"Den Geist des aktiven Bürgertums stimulieren"

Länder: Ruanda

Tags: Ruanda, Völkermord

George Weiss ist der Direktor von Radio La Benevolencija, einer Nichtregierungsorganisation, die in Kigali arbeitet. Ihre Radioprogramme werden in ganz Ruanda ausgestrahlt und zielen auf die Versöhnung zwischen den Volksgruppen im Land. Antoine Mouteau hat mit ihm über seine Arbeit gesprochen.

Was machen sie konkret mit Ihrem Projekt ?

George Weiss: In Ruanda produzieren wir eine Seifenoper, eine Serie von Programmen, die eine Geschichte erzählen von zwei Dörfern, die sich gegenseitig bekriegen. Und in diesen zwei Dörfern passieren genau die psychologischen Umstände, die die Leute dazu bewegen, Täter zu werden. Dann gibt es dort Menschen, die das erkennen und dagegen arbeiten. 

 

Es sind eigentlich erzieherische Unterhaltungsprogramme, die über Jahre hinweg Leuten beibringen, auf was sie zu achten haben, damit sie nicht wieder einer Volksverhetzung zum Opfer fallen, wie das in Ruanda der Fall war – mit der damaligen Radiostation, die die Leute zum Völkermord gebracht hat. 

Die Leute fühlen sich davon sehr angesprochen, weil es ihnen ein Gefühl der Hoffnung gibt. Dort wird gezeigt, wie man sich gegen Volksverhetzung wehren kann."

 

 

Sie strahlen diese Sendungen auf derselben Frequenz aus wie diese Radiostation, die zum Genozid aufgerufen hatte. Welche Bedeutung hat das für die Zuhörer ? 

George Weiss: Die Zuhörer lieben unser Programm. Wir haben heutzutage rund 86 Prozent der Bevölkerung als Zuhörer, es ist die populärste Radio-Seifenoper, die ausgestrahlt wird. Die Leute fühlen sich davon sehr angesprochen, weil es ihnen ein Gefühl der Hoffnung gibt. Dort wird gezeigt, wie man sich gegen Volksverhetzung wehren kann. Es zeigt, dass man verstehen kann wie es zu dem Völkermord kam und dass man dem widerstehen kann. Das gibt den Leuten Hoffnung, und darin liegt auch der Grund für die Popularität unserer Serie. 

 

Hat es einen symbolischen Wert, dass dieses Programm auf derselben Frequenz gesendet wird wie das “Radio mille collines“ damals? 

George Weiss: Es hat einen symbolischen Wert, weil die Bevölkerung sieht, dass da heute etwas anderes ausgestrahlt wird als damals. Es ist auch die Wellenlänge mit der größten Reichweite. Und dann sind unsere Programme auch ein bisschen kontrovers, auch gegenüber der eigenen Regierung, denn sie bringen die Leute dazu, Autorität in Frage zu stellen. Wenn sie das Programm auf der offiziellen Staatsfrequenz hören, dann haben sie das Vertrauen, dass sie solche Programme hören dürfen. Und das ist wichtig.
 

 Was wir machen können, ist, in der Bevölkerung einen Geist des aktiven Bürgertums zu stimulieren. Dass Leute nicht Autorität in Kauf nehmen, wenn sie da ist, sondern dass sie sie in Frage stellen."

 

Sie haben Paul Kagames Regierung erwähnt. Wie schätzen sie die Rolle von seiner Regierung im Versöhnungsprozess ein? 

George Weiss: Das ist eine komplizierte Geschichte. Wir versuchen, zu allen Teilen der Bevölkerung zu reden, sowohl die Anhänger wie die Gegner der heutigen Regierung, die eher still sind. Wir drücken nicht unbedingt eine Meinung aus gegenüber der Regierung, aber wir haben alle humanitären Konventionen unterzeichnet, und finden es nicht gut, wenn Opposition unterdrückt wird. Allerdings muss man auch sagen: Wir haben kein Beispiel in der Geschichte für ein Land, wo die Situation so ist, als ob die Juden in Nazi-Deutschland die Herrschaft übernommen hätten. Und deswegen ist das, was in Ruanda passiert, eigentlich ein einzigartiges Experiment. 

 

Darüber kann man viel Gutes sagen, man kann aber auch über die autoritäre Art, wie vorgegangen wird, Schlechtes sagen. Doch es ist eher an den Ruandern, sich dagegen auszusprechen. Was wir machen können, ist, in der Bevölkerung einen Geist des aktiven Bürgertums zu stimulieren. Dass Leute nicht Autorität in Kauf nehmen, wenn sie da ist, sondern dass sie sich Fragen stellen, über das, was nützlich ist und was nicht. Und sich wehren, wenn sie sehen, dass andere Leute unterdrückt werden. 

 

Vorbild für ihren Sender ist ein Radio aus Bosnien. Kann man die Folgen des Bosnien-Krieges mit denen des Bürgerkriegs in Ruanda vergleichen? 

George Weiss: Benevolencija war nicht nur ein Radiosender. Benevolencija war auch die jüdische Gemeinde Sarajevos, die während des Krieges in Bosnien eine Vermittlerrolle zwischen den Volksgruppen gespielt hat, aus ihren Erfahrungen des Opfertums heraus. Kann man das vergleichen? Ja, man kann die Volksverhetzung, die nach dem Auseinanderbrechen des alten Jugoslawiens stattgefunden hat, sehr wohl mit Ruanda vergleichen. Zunächst das Auseinanderbrechen aller Strukturen, die Sicherheit versprechen. Der Staat Jugoslawien ist auseinandergebrochen, genauso wie in Ruanda der Staat durch die Friedensabkommen dort in Frage gestellt wurde. Dann besinnen sich die Leute zurück auf ihre eigenen nationalen Gruppierungen; und hören auf populistische Führer, die sagen: Du musst für dein eigenes Volk einstehen. Das war in allen drei Hauptregionen Jugoslawiens der Fall und in Ruanda. Und natürlich kam ein Krieg dazu, denn ohne Krieg gibt es keinen Massenmord. Also gab es verschiedene psychologische Einwirkungen auf die Individuen, die sich sehr gleichen. 

 

Das Interview führte Antoine Mouteau