|

Der erkaufte Image-Schub

Länder: Saudi-Arabien

Tags: Islam, Terror, Islamischer Staat

Obama ruft seine Partner im Nahen Osten zu mehr Einsatzbereitschaft im Kampf gegen die internationale Terrororganisation "Islamischer Staat" auf. Kurz darauf kündigt Saudi-Arabien eine eigene, islamische Koalition gegen den Terror an. Im Interview mit ARTE Info erklärt Nahost-Experte Günter Meyer, was hinter dieser Ankündigung steckt.

1. Welche Staaten sind Teil der Koalition?

34 Länder sollen laut der saudischen Nachrichtenagentur Saudi Press Agency (SPA) unter der Führung von Saudi-Arabien gemeinsam gegen den Terrorismus vorgehen. Darunter sind unter anderem die meisten Staaten des Golf-Kooperationsrats (Saudi-Arabien, Kuwait, Bahrain, Katar und Vereinigte Arabische Emirate), die Türkei, der Libanon, fast alle nord-, zentral- und westafrikanischen arabischen Länder (von Ägypten, Libyen, Tunesien, Marokko, Mauretanien, über Guinea, Gabun, Elfenbeinküste, Senegal, Niger, Nigeria bis hin nach Dschibuti und Somalia) sowie Pakistan, Bangladesch und Malaysia im Osten.

Mit seinen ca. 650 Milliarden Dollar angelegten Vermögenswerten hat Saudi-Arabien einen erheblichen Einfluss in der gesamten islamischen Welt."

Nahost-Experte Günter Meyer

Dabei haben laut dem Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt an der Universität Mainz, Günter Meyer, vor allem die erheblichen Mittel Saudi-Arabiens dafür gesorgt, die Länder auf ein gemeinsames Bündnis einzustimmen: "Mit seinen ca. 650 Milliarden Dollar angelegten Vermögenswerten hat Saudi-Arabien einen erheblichen Einfluss in der gesamten islamischen Welt. Gerade auch in finanziell schwächeren Staaten, die sich hüten werden, sich gegen das Land zu stellen."

Indonesien, das Land mit der größten muslimischen Bevölkerungszahl, ist nicht in der Koalition. Ebenso wenig wie Algerien, das sich nicht dem Oberkommando von Saudi-Arabien unterordnen will. Schließlich fehlt auch der Golfstaat Oman, der bereits durch seine Vermittlerrolle bei den Verhandlungen zum US-iranischen Nuklearabkommen eine neutrale Position bezogen hatte. Nicht dabei sind auch die mehrheitlich schiitischen Staaten: der Iran als historischer Erzrivale Saudi-Arabiens und der mehrheitlich schiitische Irak.

Saudi-Arabien wird die Führung der Allianz übernehmen. Dazu soll in der saudischen Hauptstadt Riad das militärische Kommandozentrum eingerichtet werden.

 

2. Welches Ziel verfolgt das Bündnis?

Die Ankündigung von Verteidigungsminister und Vize-Kronprinz Mohammed Bin Salman

Das offizielle Ziel des Bündnisses ist gemäß SPA die "Koordinierung der Bemühungen den Terror im Irak, in Syrien, Libyen, Ägypten und Afghanistan zu bekämpfen". "Wir haben die Pflicht die Islamische Nation vor dem Übel aller terroristischen Gruppen und Vereinigungen zu beschützen", heißt es weiter in der Pressemitteilung. Bei den Terroristen, die es auszumerzen gilt, handele es sich nicht nur um den "Islamischen Staat", sondern laut dem saudischen Verteidigungsminister Mohammed Bin Salman um "jede terroristische Organisation".

