Das Land in ihren Augen (6/6), von Laurent Gaudé

Länder: Irak

Tags: Literatur, Flüchtlinge, Kurdistan

Sechstes Kapitel der Reisebeschreibung nach Kawergorsk, im Herzen des kurdischen Nord-Irak.

Man müsste die Blicke der Flüchtlinge aufschreiben können. Die meisten sind abgrundtief, irgendwie verschleiert, gebrochen. Die Augen sind oft hell und wunderschön, aber zutiefst melancholisch. "Ich würde meine Augen hingeben, um heimkehren zu können", sagte uns ein alter Mann. Mir scheint, als läge das Land, das sie verlassen haben, genau dort, in ihren Augen. Es verleiht ihnen diese Tiefe. Das Exil liegt in ihrem Blick.

An einem Nachmittag begegne ich den beiden Mädchen Shaveen und Roucheng. Die eine ist 19 Jahre alt, die andere 16. Sie bitten uns in das Zelt ihrer Familie und sprechen sehr offen. Es sind zwei Teenager. Shaveen tragt ein Sweatshirt und eine hübsche Frisur und wird rot, als unsere Freundin und Dolmetscherin Ania sie fragt, ob die ständigen Anrufe auf ihrem Handy von einem Jungen stammen. Zwei Teenager, wie überall auf der Welt – wäre da nicht das Zelt um uns herum, an dessen Planen der Wind rüttelt. Und würde Shaveen nicht davon erzählen, wie ihr Vater in Syrien gefangengenommen wurde, die Familie wochenlang wartete und um sein Leben fürchtete. Bei seiner Freilassung beschlossen sie, das Land sofort zu verlassen. Shaveen weint nicht, als sie von diesen Wochen mit ihrer Mutter, ihren Brüdern und Schwestern erzählt. Erst später, als sie auf ihr abgebrochenes Studium zu sprechen kommt, beginnt sie zu weinen. Weil das Leben stehengeblieben ist. Von einem Tag auf den anderen. Für jeden einzelnen dieser zehntausend Menschen stand das Leben plötzlich still. All diese Männer und Frauen, wie Shaveen, hatten Pläne und Hoffnungen. Dann brachte das Exil alles ins Wanken. Das Leben wird nicht so verlaufen wie gedacht. Eine andere Zukunft kann sich Shaveen noch kaum vorstellen – sie hat den Eindruck, mit 19 Jahren sei für sie alles vorbei. Und sie weint, weil das Unglück ihr das Leben gestohlen hat.

"Trotz des Unglücks, das ihre Hände zu Fäusten ballt, sind sie schön – und diese Schönheit will ich mit zurück nach Frankreich nehmen"

 

Im Grunde ist es nicht ihr Land, das sie in ihren Blicken tragen. Ihr Land gibt es nicht mehr. Die meisten von ihnen wissen das noch nicht, sprechen weiter von "zu Hause" – doch selbst wenn sie in den nächsten Wochen nach Hause können, würden sie ihr "zu Hause" nicht wiederfinden. Denn "zu Hause" bedeutet für sie "ihr altes Leben": ihr Haus aus der Zeit vor dem Krieg, ihre Nachbarn, ihre Gewohnheiten, ihre Hoffnungen. Doch das alles ist Vergangenheit. Das alles liegt in ihren Blicken – die Sehnsucht nach dem Leben, das man ihnen entrissen hat.

Am Ende lächelt Shaveen und wischt sich die Tränen ab. Das Leben ruft sie zurück. Wir hoffen heimlich, sie möge die Kraft finden, sich ein neues Leben zu erfinden. Mit dem Herzen eines neunzehnjährigen Mädchens. Und dass auch die anderen, um sie herum, mit ihren Babys auf den Armen, die Kraft finden mögen, etwas anderes aufzubauen als das ursprünglich Geplante. Damit in ihrem Blick nicht mehr das Schimmern des Scheiterns liegt, sondern etwas so Lebendiges, so Unbezwingbares wie der menschliche Wille. Ich habe ihn schon oft in ihren Augen gesehen, diesen Funken. Dann habe ich manchmal Lust, mich vor ihnen zu verbeugen. Denn trotz des Unglücks, das ihre Hände zu Fäusten ballt, sind sie schön – und diese Schönheit will ich mit zurück nach Frankreich nehmen; diese edle, unberührte Schönheit, wie das Lächeln von Shaveen.