|

Debatte: Wie viel Religion gehört in den öffentlichen Raum?

Länder: Großbritannien

Tags: Religion, Kino


Mit einem solchen Werbespot erreicht man nicht die Gläubigen. Die Gläubigen in England kennen das Vaterunser. Die Idee der "Church of England" war eher, den Menschen das Vater Unser näher zu bringen, die nicht einmal mehr wissen, wie es geht. Sie daran zu erinnern, dass es ein Kulturgut ist. 

Rolf Schieder, Professor für Praktische Theologie

So kurz vor Weihnachten sollte er eigentlich zum Beten animieren: der Werbespot der "Church of England", der englischen Staatskirche. Er zeigt betende Menschen verschiedener Hautfarben, Berufe und in den unterschiedlichsten Situationen - beim Autofahren, beim Fitnesstraining, beim Schulgebet, einer Hochzeit oder auf einem Festival. Eine Minute dauert der Clip und endet mit den Worten "Beten ist für jedermann". Vermutlich wäre wenig Aufhebens um ihn gemacht worden, wäre er nur auf der Internetseite der Kampagne #JustPray erschienen. Doch wollte die anglikanische Kirche ihn ab dem 18. Dezember vor dem neuen Star Wars-Film "Das Erwachen der Macht" in den englischen Kinos zeigen.

 
 

Wenn einem Religion aufgezwungen wird, dann hat jeder Mensch in der westlichen Welt ein unbehagliches Gefühl und würde sich das auch nicht gefallen lassen. Aber die Frage ist: Ist dieser Clip aufgezwungen, hat er appellativen Charakter, so dass ich zum Mitbeten gezwungen werde?

Rolf Schieder

Bloß niemanden verärgern

Juristisch gesehen spricht nichts gegen die Ausstrahlung der religiösen Werbung. Alle Prüfinstanzen, die Cinema Advertising Authority und das British Board of Film Classification segneten ihn ab. Dennoch wollen die drei größten Kinoketten Odeon, Cineworld und Vue chains, denen 80 Prozent der britischen Kinosäle gehören, den Clip nicht ausstrahlen. Er könnte das "Publikum verärgern", ja gar die Gefühle von nicht- oder andersgläubigen Menschen verletzen.

 

Aufgezwungen wäre es, wenn man zu Beginn dieses Clips die Menschen auffordern würde, die Hände zu falten und mitzubeten.  Hier geht es darum, dass gezeigt wird, wie Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen, ihren Glauben leben. 

Markus Bräuer, Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche in Deutschland 

Die englische Kirche versteht die Welt nicht mehr 

Arun Arora, der Sprecher der "Church of England" ist gleichzeitig erstaunt, enttäuscht und verwirrt. Beten sei eng mit der englischen Kultur verbunden. Und die Praxis gehe weit über den religiösen Rahmen hinaus, von Popsongs über klassische Requiems bis hin zu den Reden vor dem Parlament und bei nationalen Gedenkfeiern. "Das Vaterunser wird weltweit von Milliarden gebetet und gehört seit Jahrhunderten zu unserem Land. Für viele Engländer ist das Beten Teil des Alltags."

 

Das Thema polarisiert 

Schnell wird das Thema landesweit diskutiert: Die "Church of England" droht den Kinos, sie juristisch zu verfolgen. Dabei bezieht sie sich auf das Anti-Diskriminierungsgesetz. Rückenwind bekommen die Anglikaner von konservativen Politikern. Premierminister David Cameron lässt durch einen Sprecher verlauten, die Weigerung der Kinos sei "lächerlich". "Unerhört. Das Gebet ist 2000 Jahre alt und spiegelt unsere Kultur wider", wettert Londons Bürgermeister Boris Johnson über Twitter und weist auf die allgemeine Meinungsfreiheit hin. 

 

 

Dennoch zeigen die zahlreichen Antworten, dass das Thema für die Briten weitaus komplizierter ist. "Es gibt eine Zeit und einen Ort, um zu beten. Das Kino ist weder das eine, noch das andere. Es ist nicht richtig, jemandem religiöses Gedankengut aufzudrängen", schreibt dieser Twitter-Nutzer.   

 

 

Wenn die Kinos diesen Clip ausstrahlen, müssen sie auch andere akzeptieren, auch die, deren Botschaft vielleicht weniger friedvoll ausfällt.

Rémy Berthmont

"Die Menschen lassen sich eben nicht gerne von politischen Institutionen gängeln", so erklärt es Rolf Schieder, Theologe und Professor am Lehrstuhl für Religionspädagogik an der Humboldt-Universität Berlin, der den Spot für eher unaufdringlich hält. Das Problem liege eher darin, dass die "Church of England" gleichzeitig Staatskirche sei. Dadurch habe sie noch sehr viel öffentlichen Einfluss. Die Queen sei immerhin nach wie vor "Defender of faith" (Verteidigerin des [anglikanischen] Glaubens). 

