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Das Scheitern der türkischen Strategie

Länder: Türkei

Tags: Islamischer Staat, Suruç, attentat

Zum ersten Mal hat der "Islamische Staat" auf türkischem Boden zugeschlagen. Für den Bombenanschlag in Suruç, einer türkischen Stadt an der Grenze zu Syrien, macht Ankara jedenfalls die Terrormiliz verantwortlich. Lange Zeit wurde der türkischen Regierung gegenüber dem IS Untätigkeit wenn nicht gar Komplizenschaft vorgeworfen. Die Türkei, so scheint es, ist nun Opfer ihrer eigenen undurchsichtigen Strategie geworden.

 

Es ist ein schwerer Blutzoll: Bei dem Angriff am 20. Juli auf ein Kulturzentrum in Suruç starben mindestens 32 junge Menschen, rund einhundert wurden verletzt. Ministerpräsident Ahmet Davutoglu hegt keinen Zweifel an der Identität der Verantwortlichen: Ein Verdächtiger sei identifiziert. Alle Verbindungen ins Ausland oder in der Türkei würden überprüft. Zwar habe sich noch niemand zu dem Anschlag bekannt. Doch Hinweise auf einen Selbstmordanschlag der Terrormiliz IS verdichteten sich. Der Anschlag von Suruç scheint den "Islamischen Staat" nun ins Fadenkreuz der Regierung in Ankara zu rücken. Und noch etwas scheint offenbar zu werden: Das Scheitern der türkischen Strategie im Hinblick auf den Syrienkrieg vor der eigenen Haustür.

 

Auf jeden Fall ist aber klar, dass die Entscheidungsträger in Ankara kurz- und mittelfristig die Entstehung einer autonomen Kurden-Region in Syrien potentiell für gefährlicher halten als die Dschihadisten-Gruppen.

Didier Billion, Türkei-Spezialist

Die Türkei – Gefangene ihrer eigenen Strategie

Auch wenn die Türkei ein Teil der internationalen Koalition ist und die Positionen des Islamischen Staates bombardiert, ist ihr Beitrag bislang in erster Linie humanitärer Natur. Das Land hat mittlerweile mehr als 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge aufgenommen. Militärisch hält sich Ankara jedoch heraus. Zudem wirft der Westen der Türkei eine gewisse Laissez-faire-Haltung gegenüber dem Islamischen Staat vor. Die türkische Regierung hat im syrischen Konflikt zugesehen, wie sich die Streitkräfte des Assad-Regimes, die syrischen Rebellen und die Dschihadisten-Gruppen abnutzen. So hoffte sie, ihre Interessen zu schützen. Sie sahen zum einen dabei zu, wie sich die kurdischen Kräfte erschöpften und glaubten somit dem Schreckgespenst der Schaffung eines kurdischen Staates an seinen Grenzen zu verhindern. Zum anderen sollte der Sturz des Regimes in Damaskus beschleunigt werden. Schreckgespenster hat Ankara viele: innerhalb der Türkei ist da die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK, die immer noch als terroristische Organisation angesehen wird. Hat sich die Türkei also - bei der Wahl zwischen den Dschihadisten und den Kurden - für das kleinere Übel entschieden? 

 
"Das ist ein bisschen übertrieben", meint von Didier Billion, Türkei-Spezialist und stellvertretender Direktor des Instituts für internationale und strategische Beziehungen (IRIS). "Auf jeden Fall ist aber klar, dass die Entscheidungsträger in Ankara kurz- und mittelfristig die Entstehung einer autonomen Kurden-Region in Syrien potentiell für gefährlicher halten als die Dschihadisten-Gruppen." Für die Türkei könnte die Schaffung eines kurdisch-kontrollierten Gebietes entlang seiner Grenze der ‚Point of no-return‘ sein, während die Dschihadisten nur einen begrenzten Lebensraum beanspruchen würden.

 

Dezente Hilfe für die Al-Nusra-Front

Vor ein paar Monaten wurde in der Türkei ein Video veröffentlicht, das für Verwirrung sorgte. Darin sah man einen LKW-Konvoi, der die Türkei in Richtung Syrien verlassen sollte, unter dem Deckmantel der humanitären Hilfe. Die Kolonne wurde an der syrischen Grenze gestoppt und die Fracht durchsucht. Unter einigen Kisten mit Medikamenten fanden die Gendarmen Waffen und Munition. Danach wurden einige Personen festgenommen, unter dem Verdacht des Waffenschmuggels zugunsten der syrischen Rebellen. Unter den Festgenommen sollen sich Mitarbeiter des türkischen Geheimdienstes MIT befunden haben. Viele fragen sich seitdem, inwieweit der Geheimdienst in diese Affäre verwickelt ist.

Zu sagen, dass es eine Allianz zwischen der Türkei und dem Islamischen Staat gibt, wäre übertrieben, aber es ist offensichtlich, dass es zumindest eine objektive Mitschuld gibt an dem, was dort stattgefunden hat. 

