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Der radioaktive Skandal

Länder: Frankreich

Tags: Areva, Atomkraft, Radioaktivität, Bakouma

Areva, das Flaggschiff der französischen Atomindustrie und zugleich auch das mächtigste Atomkraftunternehmen der Welt, sorgt erneut für Schlagzeilen. Die Internetplattform Wikileaks hat Berichte veröffentlicht, aus denen hervorgeht, dass die Uranmine im zentralafrikanischen Bakouma, die der Atomgigant 2012 verlassen hat noch bevor dort angekündigte Investitionen getätigt wurden, radioaktiv ist. Die Werte sollen die natürliche Radioaktivität um das 30-fache überschreiten. 

 

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Areva & UraMin - Eine Zeitbombe der französischen Atomindustrie

Hier geht es zu unserer Webdokumentation, die mit zahlreichem Hintergrundmaterial, Infografiken und Enthüllungsvideos, Licht in das Dunkel um den Areva-UraMin-Deal bringen. 

Der Skandal geht bereits auf das Jahr 2007 zurück. Damals kaufte der Konzern Areva für drei Milliarden Euro das kanadische Unternehmen UraMin, das Uranminen in drei afrikanischen Ländern besitzt. Doch Areva hat dort nie Uran hergestellt. Eine der Minen befindet sich in Bakouma, unweit der zentralafrikanischen Hauptstadt Bangui. Laut den Wikileaks-Berichten hat Areva im Jahr 2012 die Mine verlassen, ohne dort die nötigen Schritte zu unternehmen, um den Ort abzusichern und unschädlich zu machen. Außerdem soll das französische Unternehmen seine Mitarbeiter nicht vor der gefährlichen, radioaktiven Strahlung geschützt haben. Jetzt ist die Stätte in Bakouma ein radioaktiver Ort, der für die Anwohner große Gefahren birgt und die ehemaligen Arbeiter sind womöglich hochgradig verstrahlt.

 

Hintergrund: Areva und der Uramin-Deal
Das Uranium-Vorkommen in Bakouma ist französischen Geologen schon seit den 60er Jahren bekannt. Im Jahr 2007 kauft Areva die Minen in Bakouma dann für einen hohen Preis, während gleichzeitig das kleine Unternehmen UraMin Bergbauberechtigungnen in Namibia und Südafrika einsackt. Die Rückkehr der französischen Atomindustrie in Zentralafrika ist für das Land ein Hoffnungsträger. Zahlreiche kleine Firmen nennen sich ab sofort Areva und 133 Menschen werden eingestellt, um Bohrungen in Bakouma durchzuführen. Im August 2012 gilt die Mine dann als nicht mehr förderungswürdig, vor allem nach der Fukushima Katastrophe, die einen Kurseinbruch von UraMin an der Börse mit sich brachte. Deshalb zieht sich Areva aus Bakouma zurück. Im Frühling 2013 erklärt Areva der zentralafrikanischen Regierung, dass sie sich aufgrund einer "Situation höherer Gewalt" zurückgezogen hat, obwohl der Bürgerkrieg erwiesenermaßen nicht der Hauptgrund ihres Rückzugs war.

 

Areva verlässt Bakouma

Der Wikileaks-Bericht bezieht sich bei der Aufdeckung des Areva-Skandals auf einschlägige Ereignisse vom 14. November bis 13. Dezember 2012. Zu diesem Zeitpunkt hat Areva seine Tätigkeit in Bakouma auf Eis gelegt. Zunächst sollen am 7. Dezember die Angestellten mit ihren Familien in einem Konvoi nach Bangui gebracht worden sein. Wie Tiere waren sie in Minibussen mit ihrem Hab und Gut und ihrem Vieh eingepfercht. Der Grund für die überstürzte Abreise: Die Sicherheit der Menschen war in Gefahr, denn die Uranmine war zuvor bereits sechsmal von einer bewaffneten Gruppe angegriffen worden. Die Angestellten wurden infolgedessen also entlassen und haben eine Entschädigungszahlung erhalten. Aber wie es zu diesem Zeitpunkt um ihren Gesundheitszustand nach jahrelanger Arbeit auf radioaktivem Boden bestellt war, wusste niemand, nicht einmal die Angestellten selbst. Bis heute konnte niemand einen Einblick in ihre medizinischen Akten bekommen.