Dabei habe sich die englische Gesellschaft gewandelt, merkt Rémy Berthmont an, der die Geschichte der britischen Zivilisation an der Universität Paris 8 lehrt. "Das Land wird heute von verschiedenen Kulturen und Religionen geprägt. Wenn die Kinos diesen Clip ausstrahlen, müssen sie auch andere akzeptieren, auch die, deren Botschaft vielleicht weniger friedvoll ausfällt."

 

Entspannteres Religionsverhältnis in Deutschland

In Deutschland würde eine ähnliche Kampagne wie die in Großbritannien weniger aufregen, meint Schieder. Ganz im Gegenteil, laut dem Religionswissenschaftler seien die religionspolitischen Verhältnisse sehr entspannt. Die 2009 gestartete Buskampagne "Gottlos glücklich", in der Atheisten mit "Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott." warben, sei zwar durch die Medien gegangen, habe aber wenig polarisiert. 

 

Buskampagne

 

Ein weiteres Beispiel: Die Rede von Schriftsteller Navid Kermani bei der Vergabe des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Statt seiner Rede bat er das Publikum aufzustehen und mit ihm ein öffentliches Gebet zu sprechen. "Das war zwar ein wenig umstritten. Aber die Mehrheit hat es eher gutgeheißen", so Schieder. 

 

Jedes westliche Land hat jeweils eine eigene Kultur des Umgangs mit den Religionsgemeinschaften entwickelt, die man nicht von heute auf morgen ändern kann.  

Rolf Schieder

Fördert Religion im öffentlichen Raum Integration?

Die Deutschen hätten also ein relativ hohes Verständnis für Religion im öffentlichen Raum. Das sei auch deshalb so, weil es eine gewisse Trennung von Kirche und Staat in Deutschland gäbe und zwar stärker als in Großbritannien, erklärt Schieder. Eine allzu laizistische Tradition könne dabei jedoch zu Problemen führen. "Man hat den Versuch in Deutschland unternommen, die Religionsgemeinschaften in das öffentliche Leben sehr viel stärker zu integrieren als beispielsweise in Frankreich. Im französischen Modell entsteht das Problem, dass sich Menschen, die eine starke religiöse Überzeugung haben, aus dem öffentlichen Diskurs leicht ausgeschlossen fühlen. Ich würde meinen, dass mehr Religionsfreundlichkeit in Deutschland herrscht und das ist auch integrationsfördernd." ​

 
Ähnlicher Spot in Deutschland nicht ausgeschlossen

Eine ähnliche Werbung wie die der "Church of England" kann sich Markus Bräuer, Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche in Deutschland, auch hierzulande vorstellen. "Es sollte im öffentlichen Leben eine Pluralität der Weltanschauungen und der religiösen Überzeugungen geben. Wir tun uns keinen Gefallen damit, wenn wir das, was Menschen wichtig ist und Orientierung im Leben gibt, aus der Öffentlichkeit verschwindet. Es ist gut, dass es solche Videos wie dieses gibt. Ich kann mir genauso gut vorstellen, dass es Videos gibt, in denen ein frommer Jude betet: "Höre Israel, der Herr unser Gott ist ein Gott, ein Gott allein" oder in dem ein muslimisches Gebet gesprochen wird, das die Säulen des Islams – Almosen geben, Menschen in Not beistehen, friedlich miteinander leben – widerspiegelt. Oder Videos, in denen Humanisten zeigen, dass für sie ein Gedicht von Goethe oder ein Text eines Philosophen die humanistische Tradition reflektiert."

 

Es ist möglich, dass sich die in Deutschland Großgewordenen fragen: Welche Wurzeln habe ich selber eigentlich?

Rolf Schieder

Religion, (k)eine Privatsache

Das Beispiel Großbritannien zeigt, dass Parolen wie "Religion ist Privatsache" heute nicht mehr immer tragen. Und das auch in Bezug auf die zunehmende Präsenz des Islams. "Es ist möglich, dass sich die in Deutschland Großgewordenen fragen: Welche Wurzeln habe ich selber eigentlich?", so Schieder. Die Frage nach den religiösen Traditionen, eigenen Überzeugungen und Gewissheiten werde dementsprechend wichtiger. Und auch der Druck auf die Gesellschaft sowie jeden Einzelnen, die eigenen Überzeugungen im öffentlichen Raum formulieren zu können.  

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016