Didier Billion, Türkei-Spezialist

Der Konvoi befand sich auf dem Weg zu einem Gebiet, das von der Al-Nusra-Front kontrolliert wird, dem syrischen Zweig des Terrornetzwerks Al-Kaida. Trotz eines Dementis der türkischen Behörden ist Didier Billion überzeugt: "Es hat Hilfe für Dschihadisten-Gruppen gegeben. Wir wissen, es gibt eine Reihe von Al-Nusra-Kämpfern und auch des Islamischen Staates, die bei Gefechten verwundet und in türkischen Krankenhäusern behandelt wurden." Es gäbe genügend Belege für die Nachsichtigkeit der Türkei, dessen Grenzgebiet zu einem der wichtigsten Schleuserwege für radikalislamische Kämpfer in Syrien geworden ist. "Zu sagen, dass es eine Allianz zwischen der Türkei und dem Islamischen Staat gibt, wäre übertrieben, aber es ist offensichtlich, dass es zumindest eine objektive Mitschuld gibt an dem, was dort stattgefunden hat. In den letzten Monaten hat sich die türkische Strategie allerdings zugunsten der Al-Nusra-Front und zum Nachteil des islamischen Staates geändert." Ankara hat sich also vom Monster "Islamischer Staat" abgewandt, das außer Kontrolle geraten ist, wie die jüngsten Informationen in den IS-Netzwerken über Verhaftungen von Islamisten auf türkischem Boden belegen.

 

Ankaras syrische Obsession

Die heutige Situation erklärt sich einerseits durch die Siege der kurdischen Streitkräfte in Syrien, die Ankara eigentlich ausbremsen wollte, andererseits auch durch "die nahezu obsessive Unerbittlichkeit" des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, "der beschlossen hatte, das Regime von Baschar al-Assad zu stürzen", meint Didier Billion. Diese syrische Besessenheit sei ziemlich "emotional". Vor dem Ausbruch des syrischen Aufstands hatte es eine bemerkenswerte Annäherung zwischen der Türkei und Syrien gegeben. Es gab eine Militärkooperation, gemeinsame Kabinettssitzungen der Regierungen. Zu Beginn des Jahrhunderts hatte es den Anschein, dass die Türkei sich entschlossen hatte, das Regime in Damaskus wieder ins regionale und internationale Spiel bringen zu wollen. Ankara war damit nicht allein, auch Frankreich hielt den Sohn von Hafez al-Assad für einen glaubwürdigen Gesprächspartner. Als zu Beginn des Arabischen Frühlings die ersten Protestkundgebungen von dem Regime in einem Blutbad ertränkt wurden, schickte die Türkei seine Emissäre, um das Regime in Damaskus zur Räson zu bringen.   

 

Im Juli 2011 traf Didier Billion türkische Diplomaten, die sich für politische Reformen in Syrien stark gemacht hatten – ohne Erfolg. Und sie lieferten ihm folgende Feststellung: "Baschar hat uns angelogen, so kommt er uns nicht davon. So springt man nicht mit der Türkei um." Als Ankara gemerkt habe, dass es keinen Einfluss mehr auf Baschar al-Assad hatte, musste eine schnelle Entscheidung her: die Beziehungen mit Damaskus aufrecht erhalten oder auf den Arabischen Frühling setzen? "Die türkische Regierung gab sich damals der Illusion hin, auf dem Weg zur Regionalmacht zu sein, und traf ihre Wahl: sie unterstützte fortan Assads Gegner."

 

Werden nach Suruç die Karten neu gemischt?

Die türkische Strategie hat sich bei weitem nicht bezahlt gemacht. Mit dem Stillstand im Bürgerkrieg hat sich der Konflikt auch radikalisiert. Syrien ist zu einer Brutstätte für radikalislamistische Bewegungen geworden, die die Türkei auch noch diskret unterstützt hat. Das Zögern Ankaras, beispielsweise in der Schlacht um Kobané einzugreifen, hat der Türkei schwer geschadet. Die Kurden allein gegen den "Islamischen Staat" kämpfen zu lassen, hat diese in den Augen der internationalen Öffentlichkeit und Staatengemeinschaft eine gewisse Legitimität verschafft. Der Anschlag von Suruç könnte dafür sorgen, dass die Karten in Syrien neu gemischt werden. Weil sie auf ihrem eigenen Territorium angegriffen wurde, könnte die Türkei sich nun verpflichtet sehen, zurückzuschlagen. Aber wird sie auch wirklich militärisch intervenieren?  

 
"Ankara sitzt da ein wenig in der Falle", meint Didier Billion abschließend. "Die zurückliegenden Ereignisse werden vermutlich dazu führen, dass die Türkei ihre Unterstützung der Al-Nusra-Front verstärkt. Auf der anderen Seite ist sie Mitglied der NATO. Die Türkei hat es versäumt, eine bedeutende Rolle in der Region zu übernehmen. Sie ist zwar Teil der von USA geführten Koalition gegen den IS, aber dieses Engagement ist nur formeller Natur. So verweigert Ankara den USA, die größte Luftwaffenbasis der Region in İncirlik für Kampfeinsätze zur Verfügung zu stellen. Nach dem Attentat in Suruç könnte man sich vorstellen, dass die türkische Regierung diese Haltung überdenkt und İncirlik auch für Kampfjets der Koalition freigibt. Das würde aber bedeuten, dass Ankara klar, deutlich und ohne doppeltes Spiel den IS als Gegner begreift und dementsprechend handelt. Aber so weit sind wir noch nicht."

Um die Situation an der türkischen Grenze um die Konflikte zwischen den kurdischen Gruppen und dem Islamischen Staat besser zu verstehen, hier unsere Übersichtskarte: 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016