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Das Schicksal der französischen Heimkinder

Länder: Tschechische Republik

Tags: Kinder, Waisen

Wenn die Eltern versterben oder die Familie nicht mehr finanzieren können, werden die Kinder meist in staatlichen Strukturen untergebracht. Doch der Aufenthalt in diesen Einrichtungen hinterlässt Spuren: viele ehemalige Heimkinder leiden unter psychischen Störungen oder werden kriminell.  

 

Der europäische Spitzenreiter in Sachen Heimunterbringung ist die Tschechische Republik. Dort wachsen 6000 Kinder in öffentlichen Betreuungseinrichtungen auf. Die meisten von ihnen sind keine Waisen, sondern wurden vom Jugendamt in die Heime untergebracht. In Tschechien darf das Jugendamt eingreifen, wenn es die Lebensbedingungen im Elternhaus als kindesgefährdend einstuft – so wurden acht von zehn tschechischen Heimkindern ihren Familien entzogen, weil diese unter Geld- oder Wohnungsnot litt.

 

Dass viele Organisationen dieses Vorgehen der Jugendämter übertrieben finden, hielt die EU nicht davon ab, in den letzten Jahren 105 tschechische Waisenhäuser renovieren zu lassen. Bis zu 700 000 Euro erhielten einige Einrichtungen aus Brüssel; erst 2014 wurden die Hilfen auf Druck der NGO eingestellt. „Die meisten Einrichtungen sind wirklich gut ausgestattet“, betont Michal Dord vom Netzwerk Vterina Poté, ein Verein ehemaliger Heimkinder, der sich für die Schließung der Kinderheime einsetzt. „Das Problem ist nicht die Ausstattung. Was die Kinder brauchen, sind Aufmerksamkeit und eine Familie.“ Der Mangel an Zuwendung ist ihm zufolge ein großes Problem, das den Jugendlichen die Zukunft zerstören kann. 2007 wurden einem offiziellen Bericht zufolge 55 % aller ehemaligen tschechischen Heimkinder kriminell.

 

Frankreich: 500 000 Waisenkinder unter 21 Jahren

 

Der Tod eines oder beider Elternteile hinterlassen bei Kindern oft schwere Traumata. Über das Leben französischer Waisenkinder ist bislang wenig bekannt; 2011 untersuchte jedoch eine Studie der Fédération des Associations de Conjoints Survivants (Föderation der Organisationen überlebender Partner, Favec) und der Union Nationale des Associations Familiales (Nationalunion der Familienorganisationen, Unaf) die schulische, soziale, berufliche und emotionale Situation von 500 000 Waisenkindern unter 21 Jahren in Frankreich.

 

Die Studie wurde in der Zeitung Le Figaro veröffentlicht und machte deutlich, wie viele Waisenkinder tatsächlich unter Traumata und soziopsychologischen Störungen leiden. Noch Jahre später konnten nur 50 % von ihnen problemlos über das Vorgefallene sprechen; 18 % fanden gar keine Worte. 76 % meinten, der Verlust eines oder beider Elternteile habe die familiären Beziehungen beeinträchtigt, 63 % sprachen von negativen Folgen für ihr Gefühlsleben, 52 % sahen ihre Schullaufbahn und 45 % ihr soziales Netz in Mitleidenschaft gezogen. „Nach der Trauerphase werden die Beziehungen schwieriger“, schreibt die Studie. „Die Kinder und Jugendliche gehen seltener auf ihre Mitmenschen zu, ziehen sich zurück  oder schalten auf Abwehr.“

 

In Frankreich spricht man heute nicht mehr von Waisenhäusern, sondern von Foyers de l’enfance (FDE) (etwa: Kinderwohnheimen) und Maisons d’enfants à caractère social (MECS) (etwa: Sozialwohnheime für Kinder). Diese Einrichtungen sollen „die Sicherheit des Kindes sowie seine Gesundheit, Erziehung, soziale und kulturelle Bildung und seine persönliche Entfaltung“ sicherstellen. Die Unterbringung von Kindern in einer solchen Einrichtung per Gerichtsurteil ist streng reglementiert und kann nur erfolgen, wenn das familiäre Umfeld „nicht imstande ist, die Gesundheit, Sicherheit oder Sittlichkeit des Kindes zu gewährleisten“ oder „wenn die Umstände seiner Erziehung oder seiner körperlichen, emotionalen, geistigen oder sozialen Entwicklung schwer beeinträchtigt sind.“ 

 

Zuletzt geändert am 17. Januar 2017