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„Das Ziel der Terroristen war es, den Behörden zuvor zu kommen und die Nachricht des "IS" zu verbreiten."

Länder: Belgien

Tags: Terrorismus, Attentate, Brüssel

Warum wurde Belgien von diesen Attentaten getroffen? Und warum hat der "Islamische Staat" Orte ausgesucht, die keinerlei symbolischen Wert haben? Interview mit Michaël Dantinne, Kriminologie-Professor an der Universität Lüttich.

 

Warum wurde gerade Belgien Ziel des sogenannten "Islamischen Staates"?

Michaël Dantinne: Ausgehend von der Annahme, dass die Täter Verbündete von Salah Abdeslam waren, können wir drei Hypothesen für die Beweggründe der Anschläge aufstellen:

1. Die Attentate erfolgten als Reaktion auf die Verhaftungswelle der vergangenen Woche.

2. Die Attentate erfolgten aus Angst, Salah Abdeslam könne Informationen über andere Islamisten preisgeben, bevor sie ihre Pläne ausführen. Bisher haben die belgischen Behörden offiziell bestätigt, dass Abdeslam sich kooperativ zeigt.

3. Die letzte Hypothese beinhaltet, dass andere Personen an dem Attentat beteiligt waren. Bei der Überwachung der Hauptbeteiligten der Attentate von Paris hatten belgische Behörden auch eine Reihe anderer Personen im Visier, von denen einige als gefährlich eingestuft wurden. Die Attentäter könnten also auch aus einer anderen Zelle kommen, als Abdeslam.

Wie dem auch sei, das Ziel der Terroristen war eindeutig, den Behörden zuvor zu kommen und die Nachricht des sogenannten "Islamischen Staates" zu verbreiten. Die Terrormiliz muss momentan sein Image wieder aufwerten. Mit der Tat demonstriert die Gruppierung, dass sie nach wie vor fähig ist, eine Stadt in Angst und Schrecken zu versetzen. 

 

die Mechanismen, die diese Personen zur Radikalisierung und zum Handeln gebracht haben, wurden stark unterschätzt.

Michaël Dantinne  22/03/2016

Glauben Sie, dass Belgien nicht ausreichend auf die Ereignisse vorbereitet war?

Michaël Dantinne: Jede nachträgliche Analyse steht zwangsweise unter dem Einfluss der aktuellen Informationen. Die Möglichkeit eines Attentats auf belgischen Boden war jedermann bekannt, und das wurde so akzeptiert. Dass es eine unmittelbare Bedrohung gab, hat kaum einer kommen sehen. Die individuelle oder kollektive Gefährdung zu beurteilen, ist da gewagt. Das ist bei weitem keine genaue Wissenschaft. Die Gräueltaten, die wir gerade durchleben und die in Paris noch frisch in Erinnerung sind, zeigen das. Meiner Meinung nach wurde Belgien schon lange Zeit als potentielles Ziel für Terroristen gehandelt wurde, lange vor den Attentaten im jüdischen Museum in Brüssel. Besonders als Sitz symbolträchtiger europäischer Institutionen, oder der NATO.  Andererseits hat die Stadt auch eine Form des Terrorismus hervorgebracht, der nicht-symbolische Orte zum Ziel hat. Das wurde unterschätzt. Da muss man ganz klar sagen, dass die Mechanismen, die diese Personen zur Radikalisierung und zum Handeln gebracht haben, stark unterschätzt wurden.

 

Wie erklären Sie sich die Präsenz dieses dschihadistischen Kerns in Brüssel?

Michaël Dantinne: Werfen wir einen Blick auf die Wirtschafts- und Sozialpolitik der Stadt: in einigen Quartieren wurde man unvorsichtig, was die Verbreitung des radikalen Islams betrifft. Man hat das empfängliche Potential dieser Milieus nicht richtig eingeschätzt. Gleichzeitig haben sich in den gleichen Vierteln immer stärker werdende kriminelle Banden gebildet. Es ist ein Zusammenspiel beider Elemente, die diese Situation geschaffen haben. Das sieht man am Werdegang vieler belgischer Terroristen: oft haben sie einen kriminellen Hintergrund, haben mal kleinere, mal größere Straftaten begangen. Dann gab es auf einmal einen Wendepunkt – die Leute haben sich der Religion zugewandt. Die Radikalität ist ihr einziger Lebensinhalt geworden. Das sind sehr gefährliche Menschen: sie sind an der Waffe ausgebildet, gut vernetzt, haben eine kriminelle Vergangenheit und wissen, wie man sich mit Munition und falschen Papieren versorgt.

Ab dem Moment, in dem diese Leute beschließen, religiös motivierte Attentate auszuüben, steht ihnen also das alles zur Verfügung. Die technischen Mittel, die Ziele direkt vor der Haustür und, vor allem, der Ansporn.