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Der "kurdische Obama"

Länder: Türkei

Tags: Wahl, Kurden, Selahattin Demirtas

Wir, als unterdrücktes Volk der Türkei, das Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit will, haben heute einen gewaltigen Sieg erreicht.

Selahattin Demirtas

Selahattin Demirtas ist der strahlende Sieger der türkischen Parlamentswahl. Mit dem Einzug ins Parlament bringt der junge und charismatische Anführer der kurdischen Demokratischen Partei der Völker (HDP) die politischen Machtverhältnisse in der Türkei ins Wanken. Demirtas' historischer Triumph ist eine herbe Niederlage für die AKP von Staatschef Recep Tayyip Erdogan. Die islamisch-konservative Partei verlor nicht nur ihre absolute Mehrheit, sondern muss sich wohl auch von der angestrebten Einführung des Präsidialsystems verabschieden.

Demirtas gilt als einziger Politiker in der Türkei, der Erdogan rhetorisch gewachsen ist. Seine Bewunderer bezeichnen ihn in Anlehnung an den US-Präsidenten gar als "kurdischen (Barack) Obama". Während des Wahlkampfes gelang es dem 42-Jährigen, auch Nicht-Kurden auf seine Seite zu ziehen. Unter seinem Vorsitz entwickelte sich die HDP von einer Interessenvertretung der kurdischen Minderheit zu einem Sammelbecken all jener, die unzufrieden mit der Regierung der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) sind, unter ihnen säkulare Türken, Frauen und Homosexuelle.

 

"Wir, als unterdrücktes Volk der Türkei, das Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit will, haben heute einen gewaltigen Sieg erreicht", sagte Demirtas am Wahlabend in Istanbul. Der Einzug ins Parlament sei ein Triumph für die Arbeiter, Arbeitslosen, Dorfbewohner und Bauern. "Es ist ein Sieg der Linken", sagte Demirtas.

 

Demirtas: Ein betont gelassener Politiker

Im Wahlkampf schmähte der eigentlich zu Neutralität verpflichtete Staatschef seinen Rivalen als "hübschen Jungen" und griff die HDP wegen ihrer angeblichen Nähe zur verbotenen Rebellengruppe PKK an. Erdogan stellte auch infrage, ob Demirtas und seine Parteifreunde wirklich gute Muslime seien, nachdem der HDP-Chef sich gegen einen verpflichtenden Religionsunterricht in türkischen Schulen ausgesprochen hatte. Demirtas blieb angesichts solcher Attacken betont gelassen.

Im Wahlkampf blieb es aber nicht bei rhetorischen Angriffen auf die HDP. Mitglieder der Partei wurden mehrfach Opfer von Gewalt, zwei Tage vor der Wahl wurden bei einer Kundgebung der HDP zwei Menschen bei einer Bombenexplosion getötet. Demirtas rief seine Anhänger zur Ruhe auf. Seine Botschaft "Der Frieden wird siegen", verbreitete sich rasend schnell im Online-Dienst Twitter. Die besonnene Reaktion brachte Demirtas viel Respekt ein.

 

Familie als Wahlkampfmittel

Der Frieden wird siegen.

Selahattin Demirtas

Auch seine Familie setzte der HDP-Chef im Wahlkampf gekonnt in Szene. Oft tritt er mit seiner Frau Basak, einer Lehrerin, und seinen beiden Töchtern auf. Im Mai ließ er sich von den Kameras eines privaten TV-Senders dabei filmen, wie er in der heimischen Küche das Familienfrühstück vorbereitet.

Demirtas stammt aus dem ostanatolischen Elazig. In dem mehrheitlich kurdischen Stadt wuchs er mit sechs Geschwistern auf. Seiner kurdischen Identität wurde er sich nach eigenen Angaben mit 15 Jahren bewusst. Damals besuchte Demirtas die Beerdigung eines prominenten Politikers, der in Diyarbakir, der größten kurdischen Stadt der Türkei, erschossen worden war. Während der Zeremonie eröffneten Unbekannte das Feuer auf die Trauergemeinde, acht Menschen wurden getötet.

"Damals verstand ich, was es heißt, ein Kurde zu sein", sagte Demirtas in einem Interview im vergangenen Jahr. Sein Bruder Nurettin wurde wegen Mitgliedschaft in der PKK zu einer Haftstrafe verurteilt und lebt inzwischen in der PKK-Hochburg in den Kandil-Bergen im Nordirak.

 

Menschenrechtsanwalt und Politiker: Erdogan muss sich warm anziehen

Selahattin Demirtas arbeitete nach seinem Jurastudium an der Universität in Ankara zunächst als Menschenrechtsanwalt. 2007 startete er dann seine politische Karriere. Seit einem Jahr führt er die HDP gemeinsam mit der Co-Vorsitzenden Figen Yukseldag. Bei der Präsidentenwahl im August 2014 konnte Demirtas Erdogan noch nicht gefährlich werden, er landete auf dem dritten Platz. Im Parlament dürfte er dem Lager des Präsidenten nun aber das Leben schwer machen.

Zuletzt geändert am 23. März 2017