"Saudi-Arabien will gegen den sogenannten Islamischen Staat kämpfen, solange es darum geht, Anschläge im eigenen Land zu verhindern. Aber an einer wirklich ernsthaften Vernichtung des Islamischen Staats in Syrien und im Irak ist Saudi-Arabien nicht interessiert. Denn das hätte zur Folge, dass das von Saudi-Arabien bekämpfte alawitische Regime in Syrien und die schiitische Regierung im Irak gestärkt würden", so Nahost-Experte Günter Meyer.

 

Mit dieser Militärkoalition unter der Führung von Saudi-Arabien will sich Vize-Kronprinz und Verteidigungsminister Mohammed Bin Salman profilieren."

Nahost-Experte Günter Meyer

3. Warum eine zweite Allianz gegen den Terror ?

Dass sich die islamischen Länder vermehrt am Kampf gegen den Islamischen Staat beteiligen, weil sie von den USA dazu aufgefordert wurden, hält Meyer für wenig überzeugend. Wesentlich gravierender sei die innenpolitische Situation in Saudi-Arabien. "Mit dieser Militärkoalition unter der Führung von Saudi-Arabien will sich Vize-Kronprinz und Verteidigungsminister Mohammed Bin Salman profilieren. Derzeit praktiziert er das bereits auf ähnliche Weise im Jemen. Aber die Position des 'Oberkommandierenden' einer Islamischen Militärallianz bedeutet noch einen zusätzlichen Prestigegewinn."

Mehr zum Thema: 

Saudi-Arabien will gegen alle terroristischen Vereinigungen vorgehen. Hier finden Sie eine Weltkarte des Dschihadismus

Auch will sich Saudi-Arabien als Schutz- und Ordnungsmacht am Golf etablieren, so Meyer: "Das Nuklearabkommen zwischen den USA und dem Iran hat zu einem großen Misstrauen geführt. Nun nutzen Saudi-Arabien und sein Vize-Kronprinz diese neue militärische Allianz, um ein Gegengewicht zur bisherige Stellung der USA in der Region zu schaffen. Saudi-Arabien will zeigen: Wir Saudis sind jetzt in der Lage, eine Allianz zusammenzubringen, die in Zukunft durchaus ein Wörtchen mitzureden hat."​

 

Im Kern steht die religiöse und ideologische Feindschaft zwischen Saudi-Arabien und dem Iran. Das hat die allerhöchste Priorität."

Nahost-Experte Günter Meyer

4. Kann die Allianz etwas ausrichten?  

Dass Saudi-Arabien dieses neue Modell im Stil der NATO dazu nutzen wird, alle beteiligten Länder aufzufordern, ihre Streitkräfte im Kampf gegen den "Islamischen Staat" einzusetzen, hält Günter Meyer für zweifelhaft. "Diese Allianz ist im Wesentlichen ein Instrument, um das Prestige und das Image von Bin Salman und die Vorherrschaft von Saudi-Arabien zu fördern. Es ist aber sehr unwahrscheinlich, dass etwa eine gemeinsame Streitmacht aus 34 Ländern aufgestellt wird, um in Syrien militärisch einzugreifen".

Ganz im Gegenteil. Laut dem Nahost-Experten könnte die Allianz zu einer Verschärfung des Konflikts zwischen Sunniten und Schiiten führen. "Im Kern steht die religiöse und ideologische Feindschaft zwischen Saudi-Arabien und dem Iran. Das hat die allerhöchste Priorität. (…) Dass etwa hier die Spannungen zwischen der schiitischen Achse und Saudi-Arabien plus Türkei und Katar beigelegt wird, ist unwahrscheinlich."

Auch eine politische Lösung des Syrienkonflikts rückt damit laut Meyer in weite Ferne. "Aus den spezifischen und unterschiedlichen politischen Interessen, die wir innerhalb der Allianz haben, ist davon auszugehen, dass der erhoffte Beitrag zu einer politischen Lösung in Syrien wenig substanziell sein wird. (…) Es wird dadurch verstärkt auf eine militärische Lösung gesetzt, und die diplomatischen Bemühungen dürften weitgehend im Sande verlaufen."

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016