Das Kino von Jane Campion

Länder: Frankreich

Tags: Cannes, Festival, Jury

Durch die Würdigung ihres Talents haben die Filmfestspiele von Cannes zu ihrem Weltruhm beigetragen. Nun leitet sie die diesjährige Festival-Jury – der Anlass für einen Rück- und Ausblick auf das Werk einer Künstlerin, deren Filme mehr von sich reden machen als sie selbst.

Sie ist eine engagierte Frau und hat als Filmemacherin höchste künstlerische Weihen empfangen (darunter zwei Goldene Palmen in Cannes, einen Oscar und einen Grand Prix in Venedig). Dennoch bleibt Jane Campion lieber im Hintergrund. Doch seit einiger Zeit steht die Künstlerin mehr als sonst im Rampenlicht.

 

Bereits 2013 fiel ihr Name im Zusammenhang mit der im November letzten Jahres von ARTE ausgestrahlten Serie Top of the lake deren Handlung – erstmals nach Das Piano – wieder in Campions Heimat Neuseeland spielt und mit der die Filmemacherin an das Medium Fernsehen anknüpft, wo sie nach dem Abschluss der Filmhochschule Sydney kurzzeitig ihre ersten Erfahrungen gesammelt hatte. Wenig später folgte die Nachricht von ihrer Nominierung zur Jurypräsidentin der diesjährigen Filmfestspiele von Cannes. Das Ereignis ist unweigerlich der Anlass für eine erste Schaffensbilanz – und zugleich ein gebührendes Geburtstagsgeschenk für die 60-Jährige…

 

Außergewöhnliche Heldinnen
In ihrer dreißigjährigen Filmkarriere schuf Jane Campion sieben abendfüllende Filme und eine sechsteilige TV-Serie. Hinzu kommen vier oder fünf durchaus bedeutsame Kurzfilme, denn Jane Campion hat dieses Format immer mit großer Leidenschaft verteidigt. Wie sollte es anders sein – schließlich errang sie mit ihrer achtminütigen Studienarbeit Peel 1986 ihre erste Goldene Palme*.


Jane Campions in Anbetracht der langen Schaffenszeit nicht allzu umfassendes Werk ist äußerst stimmig und von den Genres her überaus vielfältig. Es reicht vom zeitgenössischen Drama (Sweetie, Holy Smoke) über den Kostümfilm (Das Piano, Bright Star) bis hin zur Literaturverfilmung (Portrait of a Lady, Ein Engel an meiner Tafel), und zum Krimi (In the Cut, Top of the lake). Diese Geschlossenheit beruht auf den einzigartigen Protagonistinnen: Es sind verletzte, frustrierte, verängstigte, exzentrische, verliebte oder auch zutiefst sinnessüchtige Frauen, die aus der Bahn geworfen und an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden und die gegen die (stets männliche) Norm ihrer Zeit verstoßen.

 

Ihren romanhaften Sog entfalten Jane Campions Filme nicht so sehr durch die Kostüme oder die bezaubernden Landschaften, sondern vor allem durch die energiegeladenen Frauengestalten, die auf der Suche nach sich selbst die Erzählung auf unvorhersehbares Terrain treiben und, völlig entblößt, selbst zum Studienobjekt werden.

 

Eine neue Grenze
Jane Campions cineastisches Schlüsselerlebnis war, und das mag nicht überraschen, Buñuels Belle de jour – Schöne des Tages, das sie bereits im Alter von dreizehn Jahren sah. Dennoch wäre, wolle man Campions Werk umschreiben, angesichts der höchst unterschiedlichen Gestalten und der stilistischen Vielfalt das Stichwort „Feminismus“ zu kurz gegriffen, auch wenn dieses Thema in ihren Filmen durchaus präsent ist. Jane Campions Blick ist der einer in jeder Hinsicht kompromisslosen Künstlerin.

 

Selbst bei der Fernsehproduktion Top of the lake setzte sie gegenüber der BBC ihren Anspruch und ihre künstlerische Freiheit durch – und verlangte damit manchen an sehr geradlinige Erzählweisen gewöhnter Fernsehzuschauern einiges ab … Jane Campion lässt sich nicht in Schubladen stecken. Fernsehen, so merkt sie an, ist für sie heute eine neue Grenze, deren weitere Erkundung sie – möglicherweise unter Abkehr von dem ihrer Meinung inzwischen konservativen Medium Film – öffentlich erwägt.


Ihr jüngster Langfilm Bright Star wirkt weiser in Stil und Ton. Das Ergebnis zieht einen in den Bann. Doch diese Weisheit ist ein neuer Wesenszug ihres Werks, denkt man an den eher ungehobelten und provokanten Ton ihrer Kurzfilme und ihres Debütwerks Sweetie oder auch an die romantische Exzentrik der nachfolgenden Streifen. Jane Campion ist zu einer künstlerischen Reife gelangt, in der sie mit anderen Erzählformen und anderen Formaten zu experimentieren scheint, um dem Sonderbaren und Abgründigen ihres künstlerischen Selbstverständnisses freie Bahn zu lassen. In der Hoffnung, dass dieses Sonderbare in Cannes Anerkennung findet, darf man neugierig auf ihr weiteres Schaffen sein, ob für die große Filmleinwand oder für andere Medien.

 

Jonathan Lennuyeux-Comnène 

 

* Peel wird am Freitag, 16. Mai, um 0.10 Uhr in KurzSchluss ausgestrahlt.

 
Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016