird schwierig sein. Materiell werden sich die Orientchristen im Exil sicherlich integrieren können – aber nicht spirituell, denn ihre Funktionsweise ist gemeinschaftlich, und fern der Heimat fehlt ihnen der Schmelztiegel, der ihren kulturellen Reichtum ausmachte.

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016