|

Das Empire ist tot, es lebe das Empire

Länder: Großbritannien

Tags: Brexit

In der Debatte um den Verbleib Großbritanniens in der EU biegen sich Politiker die Geschichte zurecht. Eine gefährliche Strategie, sagt Historiker Graham Smith.

"Nebel über dem Kanal – Kontinent außer Sicht", titelten britische Zeitungen in den 1930er Jahren und kritisierten die damalige Appeasement-Politik. Heute stochern Großbritanniens zänkische Politiker eher im Nebel, wenn es darum geht, Kontakt mit dem zunehmend desillusionierten Wahlvolk zu halten. Ihre Antwort auf die wachsende Unzufriedenheit der Bürger fällt ebenso eigen wie vorhersehbar aus: Sie besinnen sich auf die Geschichte – und leiten aus dem Rückblick nach Belieben jene Argumente ab, die entweder für oder gegen einen Verbleib des Landes in der Europäischen Union sprechen.

 

Zu den lautesten Stimmungsmachern zählen die "Historians for Britain", die Historiker für Großbritannien, die man getrost als Märchenerzähler bezeichnen kann. Sie ernennen sich selbst zu Experten der antieuropäischen Sache, halten Lobreden auf das Empire, schwelgen in der kriegerischen Vergangenheit. Auf der anderen Seite positionieren sich die EU-Befürworter. Sie glätten die Geschichte des Landes so lange, bis sie daraus ableiten können, dass die Briten ja immer schon Europäer waren – auch wegen der langen kulturellen und Handelsbeziehungen zum Kontinent. 

 

Beide Fraktionen ließen übrigens wenig geohistorische Trennschärfe erkennen und setzten England laufend mit Großbritannien gleich. Und das trotz der jüngsten Unabhängigkeitsbestrebungen Schottlands. 

Weder Historiker noch Politiker tun sich damit einen Gefallen, vereinfachte Interpretationen der Vergangenheit für ihre Zwecke zu nutzen. Geschichte ist nuanciert, mehrschichtig, niemals eindimensional. Als Beweismittel in öffentlichen Diskussionen ist sie nur bedingt und vor allem neutral einzusetzen. Und: Wir alle brauchen ein wacheres Auge für die veränderte und verfälschte Wahrnehmung der nationalen und internationalen Vergangenheit. Das könnte uns tatsächlich davor bewahren, dieselben Fehler noch einmal zu machen. 

 

Ganz gleich, ob Großbritannien in der EU bleibt oder nicht: Die regionalen und sozioökonomischen Ungleichheiten im Land werden größer – ebenso wie der Wunsch nach Veränderung. Nostalgische Mythen können diese Probleme nicht übertünchen.

Zur Person: Dr. Graham Smith ist Dozent an der Royal Holloway University of London. Mit Dr. Edward Madigan initiierte er in der Debatte um den Brexit die "Historians for History".

Zuletzt geändert am 8. Juni 2016