"Der Islamische Staat funktioniert - auf allen Ebenen"

Länder: Irak, Iran

Tags: Islamischer Staat, Dschihadisten, Schiiten, Sunniten, Kurden

Myriam Benraad ist Politologin und Irak-Expertin. Sie ist der Ansicht, dass die Armee des Islamischen Staates IS lange Zeit unterschätzt wurde und erklärt uns die Gründe für ihren rasanten Vormarsch.

 

Woher kommt der Name der Dschihadisten im Irak: Islamischer Staat (IS)?

Der Islamische Staat wurde Ende 2006 von einer Generation irakischer Dschihadisten ausgerufen, die der irakische Emir Abou Moussab Al-Zarakaoui in die Öffentlichkeit gerückt hatte. Und ganz symbolisch, im Laufe ihres Vormarsches und infolge des Zusammenschlusses mit dem salafistischen Zweig der Dschihadisten in Syrien, hat sich dieser irakische Islamische Staat umbenannt in den Islamischen Staat im Irak und in der Levante, der nunmehr auch Syrien, den Libanon, Jordanien und auch das historische Palästina miteinschließt. Das war bereits ihre Art und Weise zu zeigen, dass sie  auf eine Eroberung hinarbeiten, die weit über Syrien und den Irak hinausging.

Alle Bevölkerungen müssen sich dem Kalifat unterwerfen.

Myriam Benraad - 09/08/2014

 

 

Um dann wieder zum IS zu werden?

Nach der Eroberung von Mosul und als sie bereits weite Teile von Syrien und dem Irak beherrschten – mit Zellen in Bagdad – fiel die Entscheidung ISIL wieder in IS umzutaufen. Denn als Bgdhadi am 29. Juni in der großen Moschee von Mosul die Wiederinstandsetzung des Kalifats verkündet hat, hat er darunter nicht mehr nur die Länder der Levante sondern die gesamte arabische Welt verstanden. Für ihn war das auch eine Möglichkeit, allen Muslimen zu signalisieren, dass sie sich ihm anschließen sollten, um nicht exekutiert zu werden. Alle Bevölkerungen müssen sich dem Kalifat unterwerfen. Darüber hinaus werden alle Christen und andere Minoritäten und Sunniten, die sich Baghdadi nicht anschließen umgebracht.

 

Und was erklärt den rasanten Vormarsch des IS?

Es gibt mehrere Gründe. Zuerst einmal sind es Kämpfer, die seit zehn Jahren agieren. Selbst wenn sie nur einige tausende sind, ist ihr Terror sehr wirksam. Die irakischen Dschihadisten haben zehn Jahre lang in ihrer Heimat damit verbracht, die amerikanische Armee zu bekämpfen. Sie haben große Kampfkapazitäten entwickelt und sind abgehärtet im Kampf mit hochentwickelten Waffen. Sie besitzen auch welche dank des ausgeprägten Waffenhandels. Es gibt auch ausländische Dschihadisten die sich in Syrien an den Waffen geübt haben, bevor sie in den Irak kamen. Deshalb sind alle diese Kämpfer sehr gut trainiert.

Der andere Grund ist der politische Kontext, denn der Irak ist seit langem in einer politischen Krise, die durch den Ministerpräsident Al Maliki und seine autoritären Tendenzen noch angestachelt wird. Er hat den Protest der Bevölkerung in mehreren sunnitischen Provinzen mit Waffen unterdrückt – daher auch die gewisse Anzahl an Sympathisanten auf sunnitischer Seite, die den Vormarsch der Dschihadisten erleichtert haben.

   

In einem Kontext, in dem es keinen Wiederaufbau gibt und alles verfällt, ist der IS die Einheit, die am besten zahlt.

Myriam Benraad - 09/08/2014

Die sunnitische Bevölkerung unterstützt den IS?

Nein, es gibt nur eine kleine Anzahl an Sympathisanten. Der Großteil der Bevölkerung lehnt den Islamischen Staat ab, aber der IS hat ausreichend strategische Verbündete in der Bevölkerung um seinen Vormarsch zu erleichtern. Außerdem ist der IS in einem Kontext, in dem es keinen Wiederaufbau gibt und alles verfällt, die Einheit, die am besten zahlt. Das ist auch ein Grund, weshalb es dem IS gelingt, so viele Menschen zu rekrutieren und die Komplizenschaft oder das Schweigen der Bevölkerung zu kaufen, und zwar mit dem Geld, das er durch illegalen Mineralölhandel erwirtschaftet. Denn der IS wird mit Mitteln des illegalen Mineralölhandels und anderen illegalen Geschäften finanziert. Ob auf der militärischen, der politischen oder der sozial-ökonomischen Ebene, das ist ein System, das gut funktioniert und zum Ziel hat, einen Staat zu gründen.

 

Erzielt der IS auch mit seiner Propaganda militärische Erfolge?

Ja, Propaganda war immer eine zentrale Charakteristik dieser Gruppe. Seit 2006 hat der IS stark in schriftliche und audiovisuelle Propagandaaktionen investiert. Mit den wachsenden Ressourcen, die der Gruppe vor allem im Textilbereich zur Verfügung stehen, konnte die Propaganda noch perfektioniert werden. Das hilft dem IS, Kämpfer zu rekrutieren und sich die Unterstützung der Masse zu sichern. Eine Unterstützung, die letzten Endes ohnehin mit Waffengewalt erzwungen wird.

 

Erklärt das die Schwäche der irakischen Armee?

Die Schwäche der irakischen Armee geht auf 2003 zurück. Das war einer der grundlegenden Fehler, den die Amerikaner damals gemacht haben: die Armee zu zerschlagen, obwohl diese die erste Institution war, die seit Anfang der 20er Jahre unter britischem Mandat gegründet worden war. Die Auflösung der Armee hatte katastrophalen Folgen. Einige Offiziere und Soldaten fanden sich auf der Straße wieder, ohne Lohn und ohne Arbeit. Diese haben natürlich zu den Waffen gegriffen, die das Baath-Regime zurückgelassen hat und sich dem bewaffneten Widerstand angeschlossen. Seit damals hat die irakische Armee, die man wieder aufbauen wollte, nie wirklich die Kapazitäten gehabt, um zu handeln. Man rekrutierte in den Rängen der Armee soviel man konnte. Aber die Soldaten sind schlecht ausgebildet und schlecht trainiert. Von da an verließen viele die Armee, aus Angst vor den Dschihadisten, deren Stärke bekannt ist.

Die einzige Kraft, die IS wirklich erbitterten Widerstand leisten könnte, sind die schiitischen Milizen.

Myriam Benraad - 09/08/2014

 

Wer könnte IS heute davon abhalten, in Bagdad einzumarschieren?

Das ist die große Frage, auch wenn wir nun wissen, dass Amerika und auch der Iran Bagdad unterstützen. Aber die einzige Kraft, die IS wirklich erbitterten Widerstand leisten könnte, sind die schiitischen Milizen. Mit Ausnahme von 2006 sind sich die beiden Seite noch nie gegenübergestanden, aber eine Konfrontation wäre sehr brutal. Und die Iraner haben ja bereits angekündigt, dass sie verstärkt eingreifen, wenn IS nach Bagdad eindringt. Und dann gibt es noch den Westen, die gezielten Kampfeinsätze, die Obama angekündigt hat und die Unterstützung Frankreichs.