Das Spiel um die Favelas

Länder: Brasilien

Tags: favela, Brasilien, Rio de Janerio, WM 2014

Brasiliens Regierung will mit Polizeigewalt die Armenviertel zurückerobern – und die Sicherheit in den Städten erhöhen. Ist das mehr als nur Make-up für die WM? Ein Bericht über den Wandel in Rio de Janeiros größter Favela.

Artikel erschienen im ARTE Magazin im Juni 2014

Zezinho tastet sich vorsichtig die schmalen, steilen Gänge zwischen den rötlichen Ziegelhütten hinunter, hinter ihm eine Gruppe von Touristen, die Hundehaufen und Müll ausweichen. Graffiti an den Wänden, Berge von Stromkabeln hängen über den Gassen, an manchen Stellen läuft Abwasser über den Weg. Der 50-jährige Brasilianer führt fast täglich Besucher durch Rocinha, Rio de Janeiros größte Favela. Mit den Großereignissen Fußballweltmeisterschaft und Olympia kommen immer mehr Touristen in die Favelas.

An einer Ecke sitzen die jungen Späher der Drogengang und drehen sich Joints, Handys in der Hand und am Hosenbund – sie müssen sofort kommunizieren können, wenn die Sicherheitskräfte kommen. Nur ein paar Meter weiter, an der Hauptstraße, dort wo früher Gangster mit Sturmgewehren patrouillierten, stehen jetzt bewaffnete Polizisten.

 

Mit Gewalt für den Frieden. Vor zweieinhalb Jahren konnte Zezinho von seinem Fenster aus beobachten, wie der Staat in Rocinha einmarschierte. „Es hat sich angefühlt wie im Krieg“, sagt er. Dabei sollten die Befriedungspolizisten der Unidade de Polícia Pacificadora, UPP, den Menschen in den Favelas den Frieden bringen: Seit 2008 hat der Staat fast 200 Favelas in Rio besetzt – um die Stadt vor der Fußball-WM 2014 sicherer zu machen und den Einfluss der Drogengangs zurückzudrängen. Allein in Rio, dem Touristenmagneten mit den schönen Stränden, dem Meer und dem Zuckerhut, lebt etwa ein Viertel der sechs Millionen Einwohner in den mehr als 1.000 Favelas. Besetzt werden nur jene, die in der Nähe von Flughäfen, Fußballstadien, Stränden oder wohlhabenden Vierteln liegen – wie die Favela Rocinha, deren rote Ziegelhütten sich dicht an dicht an einen Berg stapeln, unter dem das Reichen-Viertel São Conrado liegt.

 

Hoffnung auf mehr. Als die Polizei die Favela einnahm, hofften viele Bewohner auf eine neue Zeit, darauf, dass der Staat sich vom Anwalt der Reichen in einen Dienstleister für alle verwandeln würde. Bisher war die lokale Drogengang der einzige Ansprechpartner für die Sorgen der Bevölkerung gewesen, ein Teil des Drogengeldes der Gang floss in Schulen, Müllabfuhr, Verpflegung und Arztkosten für die Armen. Neben der Polizeipräsenz sollen nun auch Infrastrukturmaßnahmen und Freizeitangebote den Alltag in den Armenvierteln verbessern. Jugendliche können kostenlos Kampfsportunterricht nehmen, in einem Orchester spielen. Doch vor allem optisch wurde die Favela aufgewertet, mit Prestigebauten und bunten Sozialwohnungen, in die einige bedürftige Familien umziehen konnten. Ein maroder Fußgängerüberweg wurde abgerissen, jetzt führt eine riesige Steinbrücke nach dem Entwurf des Stararchitekten Oscar Niemeyer in die Favela hinein. Daneben hat die Stadt ein Sportzentrum hochgezogen. In der neuen Bibliothek, einem modernen Gebäude mit Terrasse, surfen Jugendliche im Internet, Kinder lümmeln auf Sofas und blättern in Magazinen.