 

Arbeiten unter Radioaktivität

Die Areva Direktion in Bangui wollte sich dazu bislang nicht äußern. In Bakouma selbst wurden die Festplatten mit den entsprechenden Daten formatiert. Areva hat sich heute, nach Aufdeckung des Skandals, zu Wort gemeldet und bekannt gegeben, dass unlängst eine Untersuchung der Stätte auf Radioaktivität durchgeführt wurde und die Werte der nationalen Agentur zum Schutz vor Radioaktivität in Zentralafrika (ANR) vorliegen.

In einem Bericht von 2013 soll die Agentur bestätigt haben, dass die Dosen an Radioaktivität, denen die Areva-Angestellten ausgesetzt waren, sehr schwach waren und die Grenzwerte nicht überschritten. Im Dezember 2012 haben Experten die Uranmine in Bakouma besucht und mit den ehemaligen Angestellte gesprochen. Diese berichteten, dass sie weder Schutzkleidung besaßen, obwohl sie direkt mit dem uraniumhaltigen Gestein arbeiteten, noch ein Messgerät zur Messung der Strahlendosis besaßen. Sie gaben an, dass sie bei Bohrungen sogar gänzlich mit radioaktivem Schlamm bedeckt wurden. Areva hingegen behauptet, dass ihren Angestellten angemessene Arbeitskleidung zu Verfügung gestellt wurde. Es steht Aussage gegen Aussage. 

 

Unsere Reportage
Eine Reise nach Bakouma, zur scheinbar vielversprechendsten Lagerstätte von UraMin. Heute gleicht der Ort einer Geisterstadt. Areva hat seine Verpflichtungen verletzt und den Ort verlassen. Nie hat der Konzern dort auch nur ein einziges Gramm Uran abgebaut. Zudem ist die örtliche Bevölkerung nun auch vermutlich radioaktiver Verseuchung ausgesetzt. Wir zeigen Ihnen Exklusiv-Bilder dieses Standorts, der inmitten eines Bürgerkriegslandes liegt.

 

Bakouma - seinem Schicksal überlassen

Nach den schockierenden Berichten der Angestellten mussten die Experten auf Stippvisite weitere skandalöse Entdeckungen machen. In Bakouma gibt es weit und breit keinen einzigen Warnhinweis darauf, dass die Stätte radioaktiv ist und dass die Radioaktivität die Grenzwerte überschreitet. Überall liegen noch Bauschutt und Bohrproben herum und die Anwohner kommen, um aus diesen Materialien ihre Häuser zu bauen.

Areva behauptet, schon Ende 2012 95 Prozent aller Baumaßnahmen getroffen zu haben, um die Stätte abzusichern. Für die verbleibenden fünf Prozent an Arbeiten hatte der Atomriese ein lokale Agentur engagiert. Diese hat alle nötigen Arbeiten angeblich im Juli 2013 abgeschlossen. Für Areva liegt deshalb heute keine Gefahr für die Gesundheit vor.

Dennoch ist die Radioaktivität an einigen Stellen in Bakouma immer noch signifikant hoch, nicht zuletzt weil sich in Bodennähe ein natürliches Uranium-Vorkommen befindet. Bakouma ist heute eine verlassene, ihrem Schicksal überlassene Stätte. Das moderne Krankenhaus, das Areva den Menschen dort versprochen hatte, wurde nie gebaut, lediglich die Grundmauern für eine Schule wurden gelegt. 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016