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Das Stehaufmännchen Charlie Hebdo

Länder: Frankreich

Tags: Charlie Hebdo, Paris, Satire

Am Mittwoch, den 25. Februar, ist es soweit: Die Redaktion von Charlie Hebdo veröffentlicht ihre zweite Ausgabe nach den Terroranschlägen auf das Satiremagazin am 7. Januar. Doch auch wenn die Mitarbeiter von Charlie Hebdo größtenteils in ihren normalen Arbeitsrhythmus zurückgefunden haben, ist noch lange nicht alles so gut, wie es scheint.

Wir sind Charlie...

In unserem Dossier können Sie alles über die blutigen Terroranschläge in Paris nachlesen und erfahren, wie andere Karikaturisten darauf reagiert haben.

2,5 Millionen Exemplare sollen es diesmal werden. Auch die neue Ausgabe der Satirezeitung Charlie Hebdo zeugt davon, dass die Redaktion neuen Mut gefasst hat und sich von den vergangenen Attentaten, bei denen acht Redaktionsmitglieder ums Leben kamen, nicht einschüchtern lässt. Auch wenn das noch immer schwer fällt.

Die neue Titelseite, die am vergangenen Montag bereits von der französischen Zeitung Libération veröffentlich wurde, spricht Bände: sie karikiert die Front National-Politikerin Marine Le Pen, den ehemaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, einen Dschihadisten und den Papst als Hunde, die versuchen, einen anderen kleinen Hund mit einer Charlie Hebdo-Zeitung im Maul, aufzuhalten. Charlie Hebdo scheint nach den traumatischen Ereignissen im Januar sein Selbstbewusstsein zurückgewonnen zu haben. Und dabei hat das Magazin große Unterstützung erhalten, nicht zuletzt durch seine zahlreichen Abonnenten: waren es Ende 2014 noch 10.000, ist die Zahl nach den Attentaten auf 230.000 angestiegen. Gleichzeitig lastet dadurch ein erheblicher Druck auf der Redaktion, die zurzeit vor großen Herausforderungen steht. Ein Blick hinter die Kulissen von Charlie Hebdo.

 

Nach den Anschlägen hat Charlie Hebdo einen wirtschaftlichen Aufschwung erhalten, nicht zuletzt durch die zahlreichen Spenden und Finanzspritzen. Hier eine Übersicht:

 

 

Die Angst ist allgegenwärtig

Ein Hochsicherheitstrakt soll es werden, das neue Redaktionsgebäude von Charlie Hebdo im 13. Pariser Arrondissement. Ausgestattet mit Bombenschutzvorrichtungen, Panzerglas und Überwachungskameras wird es das Redaktionsteam schon bald empfangen, das derzeit noch in den Räumlichkeiten der Zeitung Libération in seinen Alltag zurückzufinden versucht. Doch das ist leichter gesagt als getan: trotz der Unterstützung durch die Familie und professioneller Hilfe von Therapeuten sind viele der Mitarbeiter noch immer stark traumatisiert.  Sie fühlen sich einer ständigen Bedrohung ausgesetzt, verspüren bei den kleinsten Geräuschen Angst und werden von Alpträumen geplagt. Es scheint nachvollziehbar, dass einige der Redakteure mit dem Gedanken spielen, von zuhause aus zu arbeiten oder ihren Job gleich ganz an den Nagel zu hängen. Doch sie geben nicht auf. Umso weniger, weil es dem Satiremagazin gerade an Zeichnern fehlt.

 
Neue Zeichner für Charlie Hebdo

Standen die Bewerber vor einigen Jahren noch Schlange, um von dem kleinen Magazin angeheuert zu werden, herrscht heute Flaute. Und das ist kein Wunder. Nach dem, was sich im Januar ereignet hat, haben Karikaturisten Angst, ihnen könne dasselbe Schicksal drohen. Viele der von Charlie Hebdo angeworbenen Personen lehnen ab, weil ihnen in Zusammenhang mit einer Tätigkeit in der Redaktion verschiedene Dinge Sorgen bereiten. Sie hätten Angst, an Versammlungen teilzunehmen oder ihren eigenen Namen in Verbindung mit kritischen Karikaturen zu veröffentlichen. Und auch wenn die Redakteure von Charlie Hebdo dringend neue Mitarbeiter brauchen, können sie diese Gefühle nachempfinden.

 
Innere Spannungen der Redaktion

Dass Meinungsverschiedenheiten und Spannungen im Redaktionsteam von Charlie Hebdo vorherrschen, ist nichts Neues. In den vergangenen Jahren bereits haben Postenwechsel in den Reihen des Teams zu Auseinandersetzungen geführt. Heute aber stehen die Verantwortlichen von Charlie Hebdo vor einer so nie dagewesenen Herausforderung: Wohin mit dem ganzen Geld, das seit den Attentaten in die Kassen des Magazins geflossen ist? Tatsächlich  hat das Satiremagazin seit Januar Rekordsummen eingenommen und seitdem Schwierigkeiten, die Geldmengen zu verwalten. Das ist nicht nur auf die Spenden zurückzuführen, die Charlie Hebdo nach einem Aufruf über die französische Hilfsplattform „jaidecharlie.fr“, „Ich helfe Charlie“, etwa von Google oder der 2007 durch die Medienkrise entstandenen Vereinigung „Presse und Pluralismus“ erhalten hat.

 

10 Millionen Euro durch die "Ausgabe der Überlebenden"

Die Zeitung, die sich nicht über Werbung, sondern lediglich über ihre Verkaufs- und Abonnementeinnahmen finanziert, hat insbesondere mit ihrer ersten Ausgabe nach den Terroranschlägen nie dagewesene Gewinne erzielt. Mindestens 10 Millionen Euro soll die Zeitung mit ihrer „Ausgabe der Überlebenden“ laut Le Monde eingenommen haben. Jetzt wird darüber debattiert, was mit dem Geld geschehen und wie es verwaltet werden soll. Während zuvor lediglich drei Mitglieder der Charlie Hebdo-Redaktion für die Verwaltung der Gelder zuständig waren, fordern die Redakteure nun ein neues Konzept. Eine Art Genossenschaft soll entstehen, bei der die Redakteure gemeinsam als Aktionäre der Zeitung auftreten. Auf diese Weise soll mehr Transparenz  und ein größeres Mitbestimmungsrecht der Mitarbeiter gewährleistet werden.

 

Eines haben die verheerenden Anschlägen auf Charlie Hebdo am 7. Januar jedenfalls deutlich gezeigt: die Redaktion hat nicht nur acht wertvolle Mitarbeiter verloren. Auch die Leichtigkeit und Unbesorgtheit des Satiremagazins musste dabei auf der Strecke bleiben.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016