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Das Erdöl, das zusammenschweißt

Länder: Irak

Tags: Kurdistan, chronologie, ISIL

Irakisch-Kurdistan war seit jeher ein Ort der Widersprüche und des Protests. In den vergangenen Jahren war die Lage in der Region eher ruhig, auch wenn sie nach Unabhängigkeit des irakischen Staates strebt. Mit der Ankunft der Dschihadisten ändert sich die Gesamtsituation jedoch gewaltig.

Seit 2005 hat die Regionalregierung in Kurdistan die Exekutivgewalt und verwaltet die Region im Norden des Irak von der kurdischen Hauptstadt Arbil aus. Die Einheit verfügt über eine starke Autonomie und besitzt eine Nationalversammlung. Bewaffnete Streitkräfte, die Peschmerga, sind für die Sicherheit verantwortlich und sind in das nationale, irakische Abwehrsystem eingegliedert. Präsident Masud Barzani kämpft weiter für die Unabhängigkeit des irakischen Kurdistans. 


 
Große Reserven des Schwarzen Goldes

Um dieses Ziel zu erreichen, benötigt die Region vor allem finanzielle Mittel. Sie erhält zwar 17% des nationalstaatlichen Budgets, versucht aber, die Einnahmen durch Erdölgeschäfte zu steigern. Die nachweisbaren Reserven belaufen sich auf 45 Millionen Barrel, fast ein Drittel der irakischen Reserven. Zwei große Raffinerien sind im Einsatz und eine Pipeline verbindet seit Beginn des Jahres die Förderanlage von Tak-Tak mit der Pipeline Kirkuk-Ceyhan in der Türkei. 

 

Eine erste Lieferung des irakisch-kurdischen schwarzen Goldes Ende Mai nach Marokko hat für heftige Polemik gesorgt. Der irakische Premierminister Nuri al-Maliki sah "die Souveränität seines Landes beschädigt" und forderte 250 Millionen Dollar Entschädigungszahlungen von der Türkei. Er beschuldigte die Türkei durch einen Deal mit Kurdistan Geschäfte in Marokko gemacht zu haben. Das Geschäft habe nicht mit dem staatlichen Unternehmen für die Vermarktung von Erdöl (SOMO) stattgefunden - die einzige, die dazu ermächtigt ist, solche Geschäfte zu tätigen. 
Die unterschwellige Befürchtung: Kurdistan könnte sich wirtschaftlich von Bagdad losmachen. Ein Risiko, das mit der Unterzeichnung von zahlreichen Verträgen zwischen Arbil und ausländischen Erdölunternehmen in den letzten Jahren steigt.

 

Vormarsch der ISIL nicht überraschend

Der Vormarsch der Dschihadisten von ISIL ("Islamischer Staat im Irak und der Levante"), die inzwischen Mossul kontrollieren und sich Kirkuk nähern, hat die kurdische Regionalregierung dazu veranlasst, am 13. Juni die Kontrolle über die Erdöl-Stadt zu übernehmen. Die kurdischen Peschmerga sind von nun an vollständig für die Sicherheit vor Ort zuständig, nachdem irakische Soldaten ferngeblieben waren. Die Machtübernahme kam nicht überraschend - Arbil hatte Bagdad schon vor Monaten alarmiert, dass es kaum Regierungtruppen in der Region gebe. 

 

In der Not schließt man sich zusammen

Die Verschlechterung der irakischen militärischen Situation könnte paradoxerweise dazu führen, dass sich Arbil und Bagdad annähern, um die nationale Einheit zu verteidigen. Die kurdischen Streitkräfte scheinen den Islamisten eher gewachsen als die Regierungstruppen. Die prekäre Sicherheitslage könnte die bestehenden Streitigkeiten vergessen machen. Der gemeinsame Kampf drängt sich auf, da beide Einheiten bedroht sind. 
Die Flucht der Menschen infolge der Gewalt hat 300.000 Flüchtlinge in das irakische Kurdistan getrieben. Die Behörden haben in Khazair Zelte aufgebaut und verteilen Essen und Wasser, 40 Kilometer von Mossul entfernt. Ein weiteres Camp ist in Gamarwa im Aufbau. Die Unabghängigkeitsgedanken sind offenbar vorerst auf Eis gelegt. 

 

 

Die Autonome Region Kurdistan im Irak in zehn Schlüsseldaten:

 

 

 

Zuletzt geändert am 8. Dezember 2016