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An der Sterbehilfe scheiden sich die Geister

Länder: Belgien, Niederlande, Großbritannien

Tags: Sterbehilfe

Diese Woche geht es nach London, wo ein Gesetzesvorschlag zur Legalisierung der Sterbehilfe die Gemüter erregt. Dabei ist die Diskussion keineswegs auf britische Politiker und Medien beschränkt.

 

Sterbehilfe verbieten? Dulden? Oder legalisieren? In den europäischen Gesellschaften wird sehr kontrovers über Sterbehilfe diskutiert. Während die Benelux-Staaten und die Schweiz die Sterbehilfe bereits heute erlauben, verhängen Länder wie Polen und Irland Haftstrafen für jede Form von Sterbehilfe.   

 

Ein ehemaliger Erzbischof für Sterbehilfe

„Warum ich meine Meinung über begleiteten Suizid geändert habe“ lautet der Titel eines Artikels, den Lord Carey, Erzbischof von Canterbury von 1991 bis 2002, am 12. Juli in der Daily Mail veröffentlichte. Nach Auffassung des früheren geistlichen Oberhaupts der anglikanischen Kirche, der bislang ein überzeugter Gegner der Freitodbegleitung war, klammert das derzeitige Gesetz eine wesentliche Frage aus, nämlich die Frage, warum man einen unheilbar kranken Menschen zwingen soll, unter unerträglichen Schmerzen ein elendes Dasein zu fristen. Sein Essay erschien eine Woche vor der Parlamentsdebatte über das begleitete Sterben für volljährige Patienten.
In Großbritannien ist der Abbruch von medizinischen Maßnahmen, also die passive Sterbehilfe, in bestimmten Fällen gestattet. Seit 2010 verfolgen die Gerichte immer seltener Personen, die einem Angehörigen dabei geholfen haben, sich das Leben zu nehmen, wenn dieser klar seinen Wunsch nach einer Freitodbegleitung formuliert hatte. Doch Sterbehilfe bleibt in der Politik ein Streitthema und verschiedene Gesetzesentwürfe zur Legalisierung des medizinisch begleiteten Freitods wurden bereits abgelehnt.

 

Sterbehilfe für Minderjährige in Belgien

Belgien ist das erste Land weltweit, das Sterbehilfe für Minderjährige ohne Mindestalter legalisiert hat. Die Voraussetzungen sind eindeutig: Das Kind muss sich in einer medizinisch auswegslosen Lage befinden, die in Bälde zum Tod führt. Selbst wenn das Kind den Wunsch nach Sterbehilfe äußert, ist die Zustimmung der Eltern erforderlich. Das neue Gesetz wurde im Februar 2014 im belgischen Parlament gegen den Widerstand der Religions-gemeinschaften mit klarer Mehrheit verabschiedet (88 Ja-Stimmen gegen 44 Nein-Stimmen).  
Seit 2002 erlaubt Belgien bereits Sterbehilfe für volljährige Patienten, die im Besitz ihrer geistigen Fähigkeiten sind, wenn diese unter ständigen, unerträglichen und nicht zu lindernden Schmerzen leiden. Der Patient muss seinen Wunsch freiwillig, bewußt und wiederholt äußern. In letzten Jahr wurden mit einem Anstieg der Fälle von Sterbehilfe um 27 % im Vergleich zum Vorjahr Rekordzahlen verzeichnet. So haben nach Angaben der französischen Tageszeitung Le Figaro letztes Jahr 1.807 Menschen in Belgien den begleiteten Freitod gewählt.

 


Aktive, passive oder indirekte Sterbehilfe und Freitodbegleitung

Es gibt verschiedene Formen von Sterbehilfe: Beim begleiteten Freitod nimmt sich der Patient selbst das Leben und erhält dabei Hilfe von einem Dritten. Die Niederlande haben dieses Vorgehen als erstes Land legalisiert. Auch bei der aktiven Sterbehilfe waren die Niederländer Vorreiter. Hier werden dem Patienten Substanzen verabreicht, die den Tod zur Folge haben. Sie ist zu unterscheiden von der passiven Sterbehilfe, die den Tod dadurch herbeiführt, dass die medikamentöse Versorgung oder die künstliche Ernährung eingestellt wird. Die passive Sterbehilfe ist in der Schweiz seit 2010 erlaubt und wird in Deutschland und Österreich geduldet. Und dann gibt es noch die indirekte Sterbehilfe, bei der einem Patienten Erleichterung durch eine Schmerzbehandlung verschafft wird, diese aber als unbeabsichtigte Konsequenz dessen Tod verursacht.

Nadine Ayoub

 

Zuletzt geändert am 17. Januar 2017