„Es ist wichtig, dass die Kinder eine Beschäftigung haben“, sagt Mary Santos. „Und es könnte eine neue Realität werden, dass sie hier mit Büchern aufwachsen.“ Die 25-Jährige ist die erste aus ihrer Familie, die studiert. Santos’ Mutter ist Analphabetin, kam wie viele in der Favela Rocinha aus Bahia im ärmlichen Nordosten Brasiliens nach Rio. Mary Santos schaffte es mit einem Stipendium an die Universität, doch sie weiß, wie hart es ist, sich hier auf die Schule zu konzentrieren: Die Wände der Ziegelhäuser sind dünn, kaum eine Handbreit trennt die Fenster von Nachbarn, mehrere Musikanlagen gleichzeitig sowie Verkehrslärm dröhnen durch die Gassen. Mit den angekündigten Investitionen könnte sich der Alltag der jungen Generation verändern. „Wir warten, aber die Hoffnungen sind größer als das, was letztendlich passiert“, sagt Santos.

 

Skandale schüren Misstrauen. Tatsächlich wächst die Wut auf Regierung und Polizei: Viele haben das Gefühl, dass die Probleme in den Armenvierteln zur WM übertüncht, nicht gelöst werden sollen, während für die WM Milliarden ausgegeben werden – und dass die UPP vor allem mit Gewalt für Ruhe sorgen will. Auch wenn viele Bewohner das Ende der Drogenherrschaft als Befreiung empfinden, ist das Ansehen staatlicher Macht durch das harte, willkürliche Vorgehen stark geschwächt. Zahlreiche Menschen sind in Rios Favelas umgekommen, oft im Kreuzfeuer zwischen Polizei und Drogengangs. Der Favelareporter Michel Silva, der auf seiner Webseite „Viva Rocinha“ über die Entwicklungen in Rocinha berichtet, ist skeptisch: „Die Polizei missbraucht ihre Macht, die Menschen haben Angst.“ Im Juli 2013 nahmen Polizisten in Rocinha den Maurergehilfen Amarildo de Souza fest, dann verschwand er spurlos. 25 Polizisten wurden daraufhin angeklagt – sie hatten Amarildo mit Elektroschocks gefoltert, dabei starb er. Bis heute weiß niemand, wo die Leiche ist.

 

Die WM als Milliardenschleuder. An Strommasten und Häuserwänden hängen Handzettel, die gegen eine Gondelbahn in der Favela protestieren, die Favelabewohner und Touristen vom Fuß der Favela bis oben auf den Berg transportieren soll. Über die Favelasiedlungen des Complexo do Alemão im Norden Rios schweben jetzt schon jeden Tag etwa 12.000 Favelabewohner und Touristen in einer roten Gondelbahn – das sind mehr Besucher als auf dem Zuckerhut. In Rocinha nennen Favelabewohner die geplante Seilbahn „Telefante“ – weil sie ihnen wie ein weißer Elefant vorkommt, eine Verschwendung von Millionen von Reais, die an anderer Stelle dringender benötigt werden. „Es wird viel Geld versenkt, während wir weiter offene Abwasserkanäle haben“, sagt Michel Silva. Mit seinem Smartphone fotografiert er, wie Wasser bei Regen die Häuser überschwemmt oder Müll sich an manchen Ecken meterhoch stapelt – und twittert die Behörden an. Mehr als 8,5 Milliarden Euro pumpt der Staat in die Fußball-WM. Allein die Renovierung von Rios berühmtem Maracanã-Stadion soll mehr als 425 Millionen kosten – doppelt so viel wie ursprünglich vorgesehen.

 

Das Make-up für die WM. Einige der Favelabewohner wünschen sich sogar die alte Herrschaft der Drogengangs zurück. Mit harten Gesetzen sorgten die Gangs für Ruhe. Mörder und Verräter wurden erschossen, die Hände von Dieben in Säure getaucht. Er stehe nicht auf der Seite der Gangs, sagt der Favelabewohner Zezinho, „aber das System hat funktioniert“. Jetzt fühle sich Rocinha unsicherer an als zuvor, auch weil die Drogengangs ihr Gebiet vor der WM zurückerobern wollen. In mehreren Favelas haben sie bereits No-go-Zonen errichtet, die von der Polizei nicht mehr betreten werden. „Man kann nicht sagen, wie es hier in einem Jahr aussehen wird“, sagt Michel Silva. „Weil sich die Dinge jeden Tag ändern.“ Die meisten glauben inzwischen sogar, dass sich die Polizei nach WM und Olympia wieder ganz aus den Favelas zurückziehen wird und nennen den Versuch des Staates, die Favelas zu befrieden nur noch „Maquiagem“, Make-up.

Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl für das ARTE Magazin im Juni 2014. 

 

Die Journalistinnen Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl bloggen seit 2013 auf Favelawatchblog.com live aus Rocinha.

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016