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Der große Raubkunstdeal

Länder: Deutschland

Tags: Irak, Kunstwerke, Syrien, Kunsthandel

Empört blickt die Welt auf die blinde Zerstörungswut der Terrormiliz IS im Irak und in Syrien. Aber die durch das Internet medienwirksam inszenierten Vernichtungen antiker Kulturschätze treffen vor allem sperrige, nicht zu transportierende Objekte.  Mit der kleineren  Raubkunst,  Bronzeschwerter, Münzen, Gläser und Vasen, oft aus vorchristlichen Zeiten, betreibt die Terrormiliz IS ein überaus lukratives Geschäft. Die CIA schätzt das Volumen auf 6 bis 8 Milliarden Dollar. Damit wäre der illegale Kunsthandel, nach dem Geschäft mit dem Erdöl, die zweite Einnahmequelle der selbsternannten Gotteskämpfer, noch vor dem Lösegeld. Nicht nur die Plünderer und Diebe, auch die Mittelsmänner, Hehler und Käufer werden so zu Komplizen des islamistischen Terrors. ARTE Journal sprach über dieses schmutzige Geschäft mit dem Kunstraubexperten Arthur Brand.

 

 

Arthur Brand

Arthur Brand arbeitet für die in Amsterdam ansässige Firma Artiaz, spezialisiert auf Raubkunstnachforschungen. Artiaz arbeitet z.B. für jüdische Familien in Fragen der NS-Raubkunst, aber auch für Museen oder Anwälte, die Interessen von Regierungen vertreten, wie Mexiko oder Ägypten. 

Großbritannien, Frankreich, aber auch Deutschland gelten als Drehscheibe des Raubkunstgeschäftes. Warum gerade Deutschland? Für Arthur Brand hat das verschiedene Ursachen. "Zuerst einmal weil Deutschland ein reiches Land mit einer ausgeprägten Sammlertradition ist. Auch die Geographie spielt eine Rolle. Durch seine zentrale Lage ist Deutschland prädestiniert als Umschlageplatz für ganz Europa. Auch die große Zahl von Immigranten in Deutschland macht gewisse Verbindungen möglich, ich denke da insbesondere an die Netzwerke des türkischen Schmugglerkartells, das in München operiert. In England ist es zum Beispiel besonders die irakische und libanesische Schmuggelmafia, die mit Raubkunst handelt."

 

Auf Hilfe vom Staat bei seinem Kreuzzug gegen Raubkunst rechnet Arthur Brand nur wenig: "Für die Polizei in allen europäischen Länder, vielleicht mit Ausnahme von Italien, ist der Kampf gegen das Raubkunstgeschäft erstens keine Priorität und zweitens mangelt es hier oft an Fachwissen und Mitteln. In England oder Deutschland gibt es zumindest immer wieder öffentliche Diskussionen über Raubkunst und die Frage, welche Stücke aus Museen vielleicht an Ägypten oder Griechenland zurückgegeben werden müsste. In Frankreich findet diese Diskussion so gut wie nicht statt."

 

 

Eine Resolution gegen den Schmuggel

Im Februar 2015 hat der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen erstmals eine Resolution gegen die global vernetzte, internationale Kunstmafia aus Händlern und Käufern verabschiedet. Sie verpflichtet alle 193 Mitgliedstaaten, "geeignete Schritte gegen den Schmuggel mit dem kulturellen Erbe von Syrien und Irak"  zu unternehmen. Was wären denn hier geeignete Maßnahmen? "Die gibt es nicht", urteilt Arthur Brand, "Handel mit Raubkunst gibt es seit Jahrzehnten, seit Jahrhunderten. Und das Problem fängt an der Basis an. In Ländern wie Syrien oder dem Irak kommen auf einen legal arbeitenden Archäologen rund 400 illegale Ausgräber. Die Menschen sind arm, oft auch ungebildet und die Chancen eher mit einer Ausgrabung zum Millionär zu werden als mit einem Lottogewinn, stehen hier weitaus besser. Und wenn die Stücke dann erst mal im Westen gelandet sind, ist es ungemein schwer und zeitaufwendig ihre Herkunft zu prüfen und illegale Geschäfte zu unterbinden. Der Kampf ist fast aussichtslos."

