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„Das menschliche Leben hat in Indien keinen Wert mehr“

Länder: Indien

Tags: Gewalt gegen Frauen, Gewalt, Diskriminierung, Unterdrückung

Lourdes Picareta, die Regisseurin des Films "Gewalt im Lande Gandhis" spricht mit ARTE über Diskriminierung und Unterdrückung in Indien und über die Erfahrungen, die sie bei den Dreharbeiten gemacht hat.

ARTE: Was hat Sie dazu bewogen, diesen Film zu machen?

Lourdes Picareta: Als in den Medien zahlreiche Schlagzeilen über die Gewalt gegen Frauen in Indien auftauchten, hat das die Aufmerksamkeit unserer Redaktion geweckt. Wir haben schnell gemerkt, dass die Ausschreitungen gegen Frauen nur einen kleinen Teil der Gewalt in Indien ausmachen. Die Frau ist das schwächste Glied. Aber die Gewalt geht darüber hinaus und ist in der indischen Gesellschaft begründet. Zu sehen, wie sich diese Gewalt äußert, woher sie stammt, war eine regelrechte Offenbarung. Ich war für den Film zum ersten Mal in Indien. Dabei hat mich der Kontrast schockiert zwischen der Idee, die wir von diesem Land haben, als Land Gandhis, der großen Seele, in das man fährt um sich selbst zu finden, und der erschreckend ungerechten Wirklichkeit.

 

Was waren Ihre ersten Eindrücke als Sie dort ankamen?

Lourdes Picareta: Zum einen Entsetzen über das "alttestamentarische" Gedankengut der Männer. Am Anfang dachte ich, dass diese Ideen nur im Hinterland verbreitet sind, wo die Menschen keinen Zugang zu Bildung haben. Doch in Neu Delhi trafen wir auf die gleiche Einstellung. Wir sprachen zum Beispiel mit einer Ärztin, die von ihrem Mann die Treppe hinunter gestoßen worden war, weil sie sich geweigert hatte, ihre weiblichen Zwillinge abzutreiben. Auch ihr Mann, selbst Arzt und aus Neu Delhi funktioniert nach den Urüberzeugungen, dass Mädchen ein Unglück für die Familie bedeuten. Denn die Familie muss im Hochzeitsalter eine enormen Aussteuer an die Familie zahlen, in die das Mädchen einheiratet. Und das nicht nur bei der Hochzeit - oft ein Leben lang. Zahlt die Familie nicht, werden die Töchter getötet...   

Da machen westliche Touristen Urlaub in luxuriösen Hotels in einem Land, in dem jährlich zwei Millionen Frauen Opfer von Gewalt werden und Kinder auf der Straße sterben. 

 

Was mich ebenfalls schockiert hat, war die extreme Verschmutzung des Landes. Sobald man den klimatisierten Flughafen von Neu Delhi verlässt, riecht es nach Kot.

Erschreckend ist auch, dass es großteils an Empathie mit den Schwachen fehlt. In der heiligsten aller Städte Indiens, in Varanasi wäre ich einmal auf der Straße beinahe über ein totes Kind gestolpert. Meine Stringerin und Kollegin, selbst eine Inderin aus Neu Delhi erklärte mir: „Das ist Alltag.“ Die toten Kinder werden täglich auf der Straße eingesammelt. Stellen Sie sich das vor: Da machen westliche Touristen Urlaub in luxuriösen Hotels in einem Land, in dem jährlich zwei Millionen Frauen Opfer von Gewalt werden und Kinder auf der Straße sterben. Das menschliche Leben hat in Indien keinen Wert.

 

Sie gehen in Ihrem Film auf das Kastensystem ein. Warum hält sich dieses so hartnäckig in der indischen Gesellschaft?

Lourdes Picareta: Darauf habe ich keine eindeutige Antwort. In meinem Film versuchen Wissenschaftler verschiedener Fachgebiete diese Frage zu beantworten. Ich denke, dass das Kasten-System vom wilden Kapitalismus übernommen wurde, und in dieser neuen Rolle weiter besteht. Es ermöglicht, Menschen zu manipulieren und als Arbeitskräfte auszubeuten. Arbeiter ziehen in Großstädte und schuften für den Bau von Hochhäusern - in Mumbai werden anschließend 4-Zimmerwohnungen in diesen Häusern für zwei Millionen Dollar verkauft. Die Arbeiter selbst hausen in Baracken in den Slums, ihre Kinder gehen nicht einmal zur Schule. Wenn das Hochhaus, oder der Business Park fertig sind, arbeiten sie weiter als Bedienstete für die Eigentümer. Vor allem in dem Bundesstaat Gujarat hat der aktuelle Ministerpräsident Narendra Modi, langjähriger Regierungschef des Bundesstaats, die Entstehung glanzvoller Gebäude vorangetrieben. Und das hat die Kluft zwischen arm und reich noch vergrößert. Das uralte Denken der Kasten gibt sich mit dem wilden Kapitalismus die Hand.

