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Der Mythos stört

Länder: Russland

Tags: Oktoberrevolution, Putin, Lenin

Das Jubiläum findet in einer betäubenden Stille statt.

Ivan Kourilla, Historiker - 11/2017

Eine Lichtershow in Sankt Petersburg, vereinzelte Ausstellungen und Expertenrunden - viel mehr hat Russland zum Jubiläum der Oktoberrevolution dieses Jahr nicht auf Lager. Ein Großteil der Bevölkerung wird von dem Geburtstag wahrscheinlich kaum etwas mitbekommen: Laut einer Studie der kommunistischen Partei wissen 58% der Russen überhaupt nicht, dass Feierlichkeiten zur Oktoberrevolution stattfinden. Vor dem Zerfall der Sowjetunion war das noch anders: Da wurde auf dem Roten Platz noch eine große Parade abgehalten, um an die Helden der Vergangenheit zu erinnern. "Früher definierte sich das Land über die Oktoberrevolution", so der Historiker Ivan Kourilla. "Doch dieses Jahr findet das Jubiläum in einer fast betäubenden Stille statt."
Selbst die kommunistische Partei, die im Moment die größte Opposition im Parlament stellt, wartet nicht mit einer großen Show auf: Sie hat zwar ihre eigene Veranstaltung neben einer Karl-Marx-Statue vor dem Kreml geplant, angemeldet haben sich allerdings nur 5000 Teilnehmer.

Vor 100 Jahren kam es in Russland zum großen Umbruch: Im März fiel die Zaren-Monarchie, im November besetzten Soldaten im heutigen St. Petersburg wichtige Orte in der Stadt. Kurz darauf übernahm der radikalste Flügel der russischen Linken, die Bolschewiki, unter der Führung von Wladimir Iljitsch Lenin die Macht. Politische Rivalen wurden ausgeschaltet oder mundtot gemacht. Unter Lenins Nachfolger Stalin hatten die politischen Verfolgungen vor 80 Jahren ihren Höhepunkt erreicht.  

Russland: Mit den Augen von Doisneau

Dass die Russen den Geburtstag der Oktoberrevolution so zurükhaltend behandeln, mag an ihrem blutigen Erbe liegen: Insgesamt hat der Kommunismus in Russland - vor allem unter der Gewaltherrschaft Stalins - mehreren Millionen Menschen das Leben gekostet. Dennoch wächst in der Bevölkerung immer mehr die Begeisterung für Lenin, den Vater der Revolution. Laut einem Zeit-Artikel sahen 2006 nur 40 Prozent ihn als positive Figur, mittlerweile seien es 53 Prozent.

 

Putin, der Konterrevolutionär

Eine Hälfte der Bevölkerung, die die Revolution verdammt, die andere, die sie verherrlicht: Präsident Wladimir Putin muss eine Gratwanderung gelingen, wenn er die Wahlen nächstes Jahr gewinnen will. Dass er das Jubiläum so stiefmütterlich behandelt, könnte allerdings mehr als politisches Kalkül sein: "Dem Kremlchef ist jede Art von Umsturz, von Revolution verdächtig", so Ilja Kalinin, Professor der Universität St. Petersburg, gegenüber der Deutschen Presseagentur. "Schon die Idee einer Revolution wird als Nationalverrat gebrandmarkt."

Dem Kremlchef ist jede Art von Umsturz, von Revolution verdächtig.

Ilja Kalinin, Historiker  - 11/2017

Der Langzeitpräsident fürchte, dass sich der Volkszorn irgendwann auch gegen seine Herrschaft richten könnte, so Kalinin. Das zeige das Vorgehen gegen die Opposition in Russland und der Kampf gegen "bunte Revolutionen" in der Ukraine und anderen Ländern. 

Doch selbst im eigenen Land erstickt die Regierung jedes Anzeichen für Kritik oder soziale Unruhe. Erst letztes Wochenende wurden hunderte Russen, die im Auftrag eines nationalistischen Oppositionellen gegen Putin protestierten, festgenommen.

 

Zuletzt geändert am 9. November 2017