 

Der lange Weg der Raubkunst

In Ländern wie Syrien oder dem Irak kommen auf einen legal arbeitenden Archäologen rund 400 illegale Ausgräber. Die Menschen sind arm, oft auch ungebildet und die Chancen eher mit einer Ausgrabung zum Millionär zu werden als mit einem Lottogewinn, stehen hier weitaus besser. 

Arthur Brand - 11/03/2015

Die Plünderungen der IS-Vandalen im Irak und in Syrien sind nur der erste Schritt, denn dann erst tritt ein ganzer Ring von Mittelsmännern Schmugglern und Hehlern in Aktion, bis hin zum nicht minder skrupellosen Käufer. Der Kunstraubexperte Brand beschreibt den Weg der IS Raubkunst so:

"Die Schmugglerwege, die die Mittelsmänner des IS benutzen sind nicht neu. Seit mehr als 50 Jahren werden gerade aus dem Zweistromland fleißig illegal Kunstwerke geschmuggelt. In den 1970er und 80er Jahren war das eine sehr normale Sache, über die sich niemand ernsthaft Gedanken machte. Denn kaufwillige Sammler gab es immer schon mehr als genug im Westen. Viele Kunstschätze werden zu Fuß oder mit dem Auto über eine der brüchigen Grenzen in ein Nachbarland geschafft und gelangen dann, im Kofferraum eines Autos, oft über die Türkei oder den Libanon zum Beispiel nach München. Dort werden die Kostbarkeiten dann mit falschen Herkunftsbescheinigungen versehen und bei einem Auktionshaus zum Kauf angeboten. In dern Provenienzpapieren steht dann zum Beispiel, dass das Stück nicht aus Syrien, sondern aus Italien stammt und schon seit 50 Jahren zur Sammlung eines Herrn X gehört.  Das ist gar nicht so unglaubwürdig, denn auch die alten Griechen waren in Syrien. Damit ist das Stück dann sozusagen reingewaschen, taucht im Katalog des Auktionshauses auf und man kann dann problemlos einen Käufer, z.B. in den USA finden." 

 

Kunsthandel

 

Komplize: Kunsthändler

Nach Arthur Brands Erfahrung machen sich hier Kunsthändler oder Auktionshäuser oft zu Komplizen, da sie die Provenienzpapiere entweder nicht genau genug prüfen oder aber die Ware zum Kauf anbieten, obwohl sie ganz genau wissen, dass die Papiere gefälscht sind. Der Konkurrenzkampf auf dem Kunstmarkt ist enorm, das Angebot ist hier immer kleiner als die Nachfrage.

"Es gibt so viele Sammler auf der Welt, die so ein schönes Stück in ihrem Wohnzimmer stehen haben wollen. Ein anderer Weg sind die sogenannten  freeports", fährt der Raubkunstexperte fort, "also Häfen in denen keine Zölle und Einfuhrumsatzsteuern erhoben werden. Hier kann man also kontrollfrei so ziemlich alles machen was man will. Freihäfen gibt es in einigen Ländern der Welt. Als Umschlageplatz für Raubkunst gilt hier vor allem Dubai. Hier bekommen die geraubten Kunstschätze falsche Papiere und mit dieser frischen, weißen Weste erreichen sie dann von Dubai aus Frankreich, Deutschland, die Niederlande, Großbritannien etc." 