 

Es stellt sich die Frage: „Wo kann eine Frau ihr Recht geltend machen?“

 

Gibt es eine Möglichkeit, aus der Kaste auszubrechen?

Lourdes Picareta: Die Protagonistin unseres Films ist eine Dalit, also ein Mitglied der niedrigen Kaste, die von einer Gruppe von Männern vergewaltigt wurde. Weil sie ihre Anzeige nicht zurückziehen will, bekam sie zahlreiche Morddrohungen und steht unter Polizeischutz. Ihr Schicksal bleibt am Ende des Films offen. Ich denke, dass sie noch am Leben ist, ich habe nichts Gegenteiliges gehört. Sollte sie nicht überleben, dann müsste ich diese Frage mit Nein beantworten. Aber ihr Beispiel zeigt, dass es junge Menschen gibt, die aufbegehren und die einen Wandel herbeisehnen. Es gibt Hoffnungsträger, wie unsere Interviewpartner, die ein Ende des Systems fordern. Und auch die Stimmen der Frauen, die Diskriminierung und Gewalt nicht mehr länger hinnehmen wollen, werden lauter.

Jedoch ist fraglich, ob sie wirklich einen Wandel in der Gesellschaft herbeiführen können. Die Ärztin, von der ich gesprochen habe, kämpft seit 14 Jahren - so alt sind ihre Zwillingstöchter - vor Gericht gegen ihren Mann. Sie wurde auf offener Straße angefahren und muss sich mit korrupten Gerichten herumschlagen. Da stellt sich die Frage: „Wo kann eine Frau ihr Recht geltend machen?“

 

Die hindunationalistische Regierung von Narendra Modi schreibt sich die Unterdrückung der Muslime direkt auf die Fahne.

 

Sie gehen auch auf die Rolle die Muslime ein…

Lourdes Picareta: Ja, das ist eine komplizierte Geschichte. Die Muslime sind Teil dieses System der Unterdrückung, der Kasten und der Gewalt. Aber sie gehören einer anderen Religion an und werden auch deshalb zusätzlich verfolgt. Die neue hindunationalistische Regierung von Narendra Modi schreibt sich die Unterdrückung der Muslime ja direkt auf die Fahne.

 

 

Haben sich die Ausschreitungen gegen Muslime seit seiner Amtsübernahme verstärkt?

Lourdes Picareta: Ich selbst war nicht lange genug im Lande, um das beurteilen zu können. Aber unsere muslimischen Protagonisten und Organisationen, die sich für die Rechte der Muslime einsetzen, sprechen von einer deutlichen Verschlechterung. In dem Film kommt eine Aktivistin vor, die Hindu ist und sich für die Rechte der Muslime einsetzt. Sie erhielt mehrere Morddrohungen und braucht ständigen Polizeischutz. Das sagt bereits alles.

 

Gandhi war im Hinduismus gefangen. Das ging so weit, dass er dagegen gewesen sei, dass die Abschaffung der Kasten in die Verfassung aufgenommen wird. 

 

Sie haben Ihren Film „Gewalt im Lande Gandhis“ genannt. Einer ihrer Interviewpartner, ein Politikprofessor, wirft auf, dass sich Gandhi nicht für die Abschaffung der Kasten eingesetzt hat. Denn das System ist eng mit dem Hinduismus verbunden. Soll die Dokumentation dem Bild, das der Westen von Gandhi hat auch etwas von seinen Glanz nehmen?

Lourdes Picareta: Auf jeden Fall. Die Schriftstellerin Arundhati Roy, die sich mit dem Thema auseinandergesetzt hat, zeigt in ihrem ausführlichen und investigativen Vorwort zum Buch The Doctor and the Saint auf, dass Gandhi im Hinduismus gefangen war. Das ging so weit, dass auch er dagegen gewesen sei, dass die Abschaffung der Kasten in die Verfassung aufgenommen wird. 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016