|

Der Kampf der Spätis in Berlin

Länder: Deutschland

Tags: Berlin, Späti

Die Spätis gehören zu Berlin wie der Fernsehturm. Die Läden müssen jedoch aktuell um ihre Existenz kämpfen mit dem Gesetz, sonntags nicht mehr öffnen zu können.

Während Frankreich seine Ladenöffnungszeiten ausweitet, geht Berlin mit Kontrollen dagegen vor. Es geht um die sogenannten "Spätis", die kleinen Kioske, Büdchen, Spätverkaufsläden. Rund 1000 davon gibt es in Berlin. Sie dürfen sonntags eigentlich gar nicht öffnen, das ist Tankstellen und Bahnhofsläden vorbehalten. Dabei machen die kleinen Läden, die meist von einer Familie betrieben werden, sonn- und feiertags doppelt so viel Umsatz wie an Wochentagen. Das wiegt schwer bei den geringen Erlösen, die unter dem Strich oft bleiben. Doch die Bußgelder, die der Bezirk Neukölln jetzt an Inhaber verteilt die sonntags öffnen, vermiesen das Geschäft. Viele Buden stehen vor dem Aus - dabei sind sie so wichtig für den sozialen Zusammenhalt im Kiez: Für Viele Wohnzimmer, Stammkneipe und Tante-Emma-Laden direkt vor der Haustür. Inzwischen gibt es Online-Petitionen für Gesetzes-Änderungen, Aktivisten drucken Flyer und Plakate, manche denken an Volksbegehren...

Welche Rolle spielen diese "Institutionen" im berliner Mikrokosmos? ARTE Journal hat 24 Stunden in einem Späti in Neukölln verbracht:

Berlin: "Rettet die Spätis"

 

Kiosk mit Kultstatus - Spätis in Berlin

 

Eigentlich stammt der Begriff "Späti" aus dem Osten, der ehemaligen DDR. In den "Spätverkaufsstellen" sollten sich die Schichtarbeiter nach Ladenschluss mit den nötigsten Dingen des Alltags versorgen können. Heute heißen die kleinen Kioske auch im Westteil Berlins „Späti“, ein Begriff der sonst nur noch in Sachsen auftaucht. 

Im Westen der Republik gibt es die kleinen Läden oft noch unter dem Label "Trinkhalle“. Die Geschichte der Trinkhalle ist noch älter: Als Mitte des 19. Jahrhunderts die sich rasant ausbreitende Industrialisierung Arbeiter in Massen in die Fabriken zog, musste für deren Versorgung mit Trinkwasser gesorgt werden. Im Frankfurter Raum werden die kleinen Läden deshalb auch heute noch „Wasserhäuschen“ genannt. Erst später kamen Bier, Schnaps und Tabak ins Sortiment - Artikel, mit denen die Kioske heute den meisten Umsatz machen. Wie man sie auch in den verschiedenen Regionen Deutschlands nennt, eines haben alle „Büdchen“ gemeinsam: Sie sind Orte der spontanen Kommunikation, Versammlungs- und Begegnungsstätten und vielerorts genauso beliebt wie die klassische Kneipe.

 

Eine Smartphone-App

In Berlin sind die Spätis so beliebt, dass es sogar eine Smartphone-App gibt, die dem Nutzer den Weg zum nächsten Laden auf das Handy zaubert. Mit der Suchfunktion lässt sich aber auch das Warensortiment durchkämmen - praktisch wenn man spätabends noch Fahrradschlösser, Baumarkt-Artikel oder Taschenmesser braucht.

Die Nutzer können auch den Service bewerten oder einen Kommentar zum Stamm-Späti loswerden, denn oft entsteht eine eigene, jahrelange Beziehung zum Inhaber und dessen Familie, die dort mitarbeitet. In Berlin sind die meisten der Kioske von türkischstämmigen Familien geführt, insgesamt überwiegt der Anteil von Inhabern mit Migrationshintergrund deutlich. Auch deshalb spielen Spätis in Sachen Integration eine herausragende Rolle, ganz ohne Fördergelder oder von der öffentlichen Hand aufgelegte Programme.

 

Christian Klier : "Man kauft nicht nur im Späti ein, es ist immer auch eine soziale Begegnung, weil man sich austauscht."

"Der Späti: Eine Ortsuntersuchung in Berlin" - Berlin Story Verlag (2013)

Der Berliner Christian Klier hat den Spätis in seiner Stadt ein ganzes Buch gewidmet. Akribisch und mit viel Liebe zum Detail dokumentiert er dort, was die Berliner Kioske so liebenswert und interessant macht. Rund 1.000 Spätis gibt es in der Stadt, nicht viel höher liegt der monatliche Netto-Verdienst seines Inhabers. Ungefähr 200 Kunden werden pro Tag auf durchschnittlich 38 Quadratmeter Verkaufsfläche bedient, hinter dem Tresen ist Platz für 1.300 Liter Bier und Zigaretten im Wert von 8.200 Euro. Im Interview spricht Christian Klier über seine Motive den Spätis ein Denkmal zu setzen und über seine Erlebnisse bei der Recherche.

Interview mit Christian Klier

Was ist der Bezug von Spätis und Berlin?

Für viele ist es ein „Warm-up“ vor der Party beim Späti zu sitzen, um sich dort anzutrinken und dann weiter zu ziehen. Und es passt zu dem Look von Berlin, zu seinem Image, dass man hier gut und preiswert leben kann und viel Spaß haben kann, was besonders für die jungen Leute sehr attraktiv ist.

Spätis in Berlin. Fotos: Christian Klier

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016