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"Der Preis der Natur muss möglichst hoch angesetzt werden!"

Länder: Welt

Tags: Finanzen, Umweltschutz

Die Bewertung der Natur in Geldwerten ist bei Umweltschützern sehr umstritten: Einige Verbände sind strikt dagegen, andere hoffen, durch die Bewertung den Naturschutz voranzutreiben. Markus Henn von der Organisation WEED beobachtet das neue Geschäftsfeld der Finanzindustrie seit  geraumer Zeit.

Herr Henn, wie beurteilen Sie den aktuellen Stand in Sachen Green Banking? 

Ich beobachte immer mehr Veranstaltungen und Initiativen zu dem Thema "Natur als Kapital". Unternehmen, Finanzindustrie und Wissenschaft setzen zunehmend auf den Zweig "Natural Capital Accounting". Der moralische Mantel" wird für die Unternehmen immer wichtiger. Puma zum Beispiel investiert viel Geld in ein möglichst grünes Image.

 

Und was macht die Politik?

Die Politik ist sehr aktiv und hat in der sogenannten "Konvention über biologische Vielfalt" deren Schutz international festgeschrieben. Nicht nur die Umweltministerien in den einzelnen Ländern und die Europäische Umweltbehörde arbeiten nun an Konzepten zur Bewertung und Quantifizierung der Natur. Auch die UNO (UNEP) und die Weltbank arbeiten stark daran. Das muss man alles sehr gut beobachten.

 

Man bewertet den Urwald und seine Leistung als Ökosystem. Aber dass man auf diese Weise Biodiversität erhält und schützt, ist eine Scheinlösung.

 

In welche Richtung entwickelt sich die Branche?

 Der Schwerpunkt auf Biodiversität ist sehr aktuell. Auf diese Weise soll Monokulturen entgegengewirkt werden. Wenn man den Urwald als Beispiel nimmt: Man bewertet den Urwald und seine Leistung als Ökosystem. Und zu einem bestimmten Wert wird er dann in den Finanzmarkt eingebracht. Dass man auf diese Weise Biodiversität erhält und schützt, ist aber eine Scheinlösung.

 

Welche Risiken birgt das Natural Capital Accounting konkret?

Dass der Preis der Natur bei der Bewertung zu niedrig festgesetzt wird, ist die große Befürchtung vieler NGOs. Auf diese Weise könnten Unternehmen dann auf billige Weise die Umwelt zerstören. Das ist die große Gefahr: Die Natur als Wert an sich ist ja gar nicht zu bewerten, so wie zum Beispiel auch nicht ein Menschenleben. Es besteht auch die Gefahr, dass Umweltschäden dann immer mit Schadensersatzzahlungen akzeptiert werden und der Erhalt der Natur, zum Beispiel über die Umsiedlung einer Tierart, nicht mehr zählt.

Es könnten Zertifikate zum Schutz von Biodiversität entstehen, mit denen dann Handel an den Börsen getrieben würde.

 

 

Wie sieht Ihrer Meinung eine Art Zukunftsszenario aus?

Das Thema lässt sich gut mit dem Emissionshandel vergleichen. Zertifikate, die das Recht auf umweltschädliche Emissionen geben, werden erworben und dann auch weiterverkauft. Diese Idee, mit der ursprünglich Schadstoffe reduziert werden sollten, ging eindeutig nach hinten los. Bei der Biodiversität könnte das in dieselbe Richtung gehen. Es würden Zertifikate zum Schutz von Biodiversität entstehen, mit denen dann Handel auch an den Börsen getrieben würde. Nach der Ersterfahrung mit dem Emissionshandel wären die Auswirkungen auf den Umweltschutz und den Schutz der Biodiversität aber kaum positiv zu bewerten, meiner Meinung nach ein Null-Effekt.

 

 

Markus Henn

Markus Henn studierte Politikwissenschaft, mit den Nebenfächern Recht und Volkswirtschaft. Seit 2010 ist er bei der Organisation Weltwirtschaft, Ökologie & Entwicklung[Markus Henn] ​ - WEED in Berlin als Referent für Finanzmärkte tätig und beschäftigt sich insbesondere mit dem Weltfinanzsystem und Finanzreformen. Zuvor war Henn Leiter des Infobus für Flüchtlinge, einem Projekt des Münchner Flüchtlingsrates und Amnesty International München. Politisch und ehrenamtlich engagiert er sich außerdem bei Wasser in Bürgerhand, Gemeingut in BürgerInnenhand und der Flüchtlingshilfe München. 2012 veröffentlichte er als Co-Autor das Buch „Wasser ist keine Ware“, das im VSA Verlag erschien. 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016