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Der große Traum vom Suezkanal

Länder: Ägypten

Tags: Suezkanal, Welthandel, Wirtschaft, Geschichte, Naher Osten, Ägypten, Arabischer Frühling

5.000 Gäste, eine Opernaufführung und eine Flugshow mit Kampfjets – der neue Suezkanal wird heute mit viel Pomp eröffnet. In nur einem Jahr wurde auf 72 Kilometern eine Parallelstrecke errichtet, 35 Kilometer wurden neu gegraben, auf weiteren 37 Kilometern die Breite des Kanals verdoppelt. Ägypten erhofft sich dadurch mehr Schiffsverkehr, mehr Einnahmen und wirtschaftliche Impulse für die Region. 

Es ist das große Projekt des ägyptischen Regimes unter Abdel Fattah el-Sisi. Der Ausbau des Suezkanals, begonnen kurz nach der Machtübernahme des ägyptischen Generals im Juni 2014, wird als Wendepunkt für Ägyptens Wirtschaft und "großer nationaler Traum" beschworen. Ähnliche Hoffnungen bei der Eröffnung des Kanals vor fast 150 Jahren haben sich für das Land am Nil als trügerisch erwiesen – kommerzielle Verluste führten bald zur Abhängigkeit vom Ausland und schließlich der Übernahme Ägyptens durch britische imperiale Kontrolle.

Die ägyptische Führung will hingegen mit der heutigen Feier ein Signal der Stärke aussenden und die seit der Revolution lahmende Wirtschaft beleben. Die neue Strecke auf 72 Kilometern wird es zukünftig erlauben, den Kanal gleichzeitig in beide Richtungen zu befahren und dadurch Wartezeiten stark zu verringern.

 

Zeitleiste - Bau, Krisen, Krieg und Handel

 

Große Erwartungen, große Unsicherheit

Bis 2023 soll sich dadurch die Zahl der täglichen Schiffspassagen von 49 auf 97 fast verdoppeln. Die staatliche Suezkanalgesellschaft erhofft sich im gleichen Zeitraum eine Steigerung der Transitgebühren von derzeit 4,9 Milliarden Euro auf dann 12,2 Milliarden Euro. Angesichts einer aktuellen Auslastung des alten Kanals von etwa 70  Prozent erscheinen diese Ziele aber als ambitioniert. Zudem ist das Frachtaufkommen stark von externen Entwicklungen wie dem Wachstum des Welthandels, den Spritpreisen und der internationalen Sicherheitslage abhängig (Stichwort Piraterie vor Somalia) – alles Faktoren, die die ägyptische Regierung kaum beeinflussen kann.

Die Kosten des neuen Kanals, circa acht Milliarden Euro, wurden deshalb sicherheitshalber durch Anleihen bei der eigenen Bevölkerung gedeckt. Die scheinbar relativ hohen Zinsen von zwölf Prozent relativieren sich gegenüber der aktuellen ägyptischen Inflationsrate von nahezu elf Prozent, selbst ein Zeichen wirtschaftlicher Turbulenzen. Deshalb ist die Hoffnung umso größer, dass der Ausbau des Kanals  der ägyptischen Wirtschaft starke Wachstumsimpulse und dem Staat sicherere Einnahmen bescheren möge.

 

Eine Million neue Arbeitsplätze

Um diese Ziele zu erreichen und sich unabhängiger von den Schwankungen der Weltwirtschaft zu machen, setzt Ägypten unter anderem auf den Aufbau einer Handels- und Industriezone auf einem Areal von 76,000 km² um den Kanal herum (das entspricht in etwa der Fläche Österreichs). Diese soll als Knotenpunkt für Logistik und wirtschaftliches Kraftzentrum der ägyptischen Wirtschaft fungieren und dadurch bis zu eine Million neue Arbeitsplätze schaffen. Wie realistisch all diese Erwartungen und Pläne sind, haben wir den Nahost-Experten Matthias Sailer von der "Stiftung Wissenschaft und Politik"  gefragt.

 

Le nouveau canal de Suez : infographie

Matthias Sailer, M.Sc., ist  Promotionsstipendiat in der Forschungsgruppe Naher/Mittlerer Osten und Afrika der Stiftung Wissenschaft und Politik am Deutschen Institut für Internationale Politik und Sicherheit. Zwischen 2011 und 2014 war er Korrespondent der Deutschen Welle in Kairo, seine Forschungsschwerpunkte sind Ägypten und die Golfstaaten. ARTE Info hat mit ihm über die Pläne der ägyptischen Regierung gesprochen. 