 

Der Westen und die Raubkunst

Wie gut ist das Geschäft mit der Raubkunst im Westen organisiert? "Die Terrormiliz selbst kennt sich mit Raubkunstgeschäften natürlich nicht gut aus und bedient sich daher schon bestehender Organisationen. Da haben wir es mit sehr professionell agierenden Schmugglern und Hehlern zu tun, dies bestens vernetzt sind und in den besten Kreisen verkehren. Gerade in München habe ich Mitglieder eines großen türkischen Schmuggelkartells in aller Seelenruhe am gleichen Tisch mit respektablen deutschen oder amerikanischen Kunsthändlern gesehen. Man kennt sich, man ist Geschäftspartner. Man tauscht Visitenkarten aus. Und das ist übrigens nichts Neues. Die IS nutzt hier vor allem alte Geschäftswege, die schon seit 30, 40 Jahren existieren. Ähnlich wie die Taliban in Afghanistan, die für ihr Geschäft mit dem Heroin auch die alten Schmuggelwege nutzen."

Die Terrormiliz selbst kennt sich mit Raubkunstgeschäften natürlich nicht gut aus und bedient sich daher schon bestehender Organisationen. Da haben wir es mit sehr professionell agierenden Schmugglern und Hehlern zu tun, dies bestens vernetzt sind und in den besten Kreisen verkehren. 

Arthur Brand - 11/03/2015

 

Wer könnte jetzt für die von der Terrormiliz IS in Umlauf gebrachten Raubkunst Nachforschungen anstellen? "Das ist ein echtes Problem",  weiß Arthur Brand, "denn in diesen Ländern gibt es keine funktionierenden  Regierungen mehr, keine Kontrollinstanzen. Außerdem haben die Menschen dort zurzeit weitaus existenziellere Probleme wie Krieg und Hunger. Man muss allerdings auch sagen, dass wir dieses Problem der fehlenden Ansprechpartner schon seit Jahren in dieser Region kennen. Es gab so viel Korruption in diesen Ländern, auch korrupte Behörden, die es Kunstdieben leicht gemacht haben. Immer wieder tauchten bei Auktionen Stücke aus Museen, aber auch aus illegalen Ausgrabungen auf."

 

 

Wiegen der Hochkultur: Syrien und Irak

Alleine im Irak liegen 1 800 der insgesamt 12 000 registrierten, archäologische Fundstätten jetzt im Machtbereich der Terrormiliz "Islamischen Staat", darunter vier Hauptstädte der assyrischen Epoche sowie 250 Kulturbauten des Altertums. 100 Kilometer südlich von Mossul befinden sich zudem die gut erhaltenen Reste der antiken Stadt Hatra aus der Partherzeit, die ebenso zum Unesco-Menschheitserbe gehört wie die Tempelanlagen von Assur. Ein Paradis für Plünderer.

 

Raubkunst wird seit Jahrzehnten im Westen vertickt. Aber spätestens seitdem die Terrormiliz IS in diesem schmutzigen Geschäft groß mitmischt, muss jedem klar sein: Hier werden Jahrtausende alte Kostbarkeiten aus Mesopotamien, der Wiege unserer Zivilisation, an den Meistbietenden verhökert. Und mit dem Gewinn versucht die Terrormiliz genau diese Zivilisation zu vernichten.

 

Mesopotamien, auch Zweistromland genannt, bezeichnet die Kulturlandschaft in Vorderasien zwischen Euphrat und Tigris und ist die Wiege der ersten Hochkultur der Menschheitsgeschichte. Nach den Sumerern (ca. 4. Jahrtausend v. Chr. ) wurde die Region von Aramäern, Assyrern und Babyloniern besiedelt.

 

Deutschland kämpft gegen den Kunsthandel

 

Die Terrormiliz Islamischer Staat zerstört und raubt medienwirksam Kunstschätze in Syrien und im Irak. Gleichzeitig finanziert die Gruppe sich auch durch den Verkauf geraubter Werke. Vier Jahre nach dem Beginn des Bürgerkriegs in Syrien ist das Weltkulturerbe des Landes beinahe gänzlich verschwunden. Kunstschätze mit einem besonders großen Wert werden illegal weiterverkauft. Deutschland ist ein Umschlagplatz, deshalb hat die Regierung nun entschieden gegen den illegalen Handel anzukämpfen. Géraldine Schwarz berichtet.

 

 

 

Allemagne : lutte contre le trafic d'oeuvres d'art

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016