 

ARTE Info: Wie stark schätzen Sie den wirtschaftlichen Impuls vom neuen Suezkanal für die ägyptische Wirtschaft ein? Ist das Versprechen von einer Million Jobs durch eine Wirtschaftszone rund um den neuen Kanal realistisch?

Die Dynamik des Wirtschaftswachstums hat sich im Verlauf des Ausbaus des Suezkanals nicht erhöht, sondern verlangsamt. 

Matthias Sailer

Matthias Sailer: Eine Analyse der erhältlichen Daten zum ägyptischen Bruttoinlandsprodukt deutet darauf hin, dass sich die Dynamik des Wirtschaftswachstums im Verlauf des Ausbaus des Suezkanals nicht etwa erhöht hat, sondern, im Gegenteil, verlangsamt hat. Offenbar hat dieses "Mega-Projekt" also nicht die nötigen Wachstumsimpulse gebracht, um die ägyptische Wirtschaft in Fahrt zu bringen. 
Ob die geplanten Wirtschaftszonen im Umfeld des Kanals das bewirken können, hängt sehr wesentlich von der Sicherheitslage in Ägypten ab. Denn Unternehmer werden keine weitreichenden Investitionsentscheidungen treffen, solange sich das Land weiter destabilisiert. Die vielen Bombenanschläge und auch die immer ausgefeiltere Vorgehensweise der Täter lassen es jedoch als sehr unwahrscheinlich erscheinen, dass das Militärregime die Situation in den Griff bekommt. Abschreckend wirken für viele Investoren auch mangelnde Rechtsstaatlichkeit, Vetternwirtschaft und Korruption. Dass hier in absehbarer Zeit eine Million Arbeitsplätze geschaffen werden, halte ich daher für unrealistisch.

 

Ist die von der ägyptischen Regierung anvisierte Auslastung realistisch? Wann wird sie vermutlich erreicht werden? 

Die ägyptischen Kalkulationen, die gegenwärtigen Einnahmen bis 2023 zu verdoppeln, sind eher Wunschdenken. 

Matthias Sailer

Matthias Sailer: Das ägyptische Regime geht hier von sehr optimistischen Zahlen aus. Zwar werden sich die Durchfahrtszeiten durch den Kanal deutlich reduzieren. Doch davon allein wird der Welthandel nicht wachsen und vor allem er entscheidet darüber, wie viele zusätzliche Schiffe durch den Kanal fahren werden und damit auch wie viel zusätzliche Einnahmen der Ausbau bringen wird. Viele Ökonomen halten die ägyptische Kalkulation, also die gegenwärtigen jährlichen Einnahmen bis 2023 zu verdoppeln, deshalb auch mehr für Wunschdenken.

 

Das ägyptische Regime hat bereits jetzt finanzielle Probleme in allen Bereichen, es wird aber massiv von den Golfstaaten unterstützt. 

Matthias Sailer

Könnte es – ähnlich wie nach dem Bau des ersten Suezkanals – wieder zu finanziellen Problemen kommen? 

Matthias Sailer: Finanzielle Probleme hat das ägyptische Regime schon jetzt in allen Bereichen. Sie sind nur weniger sichtbar, weil die Golfstaaten das Regime seit Juli 2013 mit mindestens 29 Mrd. USD (26 Mrd. Euro) am Leben gehalten haben. Die von Ägyptens Regierung für die Erweiterung des Suezkanals angegebenen gut 8 Mrd. Euro müssen in knapp fünf Jahren zurückbezahlt werden und zwar mit 12 Prozent Zinsen. Angesichts der desaströsen Wirtschafts- und Finanzlage dürfte das nicht einfach werden. Doch das ist nur eine von vielen finanziellen Herausforderungen, mit der sich das Regime konfrontiert sieht. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass die Golfstaaten Ägypten auch weiterhin nicht fallen lassen werden. 

 

Was bedeutet der neue Suezkanal für den Welthandel? 

Matthias Sailer: Die kürzeren Durchfahrtszeiten sind grundsätzlich sicherlich positiv. Aber grundlegende Veränderungen dürften sich daraus nicht ergeben.

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016